Kaufmann in der Sozialhilfe

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vor > 3 Jahre
ORGANISATION SOZIALHILFE

Die Sozialhilfe hilft Menschen in Notlagen durch Beratung, finanzielle Unterstützung und andere Dienstleistungen und ermöglicht ihnen ein menschenwürdiges Leben. Anrecht auf Hilfe haben alle in der Stadt wohnhaften Personen unbeachtet der Ursache ihrer Notlage.

Oberstes Ziel der Sozialhilfe ist die Wiederherstellung und Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Selbständigkeit. Im Mittelpunkt der Hilfe steht somit nicht die finanzielle Unterstützung, sondern die Integration in die Arbeitswelt und in die Gesellschaft, sowie die Vorbeugung von Notlagen. Um dieses ambitiöse Ziel zu erreichen, arbeitet die Sozialhilfe eng mit anderen öffentlichen und privaten sozialen Institutionen zusammen und betreibt ein interdisziplinäres, informatikgestütztes Case Management.

Die finanzielle Unterstützung bemisst sich am detailliert nachzuweisenden und geprüften Bedarf und wird erst dann gewährt, wenn alle anderen Finanzierungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind (Eigenes Einkommen und Vermögen, Unterstützung von Verwandten, Leistungen von Sozialversicherungen, etc.).

Die rechtliche Grundlage der Sozialhilfe sind in der Bundesverfassung, im kantonalen Sozialhilfegesetz, sowie in den kantonalen Unterstützungsrichtlinien festgehalten. Massgebend sind auch die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz der Sozialdirektoren.

Die Sozialhilfe beherbergt und betreut auch die vom Bund zugewiesenen Asylbewerber, bis deren Aufenthalts-Status festgelegt ist.

Rund 200 Mitarbeitende, die in folgenden Abteilungen gegliedert sind:

·Erstaufnahme (Schalter = Kfm. Angestellte, Erstbetreuung = Sozialarbeiter, Klienten 1 ? 3 Monate)
·Langzeitfälle (8 Teams à 9 Mitarbeitenden = Kfm. Angestellte, 1 Teamleiter = Sozialarbeiter)
·Asylsuchende
·Subsidiarität = Rechtsdienst
·Rechnungswesen, Logistik etc.

Die Kaufmännischen Angestellten wurden vor einigen Jahren eingestellt, damit die Lohnsumme gesenkt werden konnte. Ein Kaufmann verdient für denselben Job rund CHF 1'000.00 brutto weniger.

PFLICHTENHEFT EINES KAUFMANNS LANGZEITFÄLLE

·Eigenverantwortliche Führung von Unterstützungsfällen mit Klientenkontakt im vorgegebenen Intervall (alle 3 Monate)
·Eigenverantwortung für die finanzielle Unterstützung
·Eigenverantwortung der anfallenden Korrespondenz inkl. Rechtliche Problematik (evtl. Kontakt zu Rechtsdienst)
·Gewährleistung der wirtschaftlichen Sozialhilfe nach SKOS- und kantonalen Richtlinien
·Erkennen des Bedarfes an persönlicher Hilfe und Vermittlung von Hilfsangeboten bei allen erdenklichen Institutionen und Stellen
·Erkennen von subsidiären Fragestellungen mit entsprechenden Abklärungen bei den Sozialversicherungen, Invalidenversicherungen, Erbschaften, Verwandtenunterstützung etc.
·Verfassen von Verfügungen im Kompetenzrahmen und Vorbereitung der rechtlichen Schritte für die Einleitung von Massnahmen
·Erkennen von Abweichungen
·Zusammenarbeit mit internen und externen Stellen
·Betreuung der Klientenapplikation, Nachführen der Klientenprotokolle im System, Verantwortung für Daten- und Administrationsqualität
·Mitarbeit in Arbeitsgruppen bei Eignung

