Bewerbungen aus der Fälscherwerkstatt

  • kanunu4Me
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vor > 2 Jahre
Mit Übertreibung und kleinen Schummeleien rechnet wohl jeder im Bewerbungsprozess. Die eigenen Leistungen und Erfahrungen möglichst überzeugend verkaufen ist das Motto. Man will ja schließlich eine interessante Position ergattern, oder wenigstens einen Job.

Wo verläuft aber für euch die Grenze zum offiziellen Betrug?
Ist der / die Ehrliche der / die Dumme?

Ich habe irgendwo gelesen, dass beispielsweise bei Siemens pro Jahr 200.000 Bewerbungen eingehen. Diese Woche habe ich von einer auf diesem Gebiet versierten Frau erfahren, dass auf jede für mich interessante Stelle (Deutschland) aktuell ca. 20 Bewerbungen pro Tag eingehen. Das macht in der Woche 100, im Monat 400 Bewerbungen von top-qualifizierten Leuten bei denen anscheinend nicht das kleinste Stäubchen auf der blitz-blanken Karriereweste zu finden ist. Wie wahrscheinlich ist das denn?

Was, wenn nicht alles immer so glattgebürstet gelaufen ist, wie sich der Personaler seine Kandidaten wünscht? Wie ehrlich seit ihr bei Bewerbungen?

Bin gespannt auf eure Antworten.
C

P.S.:
Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, dass ich mit diesem Beitrag niemanden zum Betrug anstiften will. Dieser kann, sollte ein Arbeitsverhältnis daraus entstehen, eine fristlosen Kündigung durch den Arbeitgeber nach sich ziehen.
  • blue moon
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vor > 2 Jahre
Betrug ist juristisch definiert und nicht nur arbeitrechtlich sondern natürlich auch strafrechtlich relevant.

Da man beim Fälschen von Zeugnissen das Beweismaterial ja gleich mitliefert machen das sicher nur ganz Verzweifelte.

Ein Lebenslauf und Motivationsschreiben sind da schon wesentlich subjektiver erstellbar.

Wie exakt man sich hier selbst beschreibt ist sicher auch vom Risiko abhängig, das man eingehen möchte.

Wenn ich mich zB aus ungekündigter Stellung heraus bewerbe habe ich ein höheres Risiko, als als Arbeitsloser, der sich bei einer Firma bewirbt, mit der er vielleicht nie wieder zu tun haben wird...
  • kanunu4Me
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vor > 2 Jahre
Leider ist die Fälschung von Urkunden nach meiner Recherche weit verbreitet. Das mag daran liegen, dass es eine wachsende Zahl Verzweifelte gibt. Auch wenn das Beweismaterial mitgeliefert wird, bei derart hohem Aufkommen von Bewerbungsunterlagen ist eine Prüfung auf Echtheit in der Personalabteilung wohl kaum möglich.

focus.de berichtet dazu:
"[...] führte das Detektiv-Institut Kocks GmbH aus Düsseldorf im Auftrag eines Wirtschaftsmagazins eine Untersuchung durch, bei der 5000 Bewerbungen aus sieben Jahren auf ihre Korrektheit hin untersucht wurden. Das Ergebnis: Jede dritte Bewerbung war nicht komplett wahrheitsgemäß.[...]" (Artikel aus 2000)

Wie sieht es aus mit beruflicher Erfahrung, den fachlichen und persönlichen Qualifikationen? Ohne direkt in's strafrechtlich Relevante abzugleiten. Wird nicht bei den weichen Fakten und der Praxiserfahrung gelogen, dass sich die Balken biegen.

Wird ein Teamplayer gesucht, bin ich einer. Wird ein Manager gesucht, der sich auf breiter Front durchsetzt, noch besser. Wir jemand gesucht der schon mal mit "Wurstsalat" zu tun hatte, habe ich mindestens ein Jahr ausschließlich mit "Wurstsalat" gearbeitet. Ohne "Wurstsalat" kann ich praktisch nicht mehr leben.

