kündigen oder bleiben?

  • island
  • Status: Neuling
  • Beiträge: 5
vor > 1 Jahr
Hallo

Ich habe mich in diesem Forum registrieren lassen, da ich zu meinem folgenden Problem gerne neutrale Meinungen hören würde.

Ich habe vor vier Monaten eine neue Stelle angetreten. Die Arbeit dort ist abwechslungsreich und ich habe gewisse Freiheiten, was ich sehr schätze. Sie ist aber psychisch auch sehr anstrengend. Dies liegt einerseits daran, dass ich sehr viel arbeiten muss und momentan am Anschlag meiner Kräfte bin. Zusätzlich trägt mein Chef einiges dazu bei. Ich wurde nie richtig eingearbeitet, "learning by doing" ist seine Devise, muss aber bereits alles wissen und können. Wenn ich eine Frage stelle, reagiert er meist gereizt bis frech, oder verweigert die Antwort sogar, wenn ich nicht insistiere. Unter dem Strich behauptet er zwar sehr zufrieden zu sein mit mir, überschattet durch seine kurzfristigen Reaktionen, kann dies meine Unsicherheiten aber kaum aufheben. Es ist bestimmt so, dass ich mittlerweile auch nicht mehr sachlich auf ihn reagiere und mich manchmal wehre, wie man sich eigentlich nicht vor einem Chef wehren sollte. Ich trage in mir aber eine solche Wut gegen ihn, die ich kaum mehr zurück halten kann. Wir haben auch schon einige Male über unsere Zusammenarbeit geredet, geändert hat sich aber noch nichts. Ich habe mir auch fest vorgenommen, mir einen anderen Umgangston mit ihm anzugewöhnen, es ist aber immer ein Restposten an Wut im Bauch, so dass es für mich sehr anstrengend ist mein Vorhaben umzusetzen. Wäre jemand sonst noch im Büro, müsste ich mich nicht immer auf ihn fixieren, leider sind wir aber die meiste Zeit alleine. Ab nächsten Monaten wird mein Chef nur noch 50% im Büro sein. Das heisst mehr Ruhe vor ihm, dafür aber auch noch mehr Arbeit.Ein bisschen was versucht er mir jetzt noch abzunehmen.
Hinzu kommt noch, dass es der Firma wirtschaftlich sehr schlecht geht. Eine Kollegin, die ab und zu einspringt, wartet seit Wochen auf ihren Lohn. Ich habe ihn bis jetzt immer erhalten, musste aber bereits mein Arbeitspensum reduzieren. Meine Frage ist nun, ob ich kündigen soll oder nicht. Ich habe bereits meinen letzten Job für diesen nach nur 8 Monaten aufgegeben, eine weitere Kündigen nach so kurzer Zeit macht sich bekanntlich nicht so gut im CV.Zudem ist die Arbeit, abgesehen vom Chef wirklich spannend und macht mir eigentlich Spass.Es wird auch nicht so einfach sein wieder so eine Stelle zu finden. Aber ich frage mich einerseits, ob die Firma überhaupt eine Chance hat, oder sowieso bald bankrott geht und anderseits, ob ich es schaffe meine Linie in diesem Job zu finden, ohne auf den Chef angewiesen zu sein und ihn vor allem nicht mehr so ernst zu nehmen...Hat mir jemand einen Tipp?
  • Seefahrer
  • Status: Erfahren
  • Beiträge: 180
vor > 1 Jahr
Hallo island,

erstmal herzlich willkommen hier!

So gut ich Deine Lage verstehen kann, so wenig kann ich einen guten Rat geben. Vermutlich kannst nur Du es wissen, wir können nur unseren Senf abgeben.

Vor ca. 10 Monaten ging es mir sehr, sehr ähnlich. Keine Einarbeitung, wenig Unterstützung, enorme Erwartungen. Und jede Menge Ärger, weil ich nicht alles selbst erraten konnte - v.a. nicht auf Anhieb.
Ich bin gegangen (nach 3 Monaten). Ohne was Neues zu haben. Mein Lebenslauf sieht damit so aus, wie Du es für Dich fürchtest.

Für mich war es die richtige Entscheidung & ich bin jetzt ganz gut aufgehoben. Aber ich kann es niemandem guten Gewissens empfehlen.
Es war ein Stunt. Und er war kurz vor der Krise.

Und ja: ich hatte Geld gespart. Genug, um die Zeit zu überbrücken, die der Staat nichts zahlt. All das muss in die Überlegung miteinfließen.

