Zeitbombenstimmung – wie die Titanic auf ruhigen Gewässern
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Kaffeemaschine war stets verlässlich und manchmal – so schien es mir – die empathischste Instanz an Bord. Ihr leises Brummen vermittelte mehr Verständnis als so manches Mitarbeitergespräch.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
In meiner Wahrnehmung: ein Schiff ohne Kurs, dafür mit polierter Kommandobrücke. Die Mannschaft wechselte häufig – vermutlich alles leidenschaftliche Entdecker auf der Suche nach stilleren Gewässern.
Verbesserungsvorschläge
– Eine Kapitänin, die Menschen mag – ein vielversprechender Kurswechsel.
– Vertrauen statt Kontrolle – ein gewagtes, doch durchaus reizvolles Manöver.
– Dürfte man höflich anregen, ob ein gemeinsames WC – allein schon aus Gründen der Symbolik – nicht als kleines Zeichen von Gleichheit und Verbundenheit wünschenswert wäre?
– Boni, die bei Kündigung nicht rückwirkend verdampfen – ein Akt wahrer Würde.
Arbeitsatmosphäre
Disclaimer: Kununu hat mich freundlich darauf hingewiesen, dass die Geschäftsleitung der Walser Vorsorge AG anwaltlich gegen unliebsame Bewertungen vorgeht. In diesem Geiste wurde bei dieser Rezension besonders auf höfische Zurückhaltung und blumige Formulierungen geachtet.
Meine persönliche Einschätzung ist, dass 5-Sterne-Bewertungen hier kaum glaubwürdig sind und mit derselben Skepsis betrachtet werden sollten wie Wahlergebnisse in autoritär geführten Staaten. Statt unliebsame Stimmen zu löschen, hielte ich es für zielführender, sich den Ursachen zuzuwenden. Und darf man fragen, warum so viele ehemalige Matrosen ihre Eindrücke in so düsteren Farben schildern?
Arbeitsatmosphäre: Für mein Empfinden glich die Stimmung an Bord dem letzten Akt der Titanic: unten wird geschöpft, oben wird gelächelt, und irgendwo spielt jemand Cello. Apokalyptisch mit Kammermusik – sehr speziell.
Image
Die Aussenwirkung: tadellos – wie eine frisch lackierte Galionsfigur. Dass unter Deck gelegentlich Chaos herrschte, empfand ich als charmant menschlich. Man liebt ja das Unperfekte, nicht wahr?
Work-Life-Balance
Ein fein abgestimmtes Gefüge, das – so mein Eindruck – die persönliche Belastbarkeit auf bemerkenswerte Weise herauszufordern weiss. Besonders lehrreich erschien mir die Gelegenheit, sich mit Fragen rund um Erschöpfung und Langzeitabsenz nicht nur im Rahmen der administrativen Tätigkeit einer Pensionskasse auseinanderzusetzen, sondern auch durch eindrückliches Anschauungsmaterial aus dem unmittelbaren Umfeld.
Karriere/Weiterbildung
Für familiär nicht eingebundene Teammitglieder blieb der Karriereweg erfreulich übersichtlich – man könnte fast von einer dynastischen Manier sprechen. Weiterbildung erfolgte zumeist auf direktem Wege durch unmittelbare Erfahrung – learning by drowning, sozusagen. Persönlich gewann ich vor allem wertvolle Einsichten in die eigenen Schmerzgrenzen.
Gehalt/Benefits
Das Einstiegsgehalt erschien mir durchaus solide. Die Aussicht auf eine Lohnentwicklung hingegen wirkte rückblickend eher wie charmant gesponnenes Seemannsgarn aus dem Einstellungsgespräch. Besonders elegant: Boni fürs Vorjahr, die sich bei kündigungsbedingtem Wellengang schnell in Luft auflösen.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Wie ein tropischer Eisberg: Behauptet aber nicht auffindbar.
Kollegenzusammenhalt
Solidarität im Ausnahmezustand: Man hält sich fest, nicht weil man will, sondern weil das Deck schwankt. Wärme fand ich meist unter Deck – auf der Brücke hingegen frostige Brise mit Misstrauensböen.
Umgang mit älteren Kollegen
Ältere Crewmitglieder durften bis zuletzt dienen – ganz im Geiste einer lebenslangen Hingabe. Dass eine langgediente Kollegin kurz vor der Pensionierung über Bord ging, war gewiss ein tragischer Einzelfall – so etwas kann im Sturm schon mal passieren.
Vorgesetztenverhalten
Die Geschäftsführung gebietet eine Präsenz, die fast schon göttlich anmutet – so unantastbar und erhaben, dass jede profane Beschreibung mühelos im digitalen Keim erstickt wird. Es ist daher nur zu verständlich, dass sachliche und offene Rückmeldungen an dieser Stelle kaum Raum finden. Darf man sich in aller Bescheidenheit fragen, ob es mancherorts bereits als feines Gespür gilt, wenn frischer Wind stets dort aufkommt, wo Diskussionen zu klar umrissen erscheinen?
Arbeitsbedingungen
Technik: vorhanden. Akustik: maritim geprägt. Das Grossraumbüro erinnerte mich bisweilen an den Maschinenraum eines betagten Dampfers – mit authentischem Wellenrauschen und besten Voraussetzungen für charakterbildende Konzentrationsübungen.
Kommunikation
Ein fein gesponnenes Netz aus Andeutungen, Umdeutungen und inspirierender Mehrdeutigkeit. Wer Freude an der Lektüre zwischen den Zeilen hat, findet hier sein Kommunikationsparadies. Ehrliche Worte wirkten eher wie diplomatische Zwischenfälle.
Gleichberechtigung
Gewiss sind hier – so mein Eindruck – alle gleich, wobei sich eine ausgesucht feine Kunst der Unterscheidung beobachten liess. Einzelne Persönlichkeiten, die sich durch besondere Loyalität, bewundernswerte Unbedarftheit oder ehrfürchtige Dankbarkeit hervortaten, wurden mit bemerkenswerter Wärme bedacht.
Interessante Aufgaben
Ich bekam Aufgaben, die spannend waren wie ein Kabelbrand in der Bordelektronik. Mein Eindruck war, dass eher auf pragmatische und kurzfristige Lösungen gesetzt wurde. Persönlich hätte ich mir lieber einen Kurs gewünscht, der nicht nur auf Hoffnung und Spucke navigiert.