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Geschichten und Gedanken die uns durch das Jahr begleiten und die Seele wärmen

  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1643
vor > 5 Jahre
@all
 
Und hier wieder einmal eine Kurzgeschichte von unserem -minu. Hilft bestimmt gegen Novemberdepressionen und ich wünsch euch viel Spass dabei: 
 
Donnerstag. – Innocent ist verstimmt. Seelisch. Und bauchtechnisch. 
Mit letzterem Handicap hätte ihn Herr Hitzfeld sicher auf die Reservebank gesetzt. Da mir in Syrien keine Reservebank zur Verfügung gestellt wurde, habe ich Innocent mit Imodium zugestopft:
«...und wenn du noch ein einziges Mal bei diesen Strassenhändlern deine Granatapfelsaft-Schau abziehst, streiche ich dir die Stopftabletten. Und du hast zum letzten Mal weisse Jeans getragen!»
Syrien ist natürlich nichts für jemanden, der die Pizza mit Chianti runterspült. Und als Herr Innocent den ersten Strassenhändler sah, der aus einem trompetenblechgoldenen Gefäss Rotes in Becher abfüllte, stand er sofort freudig an.
ES WAR ABER KEIN ITALIENISCHER FUSEL. Es war reinster Ganatapfelsaft. Und ihr werdet jetzt fragen: ja schmeckt denn so etwas?
ES SCHMECKT. Zwar etwas pelzig auf der Zunge. Aber immerhin.
Nachdem unser Freund gleich zwei von diesen trüben Bechern ausgenuggelt hatte, blieb er noch genau eine halbe Stunde fit. Und dicht. Als wir aber in dieser herrlichen Zitadelle von Aleppo auf dem Hügel, wo schon Abraham seine Schafe weiden liess, standen ... als wir da viele hohe Stufen hinaufgekeucht waren, den ausgetrockneten Burggraben und das viele Hundert Jahre alte Hammam bewundert hatten (dieses Bad, wo die Syrier schon immer Dampf abliessen) – also da dampfte auch Innocent. Er zupfte mich am Ärmel: «Ich glaube, ich muss...».
UND JETZT SUCHEN SIE MAL IN EINER ZITADELLE, DIE SO WACKLIG IST WIE DIE ZÄHNE DER KEMBSERWEG-OMI DEN ORT, WO INNOCENT KANN, WENN ER MUSS.
Ich versuchte es auf Französisch. Auf Englisch. Italienisch. Und in Verzweiflung, weil Innocent schon rhythmisch zu zuckeln begann auch in heimischer Prosa : «WHERE IS THE VERDAMMTE SCHEISSHAUS?»
Aber die wunderbaren Menschen in ihren gewundenen Kopftüchern lächelten nur sanft. Sie machten eine leichte Verbeugung: «Welcome».
Sie «welcomen» immer. Und nur.
Wenn wir im Hotel nach Kaffee fragen, heisst es «Welcome».
Wenn wir um Preise feilschen: «Welcome!»
Und selbst wenn wir uns erkundigen, ob die Läden denn am Freitag wirklich alle geschlossen hätten: «Welcome!».
Da wir so ziemlich die einzigen Touristen ringsum waren, wurden wir von den Zitadellenwärtern, den Wasserpfeifenverkäufern und Kamelvermietern keine Sekunde aus den Augen gelassen.
ES WAR ALSO NIX MIT:«ICH GEH MAL HINTER DIE MAUER!»
Aber ALLAH ist einsichtig. Er schickte uns ein vergammeltes Blechplakat mit einem Strichmännchen drauf. UND DORT HINTEN WARS DANN.
Nicht auszudenken, wenn Innocent eine Frau gewesen wäre. Es gab keine Strichfrauchen.
Die seelische Verstimmung unseres lieben Freundes aber basiert auf der Tatsache, dass an allen Ecken und Enden nach mir gerufen wird.
JAWOHL. NACH M I R.
Mein erster Gedanke: «... Tele Basel. Auch hier!»
Mein zweiter Gedanke: Jusef, unser Fahrer, hat ihnen von meiner Schokolade erzählt. Natürlich war es kein Intelligenzbeweis, Schokolade nach Syrien einzuführen. Aber ich dachte mir: Was in Italien funktioniert, mundet auch den Syriern. Und öffnet Tür und Tor.