Andererseits: schick doch einfach lustig Bewerbungen raus und schau was passiert. Das heißt auch für Dich: Du nimmst es nicht nur stumm hin, sondern bleibst handlungsfähig.
Mach einfach einen Kommentar in Deinen Lebenslauf, ca. so: Einarbeitung findet nicht statt / Stelle deckt sich nicht mit dem Stellenprofil, o.ä., damit es den Personalern einleuchtet. Schaut dann nicht so doof aus...
  • island
  • Status: Neuling
  • Beiträge: 5
vor > 1 Jahr
Hallo seefahrer

Vielen Dank für Deine Antwort!Ich habe es nun geschafft für nächste Woche Urlaub zu bekommen. Ich denke die einwöchige Auszeit wird mich auch wieder etwas klarer denken lassen und hoffentliche zu einer Entscheidung führen. Gespart habe ich zum Glück auch etwas, müsste also nicht gleich am Hungertuch nagen :)

Liebe Grüsse

Island
  • Diva
  • Status: Legende
  • Beiträge: 2807
vor > 1 Jahr
@ Island

Hallo , ich bin DIVA & ich schließe mich den Worten von Seefahrer an
Auch ich habe ähnliches wie Du erlebt . ( Siehe "Gutsherrenmodell" )
Es war einfach nicht zum aushalten. Leider habe ich 1,5 Jahre gewartet , bis ich mich von dieser Firma getrennt habe. Es hat mich sehr viel Kraft , Energie & Gesundheit gekostet. Dir empfehle ich , höre auf Dein " Bauchgefühl".Meines Erachtens nach solltest Du Dir eine andere Arbeit suchen. Was letztendlich zählt ist doch das Menschliche , das man auch am Arbeitsplatz finden will. Nur , wie Seefahrer richtig erwähnt : finanzielle Rücklagen machen die Sache leichter. Das war auch mein Glück !

L. Gr. DIVA :P
  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1654
vor > 1 Jahr
@island

Herzlich willkommen im Forum island!

Deine Lage ist ziemlich komplex, so wie du uns deinen Alltag schilderst. Auch ich kann dir nicht empfehlen, dir aber nur ganz dringend raten, dass du dich nach einer neuen Stelle umschauen sollst.

Pack es an und warte nicht drei Jahre lang, so wie ich es gemacht habe. Auch mich hat mein Job eigentlich unglaublich ausgefüllt und es war das Tollste, was ich je im Kaufmännischen Bereich hinter mich gebracht habe. Dies, obwohl der psychische Teil der Arbeit ganz und gar nicht Ohne war (Sozialhilfe). Ich habe mich auch immer versucht zu trösten mit dem Gedanken, dass ich meinen Vorgesetzten irgendwie versuche zu umgehen. Glaube mir, es funktioniert nicht, denn wenn ein Vorgesetzter da ist, kann man ihn nicht umgehen.

Mein Hin und Her und die Tatsache, dass ich mich nicht rechtzeitig nach etwas Neuem umgesehen habe, hat zu einem Psychischen und Körperlichen Totalzusammenbruch geführt. Sprich, es ging nicht mehr und nun bin ich seit einem guten Jahr ohne Job.

Lass es nicht soweit kommen! Das CV ist sicher wichtig, aber ohne deine gute Gesundheit kannst du es sowieso nicht mehr gebrauchen.

Gut, hast du Ferien! Höre auf deinen Bauch, denn der wird dich schon in die richtigen Wege "schieben". Viel Glück bei deiner Entscheidung.

Wurzel
  • kanunu4Me
  • Status: Weiser
  • Beiträge: 287
vor > 1 Jahr
@island

Noch ein Tipp: Um einen vollen Anspruch auf ALG1 zu erwirtschaften, braucht es ein Jahr. Und das Risiko aktuell länger arbeitslos zu sein ist hoch.

Mein Rat: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste 8O

Grüße,
C
  • island
  • Status: Neuling
  • Beiträge: 5
vor > 1 Jahr
Hallo zusammen!

Etwas verspätet möchte ich mich bei Euch allen für die nützlichen Antworten danken. Ich habe mitlerweile gekündigt und eigentlich gehofft, dass der Psychoterror nun ein Ende nimmt(während und nach meinen Ferien wurde es noch schlimmer). Leider ist dem nicht so..Ich habe gemäss Vertrag einen Monat Kündigungsfrist, das heisst per Ende August. Mein Chef hat mich aber darum gebeten noch bis Ende September zu warten, da wir deutlich unterbesetzt sind. Ich habe mich mit zwei Bedingungen darauf eingelassen.
1. er schreibt mir die Kündigung,mit dem Vermerk, dass die Firma wirtschaftlich nicht mehr in der Lage ist, das Arbeitsverhältnis aufrecht zu halten. Habe ich selbst geschrieben und wurde von ihm auch signiert.
2. Sämtliche Überstunden im September werden bezahlt. Bis jetzt weigerte er sich mir diese Abmachung schriftlich zu geben. Ich habe diesbezüglich zwei Mal um ein Gespräch gebeten. Seine Antwort war, dass er dafür keinen Grund sehen würde.
Natürlich frage ich mich, weshalb er sich in diesem Punkt querstellt. Wie bereits in meinem letzten Eintrag geschildert, geht es der Firma wirtschaftlich sehr schlecht und der Lohn von einer Kollegin wurde erst nach monatelangem Warten bezahlt.Ich habe jetzt natürlich Angst, dass ich dieses Geld nie sehen werde, sollte ich tatsächlich bis im September bleiben. Die ganze Situation, mit allem was sonst noch geschehen ist, macht mich wahnsinnig. Ich würde am liebsten fristlos kündigen, da ich wirklich am Anschlag bin. Stoff für eine Soap habe ich mitlerweile mehr als genug :wink:

Liebe Grüsse

Island
  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1654
vor > 1 Jahr
@island

Guten Morgen island

Na, da hast du ja was durchgemacht und bist leider noch nicht fertig. Denke immer daran, dass es in der CH auch Gesetze gibt. Erkundige dich unbedingt bei der Gewerkschaft oder beim Beobachter (kostenlos) und schildere die Situation der Firma.
Dein Arbeitgeber hat garantiert Gründe, weshalb er sich nicht auf etwas Schriftliches einlässt bzgl. der Überstunden. Ich bin sogar überzeugt, dass er keine Solvenz mehr hat.
Dringend rate ich dir aber, dich mit deiner AHV und deinem Pensionskassenversicherer in Verbindung zu setzen. In der Regel zahlen solche Firmen (ich nehme an, dass es ein KMU ist) keine Sozialversicherungsabgaben mehr, auch wenn sie es dem Arbeitnehmer abziehen. Dadurch entstehen Lücken, die du nicht mehr aufholen kannst.

Bitte orientiere uns weiter. Ich drück dir die Daumen und wünsche dir einen guten Tag.

Grüsse Wurzel
  • island
  • Status: Neuling
  • Beiträge: 5
vor > 1 Jahr
Guten Morgen Wurzel

Danke für Deine Antwort. Ich bin eigentlich auch der Überzeugung, dass er schlicht und einfach pleite ist und deshalb nichts unterschreiben will. Mit der Sozialversicherung habe ich mich bereits in Verbindung gesetzt. Die Zahlung ist aber erst per September fällig.Ich werde heute eine Anwältin kontaktieren. Zum Glück habe ich diesbezüglich private Kontakte, so dass die Kosten für mich nicht allzu hoch ausfallen werden..
Wie gehst Du mit der Arbeitslosigkeit um? Hast Du bereits eine Stelle gefunden?
Liebe Grüsse

Island
  • wurzel
  • Status: Legende
  • Beiträge: 1654
vor > 1 Jahr
@island

Hallo Island

Gut, hast du so schnell gehandelt. Es geht nämlich hier um deine Zukunft.

Wenn du mich schon fragst, wie ich mit meiner Arbeitslosigkeit umgehe, dann antworte ich dir hier. Es ist jetzt ein Jahr her und ich bin in der Zwischenzeit 52 Jahre alt (Kfm. Angestellte). Dazu muss ich sagen, dass ich die ersten Wochen nicht sehr viel mitbekommen habe, da ich einen psychischen und physischen Zusammenbruch hatte, mit allem was dazugehört. Suche nach Arbeit war also nicht möglich.

Meine Psyche macht immer mal wieder Sprünge, d.h. manchmal habe ich das Gefühl, dass die Wirtschaft keinen Platz mehr für mich hat. An so einem Tag bin ich dann auch überzeugt, dass ich schlichtweg zu wenig Ausbildung habe und zu dumm bin für die heutige Arbeitswelt. Ich zwinge mich an solchen Tagen dazu, dass ich ins Fitness-Studio gehe, spazieren gehe oder mit dem Velo der Wiese entlang fahre. Ich zwinge mich auch dazu, jeden Morgen um 06.00 Uhr aufzustehen, damit ich den Tag und mich nicht "verschlampe". Ich bin auch zwei Tage in der Woche engagiert, d.h. ich mache Freiwilligenarbeit mit Behinderten. Ist eine tolle und sehr positive Sache.

Es gibt aber auch viele Tage, an denen ich an mich glaube und einfach der Realität ins Auge blicke, dass ich ein alter Arbeitnehmer bin und es sehr lange dauern kann, bis ich wieder etwas finde. Ich hatte in den letzten 4 Monaten aber Glück, denn ich hatte einen temporären Job, was mir enorm gut getan hat.

Die Arbeitssuche stresst natürlich schon und immer hast du das Arbeitsamt im Genick. Mit anderen Worten musst du dich auch auf Jobs bewerben, bei denen du genau weisst, dass sie dir nicht liegen oder dass du überqualifiert bist. Es ist schon eine Sch........, gehört aber dazu, damit du Geld bekommst. Die Unterstützung in Basel ist von Seiten der RAV gleich NULL. Die haben schlichtweg zu viel Arbeit.

NEIN, eine Stelle habe ich nach wie vor nicht gefunden.

Am Anfang habe ich sehr viel hier im Forum geschrieben und meinen Gefühlen Ausdruck verliehen. Mir hat die Unterstützung hier sehr gut getan. Es hat ja einige user, die keinen Job haben. Man muss versuchen, den Kopf oben zu behalten, was nicht immer einfach ist.

Bleib einfach bei uns und, wenn es mir möglich ist, werde ich dir gerne behilflich sein.

Schönen Tag und Grüsse
Wurzel
Antworten

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