Wie ehrlich sollte man sein und was ist Dummheit?
  • klimaneutral
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vor > 2 Jahre
@kanunu4me @bluemoon
Ich gehe gern unbetretene Wege.
So recherchiere ich gerne, wer die Stelle tatsächlich ausschreibt, auch wenn ein Personaler dazwischen ist. Das geht.
Und dann rufe ich dort im Personalbüro an, ggf. lasse ich mich mit der betroffenen Abteilung verbinden "ich hab da mal eine möglicherweise nebensächliche, aber für mich wichtige Frage, ehe ich eine Bewerbung rausschicke...." klappt oft!
Und immer wieder wurde mir gesagt "die Anforderungen sind natürlich so hoch wie möglich geschraubt. Bewerben Sie sich doch trotzdem einfach, manchmal haben in der entsprechenden Abteilung ganz andere Dinge Gewicht..." (und dabei sollte man hinhören, was einem "zwischen den Zeilen" vermittelt wird)
  • kanunu4Me
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vor > 2 Jahre
@klimaneutral

Danke für den Tipp. Werde ich bei Gelegenheit anwenden.

Bisher hatte ich mich an die einfache Regel gehalten: Wenn ich 2 von 3 Anforderungen erfülle, lohnt sich ein Versuch. Funktioniert allerdings gerade nicht so gut.

Grüße,
C
  • blue moon
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vor > 2 Jahre
@kanunu4me

Auch wenn man zu den "Verzweifelten" noch die "Dummen" und die "Skrupellosen" dazurechnet kommt mir "Jede dritte Bewerbung ..." doch etwas zu viel vor und für wirkliche Fälschungen wesentlich zu viel (der Artikel spricht hier aber ohnehin nur von "nicht komplett wahrheitsgemäß".)

Ich kann mir vorstellen, dass sich die Untersuchung (vereinfacht dargestellt) vielleicht so abgespielt hat:

Detektiv:"Hallo Firma X, wollen Sie wissen, wie sich Ihr Ex-Mitarbeiter Herr Y beim nächsten Job beworben hat?"

Firma X (neugierig):"Ja lesen Sie mal die Bewerbung vor!"

Detektiv:"Er schrieb: '..perfekter Wurstsalatkoch, erkenne alle Wurstenden blind ...' - entspricht dies ihren Erfahrungen mit ihm?"

Firma X:"...naja er war nicht schlecht, aber perfekt würde ich nicht sagen und blind mit einer Wurst hantieren habe ich ihn noch nie gesehen..."

Detektiv:"Danke für das Gespräch" --> trägt in Excel-Liste ein: "Laut Firma X: Wahrheitsgehalt der Bewerbung von Y nur 30%"
  • klimaneutral
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vor > 2 Jahre
@bluemoon
Traue nur Deiner eigenen Statistik! :P :P
  • kanunu4Me
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vor > 2 Jahre
@all

Dann bin ich ja beruhigt, dass ihr so ehrlich seit :wink:

@bluemoon
Kleine Anekdote am Rande: Mir ist selbst schon das genau Gegenteil passiert. Ich hatte mich vorgestellt und dabei nicht maßlos übertrieben. Da hatte ich die Rechnung aber ohne meinen Ex-Chef gemacht. Man hatte vorab über mich Erkundigungen eingezogen. Was ich nicht wusste: Nach seiner Einschätzung hätte ich wahre Wunder vollbracht. Eine Spitzenkraft durch und durch.
Den Job habe ich nicht bekommen, weil zwei völlig gegensätzliche Einschätzungen, meine eigene und die meines Chefs, Zweifel aufkommen ließen. Seitdem trete ich (bei Gelegenheit) anders auf.

Beste Grüße,
C
  • Schneeschaufler
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vor > 2 Jahre
Es ist ein Unterschied, ob ich etwas fälsche (also ein Dokument verändere), oder im Lebenslauf weglasse, dass ich zwischen zwei Jobs 4 Wochen lang "arbeitssuchend" war.
Kurz, ich darf nichts Falsches behaupten, aber ich muss nicht alles hinschreiben. Wie im Leben eben auch.

Bei der Menge an Bewerbungen, die derzeit fast überall eingehen, empfehle ich sogar, so wenig wie möglich zu sabbern (sowas wie ein Extrablatt mit der Überschrift "Was Sie noch über mich wissen sollten" und dann eine lange Auflistung, wie genial ich bin. - Das schreiben die anderen 200 fast wörtlich genauso, weil alle aus den gleichen Büchern abschreiben, und der Personaler es schon nicht mehr sehen kann. Ich spreche aus Erfahrung.)