NORMALER TAGESABLAUF EINES KAUFMANNS LANGZEITFAELLE

·5-Tage-Woche à 8.5 Stunden, Arbeitszeit de facto: zwischen 50 ? 55 Stunden/Woche
·Öffnungszeiten Amt: 08.00 ? 12.00, 13.00 ? 17.00 Uhr (Eingangsbereich hat drei Telefone, damit die Klienten gratis an den Sachbearbeiter gelangen können ohne Termin)
·ca. 4 ? 5 persönliche Klientengespräche pro Tag à ca. 30 Minuten, damit der Intervall von 3 Monaten eingehalten werden kann. Findet im Büro bei geschlossener Türe statt. Sicherheitsvorkehrungen: keine
·Postbearbeitung ? je nach Tag im Monat zwischen 3 ? 4 Stunden (ohne Tage, bei denen die monatlichen Zahlungen fällig werden ? wäre eine Story für sich....)
·10.00 ? 11.30 Uhr keine Klientengespräche, da die Telefonpräsenz gewährt sein muss. In dieser Zeit finden bis zu 25 Telefonate statt (Frage/Antwort-Spiel, Krankheiten, Unfälle, Mobiliarwünsche, Zivilstandswechsel, Geburten, Todesfälle, Reklamationen von Hausverwaltungen da Wohnung völlig verwüstet, Anfragen wegen Unterstützung für Ferienaufenthalte in ganz Europa, Kleiderzuschüsse, Anfragen bzgl. Gelder für Musikunterricht der Kinder, Bittstellungen ohne Ende und vielen, vielen Lügen, die es zu Differenzieren gilt). Der Gang aufs WC ist möglichst zu unterlassen, da die Präsenz am Arbeitsplatz durch Kontrollanrufe überprüft wird.
·Wöchentliche Teamsitzungen à 2 Stunden (für Neuerungen, Fallproblembesprechungen, Befindlichkeitsäusserungen, Informationen aus der Leitungssitzung, Diverses)

Beschreibung eines konkreten Arbeitstages folgt.

Wurzel
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vor > 3 Jahre
Ein Tag im Leben ? der ganz normale Wahnsinn