Leider dümpeln die Temperaturen in Aleppo um satte 45 Grad – und die Schokolade ist dann keine solche mehr. Jusef hat herzlich gelacht und den Matsch an seine zwölf Kinder verteilt. Ich vermutete nun, dass die Syrier, diese Schleckmäuler, bei denen der Honig wie das Geigengesumse von André Rieu durch das Süsse trieft ... also ich vermutete ganz einfach, dass die Syrier auf meinen Schokoladenmatsch scharf waren. Deshalb «Chammmmel…Chammmel!! Chammel…»
ABER SIE WAREN NICHT SÜSSSCHARF. Sie rufen nämlich immer und überall so etwas wie «... Chammel...Chammel!». Und es heisst weder Hammel noch Kamel, sondern ganz einfach nur «tschüssli». (So etwas musst du ja auch zuerst einmal schnallen).
Ich habe also sofort aufgehört, nach links und rechts zu winken. Und der nunmehr durch die Pillen verstopfte Innocent konnte sich gar nicht mehr einkriegen. «Es muss sich ja nicht die ganze Welt um die Hammels drehen ... du bist wie dein Vater selig ... und selbst in Syrien fehlt dir jede Demut und Vernunft und ...»
DAS WAR D I E PARTNERKRISE BEI 45 GRAD IM SCHATTEN.
Ich meine: da hätte sich Herr Obama aber mal seinen Nobelfriedenspreis redlich abverdienen können.
Immerhin – ich entschuldigte Innocent stumm. Es ist nicht einfach, mit Imodium und Granatapfelsaft auf Entzug zu leben. Dennoch: Ich hätte statt der Schokolade wohl lieber 20 Flachmänner mit Grappa mitnehmen sollen.
Schöne Grüsse
Eure Wurzel
Zuletzt editiert vor > 5 Jahre
  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1643
vor > 5 Jahre
Einladungen sind etwas Wunderbares.
[size= small]FÜR DIEJENIGEN, DIE EINGELADEN SIND.
Der Einlader aber ladet sich – wie schon der Name sagt – einige Mühe auf den Buckel und seine offenen Beine.
ICH WILL NICHT KLAGEN. Das mit den Einladungen habe ich mir selber eingebrockt.
ABER ES MACHT MICH WAHNSINNIG, WENN DIE UMGEBUNG MEINE ESS-INSZENIERUNGEN IMMER MIT GUTEN RATSCHLÄGEN NACHWÜRZEN MUSS.
«Mach nur etwas Kleines …» – das sagen sie alle.
Erstens habe ich nichts Kleines.
Und zweitens: Was bedeutet kulinarisch «etwas Kleines»? Ein Wachteleilein (pochiert)?
Ein Körnchen Kaviar? Oder – IGITT – etwa ein Aufschnittbrot aus dieser «DU DARFST»-Hühnerwurst, die man RÄDLEIN FÜR RÄDLEIN zuerst aus dem eingeschweissten Verpackungsgrab
wiederbeleben und dann sorgfältig entkleben muss?
Zuerst also müsste einer richtig definieren, was unter «mach etwas KLEINES (grossgeschrieben)» kapiert werden soll. Die baslerisch vornehme Familienseite meines Herrn Innocent hatte es da einfach. An Einladungen gab es eine Kanne mit Tee (1 Beutel = 3 Kannen!). Und viele fromme Worte. Die liebe Mutter von Innocent sprach solche Einladungen folgendermassen aus. «Kemmet z liecht…» Das ist nicht etwa Chinesisch. Es ist Alt-Baslerisch. Und ich habe bis heute noch nicht begriffen, ob mit «z liecht» «zum Licht» oder «zu etwas Leichtem» gemeint ist. Vermutlich Letzteres. Denn so ein Teelein, das in seiner Farbe den Schein reinen Wassers hatte, wäre nie schwer aufgelegen. Ein «Licht» konnte nur schlecht
gemeint sein. Aus Spargründen sass die ganze Familie nämlich abends im Dunkeln um den Tisch herum. Und das war gut so. Denn es hätte nicht viel Frohes zu sehen gegeben.
(GOTT, BIST DU WIEDER GEMEIN – ich höre die Sippe am nächsten Familientag aufheulen.)
Argwöhnisch reagierte ich auch bei ausgesprochenen Einladungen wie «Kemmet doch aifach go zuesitze…». (Andersrum: «Wir teilen uns das harte Ei zu viert und stellen noch zwei Stühle
an den Tisch.»)
DA ICH SCHON IMMER AUF DER VERFRESSENEN SEITE DAHEIM WAR, LEHNE ICH SOLCHE ANGEBOTE DANKEND AB. UND BRATE MIR MEIN SPIEGELEI SELBER.
