Grosse Visionen, kleine Führung - meine TWINT Erfahrung
Verbesserungsvorschläge
Weniger „alignieren“, mehr führen.
Im Unternehmen wird ständig von „Alignieren“ gesprochen – dabei bedeutet das laut Duden nicht etwa „sich abstimmen“, sondern „abmessen“ im vermessungstechnischen Sinn oder auch «Fluchtlinien abstecken». Und genau so fühlt es sich auch an: als würde man permanent versuchen, eine krumme Realität irgendwie geradezureden oder schonmal die Flucht vor den Konsequenzen des nächsten gescheiterten Grossprojekts zu planen.
Ein zusätzlicher Vorschlag: Auf Fremdwörter sollte man nur dann zurückgreifen, wenn man sie sicher beherrscht. Andernfalls kann schnell der Eindruck entstehen, dass der Wunsch, kompetent zu wirken, die tatsächliche Kompetenz überlagern könnte.
Arbeitsatmosphäre
Dies ist die Geschichte eines leuchtenden Sterns – der gerade in Echtzeit verglüht. Nicht langsam. Sondern spektakulär.
Der Treibstoff dieses Burnouts? Wie so oft: eine gefühlt vollkommen überforderte und systematisch inkompetente Geschäftsleitung samt Verwaltungsrat.
Game of Thrones trifft Teletubbies.
Wer gerne in Sitzungen sitzt, die von Oberflächlichkeit und Selbstinszenierung nur so strotzen, ist hier gefühlt goldrichtig.
Dazu gibt’s: Gerüchte, Intrigen, Machtspiele – und das alles unter dem Mantra „Bei TWINT sind wir eine Familie“. Nur leider ist es eine sehr dysfunktionale Familie, die aus meiner Sicht dringend in Familientherapie müsste.
Die Geschäftsleitung hängt irgendwo zwischen 1985 und PowerPoint-2003 fest. Sie nutzen ihr Alter als Ausrede für ihre Weltsicht und alle anderen sollten das doch bitte verstehen.
Image
Der aufgehende Stern war für mich einmal. Das Märchen ist vorbei – geblieben ist eine Realität zwischen Überforderung und Ahnungslosigkeit.
Nach außen gibt man sich innovativ, modern, visionär. Innen drin? Sieht es eher nach sattem Selbstlob und kollektiver Verdrängung aus.
Der Grössenwahn ist gefühlt so gigantisch, dass selbst der Regulator oder das Gesetz nicht als limitierende Bedrohungsszenarien wahrgenommen werden.
Was von außen noch schillernd aussieht, ist sich von innen längst am zersetzen. Das ist die eigentliche Tragödie.
Man denke an Gammelfleisch: hübsch verpackt, aber der Inhalt ist nicht mehr gesund.
Work-Life-Balance
Wer emotional auf Sparflamme läuft und sich gut abgrenzen kann, wird hier vermutlich überleben.
Für alle anderen gilt: Die größte Belastung ist nicht die Arbeit selbst – sondern der tägliche Umgang mit destruktiven Mustern, passiv-aggressiven Mikropolitiken und einer meiner Meinung nach toxischen Kultur, die sich als "familiär" tarnt.
Man kann pünktlich nach Hause gehen – aber nimmt die emotionale Erschöpfung trotzdem mit.
Die Belastung ist nicht quantitativ, sondern qualitativ: Sinnlosigkeit frisst Energie. Führungslosigkeit macht mürbe. Und wer sich engagiert, wird systematisch ausgebremst oder pathologisiert.
Psychische Stabilität ist kein Auswahlkriterium – aber eine Voraussetzung, um heil wieder rauszukommen.
Karriere/Weiterbildung
Karriere ist bei TWINT aus meiner Perspektive ein Glücksspiel.
Entweder man rutscht zufällig in eine Vakanz, die sonst niemand will – oder man wird auf einem Titel geparkt, der weder zur Verantwortung noch zum Skillset passt.
Weiterbildung ist möglich – solange sie niemanden verunsichert. Wer zu viel weiß, zu kritisch denkt oder gar Führungskompetenz mitbringt, wird schnell zur Bedrohung und dann auch so behandelt fand ich. CAS sind bei TWINT das Pflaster für mangelnde Berufserfahrung und Juniors einzustellen ist günstig und man kann den Headcount aufblähen. Das CAS schliesst dann sicher den gap zu den Skills die man eigentlich gebraucht hätte.
Talentmanagement? Geht nach Beliebtheit.