07.30 Uhr ? Eintreffen im Geschäft, Caféraum ansteuern, Geld schon zu Hause bereit gelegt, also einwerfen, drücken, warten bis Café bereit.
07.35 Uhr ? Eintreffen im Stock, persönliche Postkiste leeren., ins Büro, Café hinstellen, Mantel ausziehen, Tasche versorgen im Pult, PC anstellen. Terminkalender öffnen ? wie sieht es aus heute ? wen empfange ich heute ? was gibt es sonst besonderes zu Tun ? wer hat Geburtstag oder Jubiläum im Team. Mist, heute 4 Klientengespräche und so viel Post.......
7.45 Uhr ? Intranet mit NEWS vom Geschäft öffnen ? beginne zu lesen. Komme zum ersten Eintrag, kommt Kollegin, die seit 06.00 Uhr im Büro ist. Sie hat ihre Post schon gesichtet, d.h. es haben sich schon diverse Fragen aufgetan. Kann gut sein, dass es einen komplexen Fall gibt, mit anderen Worten ist bereits 08.15 Uhr. Sie geht, denn jetzt hat sie den ersten Klienten, nämlich den, den wir gerade besprochen haben.
08.15 Uhr ? Café steht immer noch ? was soll?s, kalter Café macht schön. Also, lese News weiter, öffne die Post ? nichts Dringendes, oh halt doch, Schreiben eines Rechtsanwaltes in Sachen XY = never ending story! Also, sofort ran an die Sache bevor der grosse Rummel los geht. Elektronische Klientendatei aufstarten, Fallprotokoll nachlesen (man hat ja seine 120 Klientin nicht im Kopf), Sachlage prüfen, kurze Rückfrage beim Rechtsdienst, ob die von mir verfasste Antwort so i.o. ist. Ist o.k., Kopie an Rechtsdienst, Original ab in die Post. Letzter Schluck kalten Café .........
08.50 Uhr ? Protokoll des Klienten nachlesen, der um 09.00 Uhr im Warteraum sein sollte. Wird schwierig heute, da er seine Frau mitbringen muss (neue Regelung) und die Türken erachten solche Sachen als Frechheit, denn die Frau hat aber rein gar nichts zu sagen, schon gar nicht auf einem Amt. Bleibt dem Klienten aber nichts anderes übrig, denn sonst muss ich für den nächsten Monat eine Kürzung des Grundbedarfs (= monatlicher Betrag, der abhängig ist, von der Anzahl Personen im gleichen Haushalt für Essen, Kleider, Telefon und Strom).
Weiss, dass dieser Klient Spielsüchtig ist, d.h. seine Frau lediglich Geld bekommt, wenn keine Nahrungsmittel mehr vorhanden sind. Mal sehen, wie er sich heute benimmt. Noch schnell die Formulare, welche alle 3 Monate zu unterschreiben sind, vorbereiten.
Jetzt ist aber Zeit den Klienten in der Wartezone abzuholen. Wo hab ich bloss den Badge hingelegt. Depp, hängt schon an der Gürtelschlaufe...... Also, Treppe runter rennen, freundliches Gesicht aufsetzen, guten Morgen in den Warteraum ? Klient ist noch nicht da. O.k., dann kann ich ja noch kurz aufs WC, welches für Frauen auf derselben Etage ist. Brauche wieder Badge, damit ich in den Gang komme und meinem Bedürfnis gerecht werden kann. Zurück in die Wartezone, Klient ist jetzt anwesend. Nehmen den Lift, da er Probleme mit dem Gehen hat (war Bauarbeiter und hatte einen schweren Unfall mit einer Baumaschine - Krankengeschichte in den Akten). Wir gehen zusammen ins Büro.
Wie geht es ihnen heute? Es geht, sie ja wissen, immer Schmerzen, nie Geld, keine Ferien.
Darf ich fragen, weshalb sie ihre Frau nicht mitgenommen haben? Wieso, nix nötig, Frau sein zu Hause, schauen auf Kinder, nicht kommen hierher. TELEFON KLINGELT ? BLICK AUF DIE UHR ? IST NOCH NICHT 10.00 UHR ? KLINGELN LASSEN.
Sie wissen aber, dass ich ihre Frau auch sehen möchte. Es wäre dringend notwendig, dass wir sie zu einem Deutschkurs anmelden. Sie kann dort die Kinder auch mitnehmen, da Betreuung durch Fachpersonal gewährleistet ist.
Frau nix Deutschkurs, wenn du wollen, Geld abziehen für drei Monate. Mir egal! Frau gehen nicht in Deutschkurs.
Haltung des Klienten hat sich jetzt geändert, d.h. anderes Thema anschneiden, denn Ausbrüche um diese Zeit kann ich noch nicht gebrauchen. TELEFON KLINGELT ? IMMER NOCH NICHT 10.00 UHR ? KLINGELN LASSEN.
Wie weit sind sie mit den Untersuchungen der Invalidenversicherung (IV). Sie wissen, dass es für sie wichtig ist, damit sie nicht mehr von der Sozialhilfe leben müssen.
Ich nix mehr Untersuchungen, ich machen Firma auf. Freund mir Geld geben und ich Kiosk kaufen davon. Wenn dann gut gehen, ich nix mehr Sozialhilfe. Vielleicht noch halbes Jahr.
Wie viel Geld haben sie denn bekommen?
CHF 10'000.00! Kiosk haben ich schon eingerichtet mit Sussem, Zeitung, Cola und Frau machen jeden Tag kleine Mittagessen. Leute finden gut und kaufen..........
Herr X, so geht das wirklich nicht und das wissen sie auch. Ich muss jetzt das Ganze abklären mit unserem Rechtsdienst. Es tut mir leid, aber in dieser Zeit kann ich keine Zahlungen an sie machen.
Haltung des Klienten ändert sich wieder ? Vorsicht ist geboten, da er Agressionspotential hat
Blick auf die Uhr ? es ist schon eine halbe Stunde rum und ich habe erst einen Viertel von den vorgegebenen Fragen abgeklärt. Also, müssen wir den Rest lassen.
Herr X, wir müssen, wie jedes Mal, noch die Formulare durchgehen (sind auf Türkisch, damit sie rechtlich nicht anfechtbar sind), die sie selbst ausfüllen und unterschreiben müssen.
Klient konzentriert sich zum Glück auf die 3 Papiere.
09.45 Uhr ? verabschiede mich vom Klienten und bringe ihn zum Lift. Neuen Termin erhalten sie per Post.
Zurück ins Büro ? sofort detailliertes Protokoll niederschreiben im PC, e-mail an Rechtsabteilung bezüglich der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit , neuen, regulären Termin suchen, Brief abfassen, Nachtrag im Terminkalender. Akte schliessen und ab in den Kasten.
Puh, schnell noch einmal einen Café holen, denkste, das Telefon klingelt und es ist ja auch schon 10.05 Uhr. Vergiss den Café.
Heute ist wieder einmal ein grausliger Telefontag und jede und jeder ruft an und will irgend etwas wissen. Ich antworte natürlich nett und freundlich, auch wenn der Ton nicht immer normal ist von der anfragenden Person. Bin ja da, damit die Menschen mich löchern können. Jedes Telefon bedeutet einen Eintrag in das entsprechende Protokoll des anrufenden Klienten. Ist noch ziemlich schwierig, wenn man ohne Ende Anrufe hat. Also, Kopfhörer auf, damit der Hals vom eingeklemmten Telefon nicht wieder schmerzt. So, jetzt sind beide Hände frei und ich kann reden und gleichzeitig das Protokoll lesen.
11.45 Uhr ? letztes Telefongespräch beendet ? Protokoll geschrieben ? nun alles, was es aus den Gesprächen zu veranlassen gibt, aufgelistet zur Verarbeitung (geht sonst vergessen).
12.05 ? habe eigentlich ein wenig Hunger ? bin müde, d.h. kaufe schnell ein Sandwich in der Bäckerei und mache einen Spaziergang von 20 Minuten am Rhein (ist entspannend und nur 3 Gehminuten vom Büro entfernt. Puh, niemand der auf einem einredet, keine Kollegen, die einem mit Fragen löchern, einfach den Rhein ansehen und runterkommen. Sch....... das Handy mitgenommen und es klingelt. Ah, mein Chef, da er meine Vorlieben kennt! Keine Lust, also Handy ausschalten.
12. 35 ? Zurück im Geschäft, Café drücken, rein in den Lift und ins Büro. Muss nächsten Klienten vorbereiten, der um 13.00 Uhr kommt. Oh je, Chef hat mich gesehen. Kommt, fragt, wieso ich seinen Anruf nicht entgegengenommen habe ? sorry, nicht gehört, oh je! Chef will dringende Fallbesprechung machen ? sorry, keine Zeit, da um 13.00 Uhr nächsten Klienten. Bitte Termin elektronisch eingeben. Danke, bis später!