Es wäre sicher vermessen zu behaupten, in der Drämmler-Familie sei besser gegessen worden als dort, wo das alte Basel einen halbierten Klöpfer als Sonntagsbraten servierte und das Ganze
«e nätts Ässeli» nannte.
O.k. Wir hatten keine silbernen Fingerbowlen mit Familienwappen, sondern putzten unsere Hände an den Hosen ab – aber eine schöne Auswahl erfreute immer den Gast. So konnte er zumindest zwischen Fleischkäse, Griesspfludde oder einem Einmachglas mit Spalierbirnen im
Sirup wählen. Immerhin waren wir an der Quelle. Tante Gertrude führte das, was man heute eine Delikatessothek nennen würde, damals aber
unter «Tante-Emma-Laden» lief. Da Gertrude mindestens so verfressen war wie ihr schönster Neffe, türmten sich im Geschäft Prosciutti und Würste wie nach einem Schlachtfest. Die Tante säbelte die haarigen Beinschinken aus Parma von Hand so hauchfein auf, dass man die Sternennacht durch die Scheiben sehen konnte. Entsprechend bestellten die alten Basler Häuser gerne bei ihr, weil 123 Gramm von Gertrudes feingesäbeltem Schweinehinter für ein ganzes Verlobungsessen reichten.
Im Weinkeller meiner Tante stapelten sich Hundert-Kilo-Säcke mit indischem Reis, italienischen Borlotti-Bohnen und getrockneten Weinbeeren aus Malaga. Wenn ich mein Sackgeld aufpolieren wollte, half ich beim Abfüllen von Kandiszuckerstücken, die wie Bernsteintränen funkelten. Ich wog Pfundsäcke mit jungen Nüssen aus Grenoble aus und versiegelte frisch eingetroffene Honigwaben vom Berge Athos.
Gertrude lehrte mich, dass die guten Rohmaterialien die Farbe der Küche seien. Sie alleine würden alle diese kostbaren Düfte entwickeln, welche den Gaumen umtanzen wie ägyptische Derwische die untergehende Sonne. Und sehr bald kapierte ich, dass Tomaten nicht einfach Tomaten sind. Sondern dass die einen uns mit ihrem sonnig-fruchtigen Innenleben ins Paradies heben und die andern nichts anderes zu bieten haben als einen schlechten Schluck Wasser. Sehr jung schon machte ich mich so auf die Suche nach all diesen sinnlichen Köstlichkeiten, die später Kilo für Kilo meinen Ranzen aufzubauen helfen sollten.
UND DANN KOMMT MIR INNOCENT DOCH TATSÄCHLICH MIT EINEM PÄCKLEIN KRAFTSCHEIBLETTEN HEIM UND SAGT, ES SEI IHM NACH ETWAS KLEINEM.
Dazu dies: «Wenn du die nächste Einladung machst, krieg dich doch vorher ein – und tisch nicht so wahnsinnig auf … man könnte ruhig mal etwas Kleines …»
«Z liecht?» «En Ässeli?»
Ich blicke traurig himmelwärts, wo Tante Gertrude vermutlich auf irgendeiner Wolke jordanische Honigmandeln mit geeistem Minzensirup kostet. Und ich spüre ihren Atem auf meiner Wange – ein Atem, der nach kandierten Himbeeren duftet … (-minu)[/size]
  • Sternenhimmel
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  • Beiträge: 2008
vor > 5 Jahre
@ Wurzel,
"ICH WILL NICHT KLAGEN. Das mit den Einladungen habe ich mir selber eingebrockt."
Ich lade oft Gäste ein und viele von ihnen sagen : " mach etwas Kleines". Es gelingt mir so gut wie nie etwas Kleines vorzubereiten :wink:
Schön sind die altbaslerischen Bezeichnungen für diese kulinarischen Köstlichkeiten. :D
LGr.
  • Profile
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vor > 5 Jahre
@ all
Gestern erhielt ich die links zu drei Videos, welche ich gern weitergebe. Sie zeigenNick Vujicic im Seminar.
Nick Vujicic ist 23
Jahre alt und wurde ohne Arme und Beine geboren. Aber er konzentriert sich nicht auf das, was fehlt, sondern auf das,
was da ist. Und das ist sehr viel!