Besser einen knappen, übersichtlichen Lebenslauf, in dem mit ein, zwei Blicken das Wesentliche zu sehen ist, ohne dass ich jedes anhängende Zeugnis auch noch lesen muss. Bei 200 Bewerbungen pro Woche KANN man gar nicht alles lesen.

Nebenbei bemerkt: wenn ein Bewerber Falsches behauptet, kann der Arbeitsvertrag auch später noch vom Arbeitgeber angefochten werden.
Hier dazu einige Beispiele: http://www.finanztip.de/recht/arbeitsrecht/beendigung-01.html
  • blue moon
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vor > 2 Jahre
Ich habe nur ein einziges Mal von einer wirklichen Fälschung gehört und da hat es mir sogar der Fälscher selbst erzählt:

Er hat sich einfach sein Dienstzeugnis selbst geschrieben mit einem Briefpapier, das er noch von der alten Firma hatte. Das war scheinbar nicht schlecht geschrieben, denn er hatte kurz darauf einen neuen Job.

Das Risiko war noch dazu geringer als sonst, da die alte Firma in Konkurs gegangen ist, und es für Rückfragen daher keine Ansprechpartner mehr gab.
  • Schneeschaufler
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vor > 2 Jahre
interessant. Und wer hat unterschrieben?

Wie gesagt, wenn sie ihm noch draufkommen, kann auch rückwirkend der Vertrag angefochten werden. Der soll bitte aufpassen und das nicht herumerzählen.
  • kanunu4Me
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vor > 2 Jahre
@bluemoon

Mit gefälschtem Zeugnis zum neuen Job. Ich vermute, dass dadurch niemandem ein Nachteil entstanden ist. (Wenn sich der gelernte Metzger nicht gerade in der Chirurg beworben hat.)

@all
Meine letzten drei Zeugnisse hätte mir niemand ausstellen können. Meine Chefs wussten nur oberflächlich über meine Arbeit Bescheid, kannten mich gar nicht. Ich habe für jedes eigene Entwürfe geschrieben, die dann im Sekretariat in Firmen-Dokumente überführt, gestempelt und unterzeichnet wurden. Die meisten hatten kein Interesse daran Arbeit in das Zeugnis eines Bald-Ex-Mitarbeiters zu stecken. Die finalen Entwürfe konnte ich mir dann jeweils ansehen und bei Nicht-Gefallen anpassen.

Beim letzten Mal hatte ich mit Fristsetzung um ein "qualifiziertes Zeugnis" gebeten. Ich hatte den Eindruck, man versteht mich nicht. Ein Einschreiben mit Rückschein und erneuter Fristsetzung hat das dann für die Beteiligten verständlicher gemacht.

Jetzt habe ich ein Zeugnis mit argen Formulierungsschwächen. Der erste Teil ist reine Selbst-Beweihräucherung des Unternehmens.
Weil ich dafür verantwortlich war (und bin) ein formal und inhaltlich einwandfreies Zeugnis zu bekommen, ärgere ich mich darüber, dass ich nicht besser aufgepasst habe.

Verdrehte Arbeitswelt.

Ich empfehle dringend sich Zeugnisse ganz genau anzusehen und ggf. auf Nachbesserung zu bestehen. Wenn ihr das nicht könnt, sucht jemanden, der kritisch ist und jedes Komma hinterfragt.

Da jeder eine Verantwortung für seine eigene Biographie hat, liegt der Schluss nahe, dass man die eigenen Zeugnisse besser nicht dem Zufall (oder dem Ex-Chef) überlässt.
  • Muellina
  • Status: Weiser
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vor > 2 Jahre
Aaaalso,

ich habe mir meine sämtlichen Zeugnisse jeweils selbst geschrieben und von der Geschäftsleitung unterschrieben bekommen. Das ist recht einfach, da die meisten Leute die Geheimsprache der Zeugnisse ohnehin nicht kennen und daher sogar noch dankbar sind, wenn der Arbeitnehmer sich bereit erklärt, sich das Ding selbst auszustellen. Kommt es zu Arbeitsgerichtsprozessen, endet dies ohnehin beim Urteil mit eben dieser Feststellung, daß das Zeugnis haargenau so auszusehen hat, wie der AN bzw. sein Anwalt es haben möchte.

