Vom Vorzeigeunternehmen zum Fiebertraum – wie sich eine Firma selbst demontiert
Gut am Arbeitgeber finde ich
Was ich gut am Arbeitgeber finde:
Die direkten Vorgesetzten und die Menschen innerhalb der österreichischen Business Unit sind einer der wenigen Gründe, warum man dem Unternehmen überhaupt noch die Treue hält. Hier gibt es noch ehrliche Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, pragmatische Lösungen und einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe. Die vorhandene Eigenständigkeit und die damit verbundenen Freiheiten ermöglichen es, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen noch sinnvoll und erfolgreich zu arbeiten.
Umso bedauerlicher ist es, dass zunehmend der Eindruck entsteht, genau diese Eigenständigkeit beschneiden und die österreichische Organisation immer stärker in schwerfällige Konzernstrukturen pressen zu wollen. Noch funktioniert dieser Bereich gut – allerdings nicht wegen der zentralen Unternehmensstrukturen, sondern vor allem wegen der Menschen vor Ort.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Das Unternehmen demontiert sich mit einer Konsequenz selbst, die man von außen kaum für möglich halten würde. Entscheidungen werden in irgendeinem Elfenbeinturm getroffen, fernab von Mitarbeitern, Kunden und jeder betrieblichen Realität. Mittlerweile werden Mitarbeiter nicht nur gekündigt – viele kündigen auch freiwillig und teilweise regelrecht erleichtert, weil sie nur noch weg von dieser völlig aus den Fugen geratenen Firma wollen. Wissen, Erfahrung und Engagement verschwinden, während die Verantwortlichen offenbar dabei zusehen, wie das Unternehmen von innen implodiert.
Die Townhalls wirken inzwischen wie ein skurriler Fiebertraum: realitätsferne Inszenierungen, übertriebene Selbstbeweihräucherung und große Visionen, während im Arbeitsalltag immer mehr auseinanderfällt. Probleme werden entweder gar nicht wahrgenommen oder kurz angesprochen, nur um wenige Augenblicke später wieder vergessen zu sein. Konsequenzen oder echte Veränderungen folgen praktisch nie.
Auch die Produktentwicklung entfernt sich zunehmend von der Realität der Kunden. Produkte werden offenbar aus internen Vorstellungen heraus konzipiert, statt sich konsequent an tatsächlichen Abläufen und Bedürfnissen zu orientieren. Kundenfeedback spielt entweder eine untergeordnete Rolle oder versickert irgendwo in den endlosen Organisationsstrukturen. Am Ende müssen Mitarbeiter erklären, rechtfertigen und retten, was von Beginn an am Kunden vorbeigeplant wurde.
Das größte Problem ist nicht, dass Fehler passieren. Das größte Problem ist die völlige Unfähigkeit, sie ehrlich anzuerkennen. Man verwechselt Marktgröße mit Qualität, Selbstdarstellung mit Kommunikation und permanente Umstrukturierung mit Fortschritt. Während intern weiter vom Weltmarktführer gesprochen wird, werden Vertrauen, Motivation, Wissen und das ehemals gute Image Stück für Stück zerstört.
Arbeitsatmosphäre
Früher war die Arbeitsatmosphäre ausgesprochen gut. Durch kurzfristige Hauruck-Aktionen, teils nicht nachvollziehbare Kündigungen und eine unzureichende Kommunikation hat sie sich jedoch stark verschlechtert. Viele Entscheidungen wirken willkürlich und werden weder transparent erklärt noch angemessen begleitet. Dadurch ist mittlerweile eine spürbare Kultur der Unsicherheit und Angst entstanden.
Kommunikation
Die interne Kommunikation findet teilweise kaum noch statt oder beschränkt sich auf schwer nachvollziehbare Informationen. Wichtige Entscheidungen und Veränderungen werden nicht direkt, transparent und rechtzeitig vermittelt, sondern häufig nur beiläufig über Townhalls oder befremdlich formulierte Teams-Mitteilungen. Auch in der Kundenkommunikation fehlt zunehmend ein offener und realistischer Austausch. Statt bestehende Probleme ehrlich anzusprechen, liegt der Fokus oft auf positiver Selbstdarstellung und darauf, die eigenen Leistungen und ambitionierten Ziele hervorzuheben. Dadurch entsteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der offiziellen Kommunikation und der tatsächlich erlebten Realität.