Teil 2 folgt
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vor > 3 Jahre
Ein Tag im Leben - der ganz normale Wahnsinn (Teil 2)

12.40 Uhr ? e-mails lesen und beantworten, sofern wichtig. Ein wenig Post erledigen ? was getan ist, ist getan (sind nur Auszahlungen der Selbstbehalte für die Krankenkasse und geht schnell).
12.50 Uhr ? Protokoll lesen des nächsten Klienten ? ach ja, Herr Y. Eigentlich gebildeter und ausgebildeter Mensch, der durch den Konkurs der Firma im Alter von 57 Jahren arbeitslos geworden ist. Hat keine Stelle mehr gefunden, Ehefrau hat ihn verlassen, der Griff zum Alkohol nicht weit, wenn auch ohne Sinn. Eigentlich weiss ich nicht, wie ich diesem Menschen ?helfen? kann. Er hält sich grundsätzlich an alle Vorgaben, versucht möglichst alles um einen Job zu finden, versucht sich in der Freiwilligenarbeit(muss aufgeben, da der Alkohol zum Stolperstein wird). Innerhalb der Sozialhilfe kann er in kein Programm von mir vermittelt werden, da er durch den Alkoholkonsum im Case Management (reine Sozialarbeiter) nicht aufgenommen wird. Ist ein Ausschlusskriterium. Unsere Vorgabe ist, dass wir so viel Klienten so rasch wie möglich aus der Sozialhilfe rausbringen müssen. Ja, was soll ich denn als Kaufmann mit diesem Menschen anfangen? Mir tun die Umstände leid, aber wirkliche Hilfe kann ich nicht anbieten. Wut kommt wieder einmal auf, dass die schlimmsten Klienten nicht von den ausgebildeten Sozialarbeitern übernommen werden - ganz im Gegenteil! Frustriert mich!
13.00 Uhr ? Treppe runter, Klient ist hier (heute in einem weissen, langen Gewand und ohne Schuhe ? scheint sich nun in einer anderen Welt zu befinden). Treppe rauf mit dem Klienten und ins Büro. Wow, die Alkoholfahne ist mörderisch und der Klient ist dunkelbraun.
Versuche das Gespräch aufzunehmen, worüber Klient dankbar ist. Er erzählt resp. lallt, dass er nun seinen Weg gefunden hat auf dieser Erde. Er sei ja nur ein unwichtiges Staubkorn in diesem grossen Universum. ???????????????
Frage ihn, weshalb er denn beim letzten Termin nicht anwesend war und ich ihn auch nicht telefonisch und per Post erreichen konnte (habe deshalb Zahlung eingestellt!).
Klient lallt weiter von seinen Staubkörnern und er wäre die letzten beiden Monate in Thailand gewesen und jetzt habe er den Sinn des Lebens endlich gefunden. ??????????? Eigentlich schön für ihn!
Wie soll ich dem Klienten in diesem Zustand etwas rechtlich Bindendes zur Unterschrift geben? Ich entschliesse mich dagegen ? Rüge meines Chefs folgt am nächsten Tag mit gleichzeitiger Verwarnung......... (Teamleitungen müssen zur Kontrolle in die Protokolle ihrer Mitarbeitenden gehen, damit bei Nichtbeherrschung oder so, sofort eingeschritten werden kann).
Schlage dem Klienten vor, dass wir uns wieder treffen, wenn er einigermassen nüchtern ist. Kann leider nicht mehr alleine aufstehen, d.h. hole Teamkollegin, damit wir ihn zum Aufzug begleiten können.
O.K., war ne kurze Sache, zurück ins Büro und Fenster aufreissen ?schnell Protokoll verfassen ? wiederkehrender Reminder im PC verankern, damit ich nicht vergesse ihn so rasch wie möglich wieder anzurufen. Frage mich, wovon der Klient die letzten beiden Monate gelebt hat. Da ich ihn die letzten beiden Monate nicht erreicht habe, darf ich jetzt nur den neuen Monat ausbezahlen. Einer mehr, der weder Miete noch Krankenkasse bezahlt hat!
13.30 Uhr ? erledige weitere Post ? war ja auch schon wieder neue im Postfach.