Glaubt mir allerdings: Potentielle Arbeitgeber wissen das auch!

Was Zeugnis-Fälschungen betrifft, gibt es mit Sicherheit viele, viele mehr, als Ihr denkt. Mit Zugriff auf Bewerbungsunterlagen in Firmen sowie ein wenig gesundem Menschenverstand erkennt man diese leicht, da die meisten eben dilettantisch vorgehen.

So, das war das Wort zum Sonntag - da konnte ich mich einfach nicht mehr raushalten.
  • blue moon
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vor > 2 Jahre
@schneeschaufler

Natürlich hat er selbst das Zeugnis unterschrieben.
Ich nehme an, einfach mit unleserlicher Unterschrift.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei Zeugnissen der Name nicht nochmals in Klartext dabeisteht.

Wenn er seinen Job danach gut macht, wird es der Firma wahrscheinlich egal sein.
Wenn nicht - wird er einfach gekündigt, das kann in Österreich im Allgemeinen die Firma jederzeit (nach Einhaltung bestimmter Fristen) ganz ohne Angabe von Gründen machen.
  • Muellina
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vor > 2 Jahre
P.S.: Zeiten der Arbeitslosigkeit hatte ich ebenfalls und belasse diese sogar unbedingt in meinem Lebenslauf. Ich habe sogar inmitten der Arbeitslosigkeit eine neue Arbeit angenommen, diese sehr kurzzeitig ausgeübt sowie selbst wieder gekündigt, da ich "im falschen Film" war. Auch dies steht (mit Stolz!) in meinem Lebenslauf und die traumhafte Anstellung bei meinem neuen Arbeitgeber habe ich unter anderem eben dieser Tatsache/Ehrlichkeit zu verdanken!
  • Muellina
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vor > 2 Jahre
@ bluemoon

Sollte aber unbedingt da stehen: der leserlich ausgedruckte Name inklusive des "Ranges" (ppa. Geschäftsführer, Personalmanager oder was auch immer). Sonst gilt das ganze Zeugnis gar nicht!
  • blue moon
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vor > 2 Jahre
@ Muellina

Ich kann Dir aus der Praxis sagen, dass Dienstzeugnisse (zumindest in Österreich) recht unterschiedlich ausgeführt werden bzw wurden.

Wenn ich mir die Zeugnisse von mir oder von Kollegen anschaue, haben die Hälfte keine Nennung des Namens unter der Unterschrift, manche haben einen Firmenstempel und manche nicht, früher mussten Arbeitszeugnisse in Österreich (bis 2002?) auch noch mit Stempelmarken vergebührt werden.

Mir ist aber keine gesetzliche Vorgabe bekannt, wodurch das Zeugniss deshalb ungültig wäre.

Soweit mir bekannt ist, ist es in Österreich sogar gar nicht Pflicht für den AG ein sogenanntes "qualifiziertes Zeugnis" auszustellen.
Lediglich ein "einfaches Zeugnis" und das im Allgemeinen auch nur auf Verlangen.

Üblicherweise wird aber auch in Österreich so gut wie immer ein "qualifiziertes Zeugnis" ausgestellt (sofern es sich nicht nur um eine reine Hilfsarbeitertätigkeit gehandelt hat).
  • kanunu4Me
  • Status: Weiser
  • Beiträge: 430
vor > 2 Jahre
@Muellina

Danke für den neuen Erfahrungsbericht.

Ich gehe auch davon aus, dass von kleinen "Optimierungen" bis zur Dokumentenfälschung alles dabei ist. Dreistigkeit siegt.
Zeugnisse selbst zu schreiben ist ja kein Verbrechen, solange jemand mit Kompetenz im Unternehmen unterzeichnet.

Bei zu viele Unternehmen im Lebenslauf bin ich allerdings skeptisch. Wenn man sehr oft den Arbeitgeber wechselt kann das auch ein Zeichen mangelnden Durchhaltevermögens sein.
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