Karrierepfade? Kennt man nicht, aber coole Worte – senior, professional, junior, Senior Management, Middle Management, Executive Board, überall Heads auf allen Stufen . Messbare Qualitätsstandards oder Jobbeschreibungen sind nicht oder selten verfügbar – auch hier wird empfunden nach Beliebtheit eingeordnet, nicht nach Erfahrung, Bedarf an die Rolle oder gar Können.
Man entwickelt sich hier weiter – aber eher in Geduld, Resilienz und Realitätsabgleich.
Gehalt/Benefits
Wer ein faires, marktübliches Gehalt sucht, ist hier aus meiner Sicht leider eher falsch. Bezahlt wird gefühlt per Zufall – nicht nach Leistung, Verantwortung oder Marktwert.
Das Lohnsystem wirkt wahllos: intransparent, inkonsistent und erstaunlich resistent gegenüber gesundem Menschenverstand. Mal gehört der Bonus zum Gehalt gesichert dazu, dann kann er aber doch wieder angepasst werden - je nach Tagesform von HR und wer gerade beeindruckt werden muss.
Versicherungsleistungen sind Standard, aber nichts, worüber man beim Apéro spricht, weil auch da im Marktvergleich schlecht. Keine Kantine, kein ÖV-Abo, keine echten Fringe Benefits – dafür gelegentlich Gipfeli, ne Pizzaparty und die tröstende Umarmung des eigenen Zynismus.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Erst seit Kurzem wurden einige Initiative lanciert, die mehr nach "Wir müssen jetzt auch was machen" als nach Überzeugung wirken.
Es gibt Präsentationen und Initiativen, aber es bleibt unklar welchen strategischen oder gesellschaftlichen Mehrwert das Ganze hat. Aber es gab auch schon lange keine Unternehmensstrategie mehr - also ist das konsistent.
Grundsätzlich muss man sagen, dass extrem wenig Sozial- oder Gesellschaftsinteresse kommt von einer Marke, die ein Teil der Schweizer Gesellschaft geworden ist. Das fundamentale Desinteresse an der Rolle, die man hätte spielen können, enttäuscht mich bis heute, aber sagt für mich auch alles was man über TWINT wissen muss,
Kollegenzusammenhalt
Einige Kolleg:innen waren großartig – und haben das tägliche Chaos mit Galgenhumor überstanden.
Wer überleben will, braucht nicht nur ein gutes Netzwerk, sondern auch einen klaren Blick: Denn was heute gesagt wurde, wird morgen geleugnet. Willkommen zu Gaslighting 101.
Mit HR zu sprechen? Aus meiner Erfahrung heraus eher mit Vorsicht zu geniessen. In drei Fällen entstand sehr stark der Eindruck, dass vertrauliche Gespräche offenbar nicht in geschütztem Rahmen verblieben. Das Vertrauen in eine geschützte Gesprächsbasis und zukünftige Kollaboration war dadurch nachhaltig erschüttert.
Gemeinsamer Ansatz? Theoretisch ja.
Etwas dokumentieren? Unbedingt.
Die Hälfte davon hat die Halbwertszeit eines Fisches ohne Wasser – und verschwindet meist genau dann, wenn du dich darauf berufst.
Dokumentiertes bedeutet wenig. Aber: Schreibt trotzdem alles mit – nicht, weil es zählt, sondern weil man sonst irgendwann an sich selbst und seiner Realität zweifelst.
Umgang mit älteren Kollegen
Ältere Kollegen gibt es – aber fast nur in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat.
Im operativen Bereich sind sie selten, weil:
a) zu teuer,
b) zu erfahren
und damit c) eine Bedrohung für das fragile Ego der Geschäftsleitung.
Wer zu viel weiß, zu souverän auftritt oder einfach nur professionell arbeitet, destabilisiert das Machtgefüge – und bekommt das früher oder später zu spüren.
Mein Rat: Wer Erfahrung mitbringt, tritt lieber leise auf. Schützt euch selbst – vor Gaslighting und der strategischen Zersetzung eures Selbstwerts.