Kollegenzusammenhalt
Innerhalb der eigenen Abteilung und in fachlich eng verbundenen Bereichen – insbesondere im Consulting – ist der Kollegenzusammenhalt weiterhin gut. Darüber hinaus hat er jedoch deutlich nachgelassen. Die zunehmende Demotivation, Frustration und Unsicherheit erschweren ein gemeinsames Miteinander. Durch die aktuellen Rahmenbedingungen trägt das Unternehmen leider wenig dazu bei, den bereichsübergreifenden Zusammenhalt zu fördern – eher im Gegenteil.
Work-Life-Balance
Die Work-Life-Balance ist grundsätzlich sehr gut. Insbesondere innerhalb der österreichischen Organisationsstruktur sowie im direkten Austausch mit den Vorgesetzten wird auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden Rücksicht genommen. Wer offen und ehrlich kommuniziert, erhält in der Regel die notwendige Unterstützung und passende Lösungen. Auf die eigene Business Unit und den unmittelbaren Arbeitsbereich bezogen, ist hier wirklich alles bestens.
Vorgesetztenverhalten
Das Verhalten der direkten Vorgesetzten ist sehr positiv. Die Kommunikation erfolgt ehrlich und auf Augenhöhe, Anliegen finden stets ein offenes Ohr und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Das ist derzeit eine der großen Stärken des Unternehmens. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass den direkten Führungskräften zunehmend Handlungsspielraum und Einfluss genommen werden. Auch sie wirken durch die aktuellen Strukturen, Entscheidungen und zusätzlichen Belastungen immer stärker gefordert.
Interessante Aufgaben
Der Tätigkeitsbereich wäre grundsätzlich äußerst interessant, vielfältig und sinnvoll. Man könnte sich fachlich einbringen, eigene Ideen umsetzen und für Kunden wirklich etwas bewirken. In der Praxis sind einem jedoch zunehmend die Hände gebunden: Eine wenig überzeugende oder nicht vorhandene Produktstrategie und künstlich aufgeblähte Organisationsstrukturen erschweren die tägliche Arbeit für Kunden und Mitarbeitende gleichermaßen. Zuständigkeiten und Entscheidungswege werden immer unübersichtlicher. Dadurch bleibt kaum Raum für die eigentlich spannenden Aufgaben – stattdessen besteht der Arbeitsalltag zunehmend daraus, Probleme zu verwalten und ständig neue Brände zu löschen.
Arbeitsbedingungen
Alles in Ordnung. Luft nach oben gibt es immer aber das wäre Jammern auf hohem Niveau.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt bewegt sich eher im unteren Mittelfeld der Branche. Durch die laufenden Einsparungen besteht kaum noch finanzieller Entwicklungsspielraum; Gehaltserhöhungen fallen minimal aus oder bleiben vollständig aus. Bei wirtschaftlichen Misserfolgen werden Prämien und Boni gekürzt oder gestrichen. Teilweise werden finanzielle Leistungen zunächst in Aussicht gestellt, später jedoch nicht ausbezahlt. Ein spürbarer finanzieller Anreiz für langjähriges Engagement und überdurchschnittlichen Einsatz ist daher kaum vorhanden.
Image
Das Image des Unternehmens hat in den vergangenen Jahren stark gelitten, auch wenn dies intern offenbar noch nicht ausreichend wahrgenommen wird. Statt die Ursachen offen anzuerkennen und gezielt gegenzusteuern, hält man an der Überzeugung fest, als Marktführer über ein nahezu unerschütterliches Ansehen zu verfügen. Durch das derzeitige Handeln wird das früher gute Image jedoch weiter beschädigt. Ein glaubwürdiges und konsequentes Bestreben, Vertrauen zurückzugewinnen, ist aktuell kaum erkennbar.