Teil 3 in Bearbeitung
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vor > 3 Jahre
Ein Tag im Leben - der ganz normale Wahnsinn (Teil 3)

13.40 Uhr ? Telefon klingelt vom Empfang (Display lässt es erkennen). Gut, muss jeden Anruf vom Empfang entgegennehmen. Frau Z ist am Telefon. Sie ist eine kleine, quirlige, fröhliche Thailänderin nach Aussen. Sie hat ohne Ende Geldprobleme und steht deshalb jeden 2. Tag auf der Matte, ruft je nach Verfassung 5 bis 10 Mal am Tag an. Es geht immer um Geld. Ihre Ideen in dieser Beziehung sind unerschöpflich. Geh schnell an den Empfang, denn wenn ich sie ins Büro hole, ist sie eine Stunde bei mir.
Ihr Schicksal ist traurig, aber auch hier kann ich in meinem Job nicht helfen. Sie ist mit einem Schweizer aus Thailand gekommen, hat ihn geheiratet, wurde geschlagen, als Sexsklavin benutzt, hat es geschafft aus diesem Teufelskreis rauszukommen. Die Schädigung ist aber bleibend, d.h. sie ist Kaufsüchtig, sammelt alles und jedes und bunkert es, hat schwere Depressionen, trinkt dann übermässig Alkohol und wird dann gewalttätig. War deshalb im Gefängnis und ist nun seit Jahren in Psychiatrischer Behandlung. Vergisst sie ihre dämpfenden Medikamente schlägt sie jeden, der ihr nicht nach dem Mund redet.
Na, heute ist sie sehr gut gelaunt und quatscht mich mit ihrem lustigen Englisch und Deutsch zu. Wir lachen kurz zusammen. Nun, weshalb sie hier ist. Ganz einfach. Sie braucht dringend einen Vorschuss von CHF 1'000.00, damit sie nach Thailand fliegen kann. Ihr Bruder sei gestorben und sie wolle unbedingt zur Beerdigung. Da ich ihre Geschichte kenne, weiss ich, dass ihr Bruder in den letzten 10 Jahren ca. 5 Mal gestorben ist, die Mutter ebenfalls und ab und zu stirbt auch der Stiefvater.
Ich sehe auch aus den Akten, dass der Sozialarbeiter, der das Dossier vor mir geführt hat sehr oft die Nerven verloren hat, d.h. er hat die vielen Telefonate nicht mehr ertragen.
Ja, was ist in diesem Fall das Einfachste? Wie hat man am schnellsten Ruhe? Wie hilft man diesem Menschen resp. wie hilft sich der Sozialarbeiter am Besten selber. Er zahlt ihr einfach immer wieder Vorschuss cash aus. So kehrt wieder Ruhe ein für ca. eine Woche!
So sind in all den Jahren einige Tausend Franken an Schulden gegenüber der Sozialhilfe angewachsen (Schuldenvertrag wird von dem Klienten unterzeichnet). Na, macht ja nichts, wenn man der Klientin jeden Monat CHF 200.00 auf Lebzeiten abziehen muss, denn sie hat ja Geld ohne Ende. Hauptsache der Sozialarbeiter wird nicht mehr belästigt.
Ich als Kaufmann und einfach gesundem Menschenverstand lehne in solchen Fällen weitere Vorschüsse ab, so auch heute. Frau Z. ist traurig jetzt. Wir geben uns trotzdem die Hand und ich wünsche ihr alles Gute.