Vorgesetztenverhalten
Einige prägende Erlebnisse, wie ich sie mit meinem Vorgesetzten wahrgenommen habe:
– Er äußerte sich regelmäßig zu Themen, in denen er keine fachliche Grundlage hatte, ohne Rücksprache mit den eigentlichen Expert:innen
– Ergebnisse wurden weitergereicht oder präsentiert, ohne die eigentlichen Urheber:innen zu nennen
– In persönlichen Gesprächen wirkte er unterstützend, intern sprach er jedoch abwertend über einzelne Mitarbeitende
– Anonyme Mitarbeiterumfragen ließ er durch HR „entschlüsseln“, um gezielt kritische Stimmen zu identifizieren
– Er sammelte über seine Vertrauenspersonen Informationen und nutzte sie später in strategischen Auseinandersetzungen
– Anträge auf Ressourcen wurden nicht priorisiert, während operative Prozesse gleichzeitig komplex gehalten wurden
– In Feedbackgesprächen wurde vermittelt, dass die Arbeit keinen Mehrwert habe und man sich lieber mit fachfremden Aufgaben befassen solle
– Loyalität wurde eingefordert, Rückendeckung gegenüber übergeordneten Gremien blieb jedoch aus
– Fakten wurden häufig so dargestellt, dass sie dem gewünschten Narrativ dienten – mit der tatsächlichen Lage hatte das oft wenig zu tun
Arbeitsbedingungen
Das Büro fühlte sich an wie Käfighaltung: dicht gedrängt, schlechte Ausstattung, schlechte Luft – einfach grauenhaft. Die Fenster ließen sich nicht öffnen. Die Luft war so schlecht, dass wir die Fenster aufschrauben mussten. Aber Hauptsache einige Entscheidungsträger haben einen kurzen Weg ins Büro.
Informationen wurden gezielt alloziert oder zurückgehalten, denn so viel wusste man – Informationsvorsprung ist Macht. Kontraproduktiv nur, dass die Gerüchteküche so aktiv war, dass man vieles schneller wusste als der eigene Vorgesetzte.
Kurz: Es war einfach kein Ort, an dem man gerne gearbeitet hat, nur die Leidensgenossen haben es erträglich gemacht. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass eine Person den Laden administrativ am Laufen gehalten hat, trotz der widrigen Umstände. Vielen Dank dafür.
Kommunikation
Kommunikation bei TWINT wirkte oft wie ein geschlossenes System mit starkem Hang zur Selbstbestätigung und einer grossen Diskrepanz zur Realität.
Es schien oft so als würde die Wahrheit so lange umformuliert werden, bis sie ins Narrativ passt – oder ganz verschwindet.
Die Geschäftsleitung wirkte meist als würde sie in einer Echokammer leben, in der abweichende Meinungen als Störung gelten, nicht als Chance.
Die offizielle Kommunikation war häufig bemüht, ein konsistentes Bild zu vermitteln – auch dann, wenn es intern bereits deutlich abwich. Kein Wunder also, dass jedes große Projekt in den letzten zwei Jahren nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnte – es wurde intern kaum aufgearbeitet oder (selbst)reflektiert.
Willkommen in Delulu-Land.
Gleichberechtigung
Gleichberechtigung bei TWINT ist meiner Meinung nach oft reine Theorie. In der Praxis bedeutet sie: Männer erklären dir deinen eigenen Job (mansplaining) – unabhängig davon, ob sie deinen Job jemals gemacht haben.
Mein Aufgabenbereich wurde mir regelmäßig von Kollegen erläutert, die inhaltlich völlig fachfremd waren. Vom Board bis zu Praktikanten – alle wussten es besser.
An manchen Tagen habe ich mein eigenes LinkedIn-Profil geöffnet, nur um mich daran zu erinnern, dass ich tatsächlich die Expertin bin.
In einem Townhall wurde die fehlende weibliche Repräsentanz in der Geschäftsleitung und im Senior Management kommentiert mit:
„Wir finden halt keine guten Frauen – aber wir haben unverhältnismässig viele im Middle Management.“ Translation: wenn man weiblich ist, hat man sehr wenig Chancen aufzusteigen oder einen «hohen» Job zu bekommen.
Gleichstellung ist meiner Meinung nach ein LinkedIn-Post, kein gelebter Wert.
Interessante Aufgaben
Mein Job hätte erfüllend sein können. Die Rolle war spannend, verantwortungsvoll und herausfordernd.
Aber die Umstände haben es unmöglich gemacht dauerhaft Spass zu haben: Ignoranz, Überforderung, Planlosigkeit und eine erschreckende Unprofessionalität auf allen Ebenen.
Man könnte denken: „Vielleicht ein persönlicher Pechfall.“
Aber: Lest einfach die anderen Bewertungen dieses Jahres.
Was hier passiert, ist kein Einzelfall.
Es ist gefühlt der systematische Abstieg einer der stärksten Marken in der Schweiz – und wie immer sind es die Falschen, die das Steuer in der Hand haben.


