Ein Meisterwerk organisatorischer Selbstsabotage
Gut am Arbeitgeber finde ich
Auf jeden Fall ein Top-Abhärtungstraining, welches dich entweder mit besseren Überlebensstrategien ausstattet als jede Navy-Seal-Ausbildung oder dafür sorgt, dass dein Psychologe endlich seinen Porsche abbezahlen kann. Wo andere Arbeitgeber teure Resilienz-Seminare buchen, erhält man hier die Vollversion kostenlos und unfreiwillig. Da erlangt man schon mal die Erkenntnis, dass Burnout offenbar doch keine Erfindung der Wellnessbranche ist.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Zu wenig Platz um alles reinzuschreiben. Das wohl Witzigste ist, dass die aktuellen Umstände einfach hingenommen werden und man der Meinung ist, dass das Alles in Allem schon so passt. Wenn man ein paar Tage mit einer Go-Pro-Kamera unterwegs sein dürfte, könnte man aus dem Video-Material 100% die lustigste Comedy Serie der Menschheitsgeschichte schneiden.
Verbesserungsvorschläge
Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf. In diesem Fall riecht man ihn vermutlich noch in den Nachbargemeinden.
Arbeitsatmosphäre
Was soll man sagen, wer ist noch dabei? Genau, diejenigen, die sonst keinen Job finden. Oder sich mittels (teils SEHR) persönlicher Beziehungen einen Job sichern, für welchen sie objektiv betrachtet heillos unterqualifiziert sind. Gefühlt arbeitet jeder mit jedem zusammen, solange es ihm nützt. Danach wird die Zusammenarbeit zur Erinnerung und die Erinnerung zur Verhandlungsmasse. Game of Thrones wirkt dagegen stellenweise wie ein Kindergeburtstag.
Kommunikation
Top-Kommunikation, vorzugsweise hinter dem Rücken oder durch die viel zu dünnen Bürowände. Wer aufmerksam zuhört, erfährt manchmal Neuigkeiten über sich selbst noch bevor die betreffende Person mit ihm gesprochen hat.
Kollegenzusammenhalt
Kollegenzusammenhalt ist grundsätzlich vorhanden. Allerdings hauptsächlich innerhalb kleiner Grüppchen, die sich gegenseitig vor den anderen Grüppchen schützen. Fast wie in einer Schulklasse, nur mit Gehaltsabrechnung.
Work-Life-Balance
Wer Arbeit und Privatleben strikt trennen möchte, wird hier lernen, seine Erwartungen anzupassen.
Vorgesetztenverhalten
Das wäre auf jeden Fall das Sahnehäubchen und eine Knacknuss sondergleichen für jede Koryphäe der Psychologie. Die arme Sau, welche das akribisch analysieren müsste, würde vermutlich mit mehr Fragen als Antworten zurückbleiben und ernsthaft darüber nachdenken, den Beruf zu wechseln.
Interessante Aufgaben
Definitiv vorhanden. Man könnte mal z.B. damit anfangen in der Zentrale neue Sessel anzuschaffen, da die alten durchgesessen sind. Andererseits würde das den Charakter des Unternehmens natürlich grundlegend verändern.
Gleichberechtigung
Für die Oberen alles, für die Unteren nichts! Hoch lebe die Aristokratie!
Umgang mit älteren Kollegen
Wenigstens ist man hier konsistent: Jeder ist erstmal gleich wenig wert, Alter per se scheint mir da kein Kriterium zu sein, um auf der Abschussliste zu landen. Dazu muss man schon mutiger sein und bspw. schlankere/effizientere Prozesse vorantreiben, welche dazu führen würden, dass gewisse Personen Verantwortung für ihr handeln übernehmen müssten. Dann hast du aber sowas von einer fetten Zielscheibe auf dem Rücken, dass du eigentlich gleich deine Kündigung einreichen kannst.
Arbeitsbedingungen
Ganz entspannt, Polen ist ja weit weg. Und das Internet war ja bis vor Kurzem bekanntlich noch Neuland, d.h. mit der Omnichannel-Strategie bzw. dem Aufbau eines seriösen Onlineshops hat man sich ruhig noch etwas Zeit gelassen. Hat man sich gedacht, das gibt dann später eventuell ein paar Problemchen, aber darum kümmern wir uns, wenn es soweit ist.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Beides top! Man setzt aus Umweltschutzgründen auf IT-Technik aus dem letzten Jahrhundert. Das darunter die Produktivität leidet weil Arbeitszeit flöten geht, nimmt man selbstlos in Kauf. Andere Unternehmen reden von Nachhaltigkeit, hier wird sie gelebt. Selbst Hardware bekommt die Chance auf einen würdevollen Ruhestand erst nach mehreren Wiedergeburten.
Gehalt/Benefits
Oberes Management hoch, der Rest kann gefühlt Ergänzungsleistungen beantragen, um über die Runden zu kommen. Die Schere zwischen oben und unten ist hier kein Werkzeug mehr, sondern eher ein architektonisches Konzept.
Image
Das Image ist stabil. Leider auf einem Niveau, das andere Unternehmen als Warnhinweis verwenden würden.
Karriere/Weiterbildung
Hier lernt man vor allem eines: Warum Menschen irgendwann anfangen, Bewerbungen zu schreiben.