Zurück ins Büro, denn um 14.00 Uhr kommt der nächste Klient. Ach, jetzt gönne ich mir zuerst eine Zigarette und einen Espresso, d.h. ich gehe in den Pausenraum resp. in den Garten. Kurzes Gequatsche Draussen und jetzt aber rauf.

Noch 5 Minuten ? Telefon vom Empfang klingelt ? abnehmen! Frau Z. ist wieder dran. Sie hat jetzt die Idee von neuen Vorhängen und hat den Betrag von CHF 1'000.00 auf CHF 300.00 runter gesetzt. Sorry, muss auch hier verneinen, denn vor 1 Jahr hat es schon neue Vorhänge gegeben (sehe ich aus dem Protokoll). Jetzt flucht sie und wir hängen ein.

Chef kommt ins Büro, da er mich jetzt wirklich sprechen will. Gut, Klient muss halt warten. Habe hier einen Fall für dich, der fälschlicherweise aufgenommen wurde ( bei der Aufnahme hat es nur Sozialarbeiter, welche die Fälle bis ins Detail abklären müssen, bevor sie zu uns Kaufmännern kommen). Da du dich im Metier der Selbständigerwerbenden in der Sozialhilfe als Vorreiter in der Arbeitsgruppe befindest, gebe ich diesen Fall dir ab. Gut, aber ich habe schon 5 Fälle zu viel, wie die Statistik zeigt. Ja, ja, da schauen wir dann schon.
Es handelt sich um einen Betrieb, der 3 Mitarbeiter hat und eine Putzfrau. Die Firma hat 2 Autos, eine komplette Infrastruktur und nun zu wenig Umsatz. Tja, toll und diesen Menschen haben wir aufgenommen ohne vorab die Firmenauflösung zu verlangen? Ja, so ist es! Du wirst das Ding schon schaukeln und tschüss. Super fluche ich vor mich hin. Ist ja spannend, kostet mich aber mindestens einen halben Tag an Vorabklärungen und eigentlich habe ich diese Zeit ja gar nicht. Wen kümmerts ? niemanden! Leg die Akten auf die Seite für den nächsten Tag.

Teil 4 folgt
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vor > 3 Jahre
Ein Tag im Leben - der ganz normale Wahnsinn (Teil 4)

