Wenn Gelb fürs Leben wichtiger ist als Veränderung...
Verbesserungsvorschläge
Sehr geehrter Geschäftsführer,
vielleicht erreicht Sie diese Bewertung auf einem Weg, auf dem Informationen nicht zuvor durch mehrere Führungsebenen gefiltert werden.
Viele der folgenden Punkte habe ich über Jahre hinweg selbst wahrgenommen oder in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Bereichen mitbekommen. Deshalb geht es hier nicht um Einzelfälle, sondern um Themen, die im Unternehmen seit Langem bekannt sind.
Nach außen präsentiert sich Schachermayer als modernes Familienunternehmen mit Werten, Entwicklungsmöglichkeiten und einem starken Miteinander. Intern habe ich jedoch häufig eine andere Realität wahrgenommen.
Karrierewege wirkten oft vorhersehbar. Nicht immer entstand der Eindruck, dass Leistung, Kompetenz oder Potenzial ausschlaggebend waren. Viel häufiger wurde darüber gesprochen, wer wen kennt oder zu welchem Netzwerk gehört. Für viele Mitarbeiter waren die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt, für Frauen gefühlt noch einmal stärker. Teilzeitkräfte wurden nicht immer als gleichwertige Arbeitskräfte wahrgenommen, sondern teilweise als organisatorische Belastung.
Gleichzeitig wurden Führungspositionen überwiegend intern besetzt. Dadurch entstand über Jahre eine Kultur, die sich selbst bestätigte und selten hinterfragte. Neue Perspektiven oder moderne Führungsansätze kamen kaum ins Unternehmen. Aussagen, dass man bei der Lehrlingssuche wieder stärker auf männliche Bewerber setzen sollte, vermittelten ebenfalls nicht gerade den Eindruck eines modernen Arbeitgebers.
Auch mit sensiblen Themen wurde aus meiner Sicht oft erstaunlich locker umgegangen. Grenzüberschreitendes Verhalten wurde häufig verharmlost oder toleriert. Konstellationen zwischen Führungskräften und direkt unterstellten Mitarbeitern wurden vielfach als offenes Geheimnis wahrgenommen. Dadurch entstand der Eindruck, dass für manche Personen andere Maßstäbe gelten als für andere.
Besonders auffällig war jedoch die Situation in der Personalabteilung. Die hohe Fluktuation dort war über Jahre hinweg im gesamten Unternehmen bekannt. Kaum eine andere Abteilung wurde so häufig mit Personalwechseln in Verbindung gebracht. Trotzdem entstand nie der Eindruck, dass die Ursachen ernsthaft hinterfragt wurden. Die offensichtlichste Frage blieb unbeantwortet: Warum verlassen so viele Mitarbeiter genau diese Abteilung wieder?
Auch außerhalb der Personalabteilung wurde immer wieder über das dortige Arbeitsklima gesprochen. Von Kontrolle, Misstrauen und Spannungen innerhalb des Teams war regelmäßig die Rede. Unter Mitarbeitern wurde teilweise sogar darüber gewitzelt, wer wohl als Nächstes auf der „schwarzen Liste“ stehen würde. Erschreckend war dabei nicht, dass solche Gespräche geführt wurden. Erschreckend war, dass sie über Jahre hinweg geführt wurden und sich dennoch nichts änderte.
Für zusätzliches Unverständnis sorgten Regeln und Entscheidungen, die im Alltag oft lebensfremd wirkten. Selbst kleine Aufmerksamkeiten von Kolleginnen und Kollegen mussten abgegeben werden. Gleichzeitig entstand vielerorts der Eindruck, dass Regeln nicht für alle gleichermaßen galten.
Besonders bemerkenswert ist, dass genau jene Abteilung, die für Personalentwicklung, Unternehmenskultur und die Schulung von Führungskräften verantwortlich war, selbst immer wieder Gegenstand kritischer Gespräche innerhalb des Unternehmens war. Wenn ausgerechnet dort über Jahre dieselben Probleme wahrgenommen werden, sollte das Anlass genug sein, die eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Am meisten irritiert rückblickend nicht einmal das Verhalten einzelner Personen. Irritierend ist, wie viele dieser Themen über Jahre hinweg bekannt waren. Darüber wurde in den Abteilungen gesprochen, bei Firmenveranstaltungen gesprochen und in den Pausen gesprochen. Es waren keine Geheimnisse.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob diese Probleme existierten oder existieren. Die eigentliche Frage ist, warum sie so lange bestehen konnten.
Die größte Stärke des Unternehmens sind die vielen engagierten Mitarbeiter. Die größte Schwäche ist, dass bekannte Probleme, bekannte Führungsthemen und bekannte Missstände über Jahre hinweg ohne erkennbare Konsequenzen bestehen konnten.
Schachermayer hat enormes Potenzial. Umso bedauerlicher ist es, wenn dieses Potenzial durch Freunderlwirtschaft, mangelnde Konsequenzen und eine Kultur des Wegschauens Jahr für Jahr verspielt wird.