Eine kraftvolle Sichtweise, oder?
http://www.youtube.com/watch?v=yo_24_qTNac&feature=channel (http://www.youtube.com/watch?v=yo_24_qTNac&feature=channel)
http://www.youtube.com/watch?v=6bL3GR4iAW0&feature=related (http://www.youtube.com/watch?v=6bL3GR4iAW0&feature=related)
http://www.youtube.com/watch?v=3O6OluBxGtM&feature=channel (http://www.youtube.com/watch?v=3O6OluBxGtM&feature=channel)
...auch wer kein Englisch spricht wird kapieren worum es geht.
Viele Grüße,
Jürgen
  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1643
vor > 5 Jahre
@Profile:
Die haben mich vor 2 Tagen auch unglaublich fasziniert. Da werden doch unsere Probleme wirklich winzig klein.
 
Liebe Grüsse
Wurzel
  • Diva
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vor > 4 Jahre
@ an all
Vielen Dank , für die schönen Geschichten die Ihr während meiner Abwesenheit geschrieben habt.
Einfach rührend.
 
DIVA
  • Diva
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  • Beiträge: 2796
vor > 4 Jahre
@ Sternenhimmel
@ Wurzel
Erinnert Ihr Euch noch ?
Nein ich habe nichts vergessen :lol: 
Sollten wir nicht wieder anfangen neue Geschichten zu schreiben:-:
Jede einzelne die hier steht ist lesenswert & wunderschön.
L. Gr. Diva
  • Diva
  • Status: Legende
  • Beiträge: 2796
vor > 3 Jahre
@ an all
Ich habe all diese Geschichten in den letzten Tagen noch einmal gelesen.
Jede einzelne für sich ist wunderbar.
Ich wünsche Euch allen einen schönen Advent & das immer jemand da ist , der in Eurer Seele den Kamin anzündet.
L. Gr. Diva
  • Sternenhimmel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 2008
vor > 2 Jahre
@ alle
Auch hier, findet vielleicht jemand eine schöne Geschichte, die berührt...
Eine schöne Adventzeit
wünscht Euch
Sternenhimmel
  • hansi1987
  • Status: Neuling
  • Beiträge: 1
vor > 2 Jahre
@ MantaFan
Danke für deinen Beitrag. Ich finde, dass hört sich richtig gut an!
  • Diva
  • Status: Legende
  • Beiträge: 2796
vor > 2 Jahre
an all :

Diese Geschichten berühren mein Herz , meine Seele ...

Ich umarme jeden einzelen von Euch & sage einfach nur DANKE für all die schönen Geschichten & Momente .

Euch allen wünsche ich nur das Allerbeste

DIVA

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