14.15 Uhr ? Telefon klingelt aus der Wartezone ? klar, mein nächster Klient! Nehme ab und sage ihm, dass es noch 5 Minuten dauert ? Entschuldigung!
Muss ja zuerst noch ins Protokoll und nachlesen, was sich hier so getan hat.
Ach ja, Herr XY, Schwarzafrikaner, seit 10 Jahren in der CH, verheiratet mit einem Kind, seit 1 Jahr geschieden, Job im Gastgewerbe verloren, Drogensüchtig, 38 Jahre alt, ca. 1.95 gross und gut gebaut, Miete nicht mehr bezahlt ? Wohnungsräumung, lebt jetzt im Männerwohnheim, kann deshalb seine Tochter nicht mehr übers Wochenende zu sich nehmen. Herr XY beherrscht die deutsche Sprache ziemlich gut. Versteht er etwas nicht, kann er gut Französisch. Achtung, hohes Agressionspotential, da immer stärker werdende psychische Probleme.
Scheint heute nicht mein Tag zu sein, aber ich muss da durch. Bin ja selber schuld, denn ich fixiere die Termine ja selbst.
Hole Herrn XY in der Wartezone ab und entschuldige mich noch einmal. Gehe mit ihm ins Büro.
Wie geht es ihnen? Ganz gut soweit, aber ich werde noch wahnsinnig, wenn sich die Situation nicht ändert und ich keinen Job mehr finde. Ich vermisse meine Tochter, sie ist behindert und braucht mich doch.
Schlage Herrn XY wieder einmal vor, dass er in den Drogenentzug geht. Die Chancen, wieder eine eigene Wohnung zu mieten, wären höher. Er könne seine Tochter dann auch wieder zu sich nehmen an den Wochenenden.
Herr XY weiss, er möchte ja auch gerne, aber wie soll er diesen Schritt schaffen, wenn ihm niemand hilft dabei. Kann auch diesen Klienten nicht ans Case Management weitergeben, da Drogensucht ein Ausschlusskriterium ist. Was also soll ich halbwegs Vernünftiges zu ihm sagen. Meine Worte scheinen mir selbst manchmal ein Hohn!
Herr XY, ich habe von der Krankenkasse Bescheid erhalten, dass sie die Prämien seit 5 Monaten nicht mehr einbezahlen. Ich hab sie ihnen aber ausbezahlt. So leid es mir tut, aber ich muss eine Schuldanerkennung ausfertigen, die sie mir bitte unterzeichnen. Strafanzeige wegen Missbrauch der Sozialhilfegelder lasse ich sein. Denke: Es gibt wesentlich schlimmere Delikte, bedeutet ca. 2 Stunden Zusatzarbeit für mich und liegt dann ca. 1 Jahr auf den Stapeln im Gericht.
Was bedeutet das für mich?
Es werden ihnen jeden Monat CHF 200.00 vom Grundbedarf abgezogen, bis die Schuld zurückbezahlt ist. Gleichzeitig werde ich veranlassen, dass wir die Prämien in Zukunft von hier aus bezahlen, d.h. ab sofort erhalten sie diesen Beitrag nicht mehr direkt auf ihr Konto.
Herr XY schaut mich an und schweigt. Ich sehe, dass er anfängt zu schwitzen. Sein Blick hat sich verändert und er fixiert mich. Biete ihm einen Becher Mineralwasser an, den er entgegennimmt.
Ich lege Herrn XY die obligaten Formulare zum ausfüllen und unterschreiben hin. Bitte ihn, dies zu tun, während ich die Schuldanerkennung am PC ausfülle.
Ich kehre mich um vom Besuchertisch und begebe mich mit dem Bürostuhl an den PC um die Schuldanerkennung auszufertigen. Ist eine Sache von 5 Minuten.
Komme an den Besuchertisch zurück. Sehe, dass der Klient die Formulare nicht ausgefüllt hat und frage ihn, ob er etwas nicht verstehe und ich ihm helfen könne. Beobachte, dass er noch stärker schwitzt in der Zwischenzeit. Achte mich aber nicht darauf, dass er plötzlich vom Stuhl hochspringt und mit wutverzerrtem Gesicht und einem Messer auf mich los gehen will. Versuche auszuweichen. Er erwischt mein Handgelenk ? ich trete nach ihm ? ich schreie ? 2 Kolleginnen kommen sofort ins Büro gestürmt und mein Chef. Sie können den Riesen soweit festhalten, bis der bereits telefonisch gerufene Sicherheitsdienst auf der Matte steht. Der Klient wird abgeführt.
Bin nicht wirklich verletzt ? hat mich nicht richtig erwischt, d.h. nur ein Kratzer am Arm. Sitze auf dem Bürostuhl und weiss nicht, wie mir ist. Chef fragt, ob es geht oder ob ich ein Gespräch mit ihm im Garten brauche. Gehe mit ihm, weiss aber nicht warum. Setz mich hin und erzähle noch einmal den Ablauf und jetzt kommt die Reaktion. Ich sitze da und die Tränen laufen ? ich zittere wie Espenlaub. Doch halt, bin im Geschäft ? darf mich auf keinen Fall gehen lassen ? sofort zusammenreissen. Es gelingt ? mein Chef ist zufrieden und fährt mit mir im Lift wieder hoch.

Im Büro muss ich ja noch das Protokoll nachtragen ? mache ich schön brav. Jetzt rufe ich meinen Mann an, denn ich bin ziemlich k.o. Er ist natürlich schockiert und hat einmal mehr keine Freude daran, dass ich einen solchen Job ausübe. Er bringt mich soweit, dass ich meine Sachen für heute zusammenräume und dem nächsten Klienten absage. Macht ja so keinen Sinn. Also, häng mich ans Telefon und verschiebe den Termin.

Chef kommt noch einmal ins Büro. Geht?s dir nicht gut?
Nein, aber ich gehe jetzt nach Hause, habe nächsten Termin verschoben. Fühle mich nicht mehr fähig heute.
Ja, ist o.k., tu das! Oh, hab noch was! Unsere Thailänderin hat mich heute Nachmittag schon drei Mal angerufen. Sie hat mir erzählt, dass du ihr kein Geld für Vorhänge geben willst ? warum?
Steht ja im Protokoll. Hab ihr bereits vor einem Jahr Geld für neue ausbezahlt. Du kennst sie ja.
Oh je, hat mich so gestört mit den Anrufen, dass ich ihr CHF 300.00 bar an der Kasse ausbezahlt habe. So haben wir wieder für eine Woche unsere Ruhe.
Bin nicht einverstanden mit deinem Vorgehen, sind schliesslich Steuergelder und du weißt, wofür sie das Geld braucht ? aber, du bist ja mein Vorgesetzter. Hoffe, du hast es unter deinem Namen in das Protokoll eingetragen.
Nein, kennst mich ja, dafür nehme ich mir keine Zeit! Habe es ja jetzt dir gesagt. Also, dann wünsche ich dir gute Erholung und bis Morgen!

Dabei geht mir trotz allem durch den Kopf ? es ist wie immer ? der Sozialarbeiter zahlt Gelder aus, die der Klient nicht zu Gute hat ? Eintrag durch ihn im Protokoll nicht vorhanden. Bei der nächsten Kontrolle ist der Kaufmann wieder der Trottel und den Eintrag im Protokoll hat er erst noch vergessen.

Morgen ist ein neuer Tag! Es wird ein langer Tag, denn die restliche Post ist liegen geblieben und einige Anrufe, die ich noch machen wollte. Wieder 10 Stunden vor mir, jedoch in der Hoffnung, dass etwas Positives vorfällt.
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vor > 3 Jahre
Hallo Wurzel,

vielen Dank für Deinen hervorragenden und flüssig geschriebenen Text!
Du gibst anschaulich Einblick in einen ganz "normalen" Tagesablauf in Deinem Job.
Ich bin hin und hergerissen zwischen Respekt, Anerkennung der Notwendigkeit solcher Berufe und dem Entsetzen über die Trostlosigkeit, der Sinnlosigkeit und der Perspektivlosigkeit für die Mitarbeiter.
Es mag Dir kein Trost sein, aber es läuft in Deutschland nicht anders. Doch, halt, ein kleiner Unterschied besteht. Das irgendwer, irgendwem Geld ausbezahlt, nur um Ruhe zu haben...das gibt´s bei den Deutschen nicht. GEld rangiert in der Wertigkeit eines Staatsdieners immer vor Ruhe.
Viele Grüße in die (nun nicht mehr ganz so beschauliche) Schweiz.

Jürgen
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vor > 3 Jahre
@ Hallo Wurzel

Ich habe gerade bis Teil 4 deines Berichtes gelesen. Du hattest ja einen richtig harten Job. Wahrscheinlich ist es gut für dich, wenn du in Zukunft eine andere Tätigkeit ausübst.

Liebe Grüsse
  • Diva
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vor > 3 Jahre
@ Wurzel

Liebe Wurzel

Danke für diesen Bericht. Ich wußte nicht , wie schwer Du es hattest.
Du hast meine tiefste Achtung & Respekt vor dem was Du geleistet hast.
Frauen ( Menschen ) wie Dich braucht unser Land :!: :!: :!:Idealisten !

L. Gr. DIVA

Ps. Darf ich mir das ausdrucken ?
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vor > 3 Jahre
hallo wurzel,

schließe mich der Frage von Diva an. Darf ich mir das ausdrucken?

viele Grüße, Jürgen
  • wurzel
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vor > 3 Jahre
@DIVA
@Profile

Hallo und guten Morgen ihr Beiden

Na, ihr macht mich ja wirklich sehr verlegen ops: ops: Ich habe den Job geliebt, nur das System im Betrieb selber hat mich kaputt gemacht (Druck ohne Ende und zu wenig Mitarbeitende).

Klar, druckt es nur aus. Ihr wisst ja, in welcher Sozialhilfe ich gearbeitet habe, also schweigt euch darüber bitte aus und benutzt weiterhin mein Pseudonym (sorry, big brother ist gefährlich in dieser Branche).

Wünsche euch einen wunderschönen Tag und schicke ganz liebe Grüsse.

Eure Wurzel oder so :wink:
  • Infinity
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vor > 3 Jahre
@wurzel

habe es endlich geschafft Deinen Bericht zu lesen und muß sagen: Respekt! In andere Berufe sich reinzulesen ist interessant und hilft diese besser zu verstehen. Danke dafür.
Antworten

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