Strukturelle Defizite und hohe Belastung: Ein System an der Grenze
Gut am Arbeitgeber finde ich
Der Bereich an sich ist sehr spannend und bietet die Möglichkeit, wertvolle Entwicklungen mitzuerleben. Einige PatientInnen sind sehr dankbar für die Hilfe, die sie erhalten, und es ist bereichernd zu sehen, dass es einen Ort gibt, an dem sie lernen können, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich ihrer Suchtproblematik zu stellen. PatientInnen teilen viele persönliche Geschichten, was tiefere Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten ermöglicht und berührend sein kann. Besonders schön ist es, wenn PatientInnen sich stabilisieren und gestärkt in ihr Leben außerhalb der Einrichtung zurückkehren.
Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass Supervision grundsätzlich stattfindet und teilweise finanziell unterstützt wird. Zudem gibt es engagierte MitarbeiterInnen, die sich mit viel Motivation für Veränderungen einsetzen und wirklich etwas bewirken wollen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten möchten, dass es sowohl den MitarbeiterInnen als auch den PatientInnen gut geht und dass wir gemeinsam einen Hof gestalten, der für alle ein sicherer und unterstützender Ort ist.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Meiner Wahrnehmung nach gibt es in manchen Bereichen Herausforderungen in der Professionalität. Es ist schwierig, so viele unterschiedliche Rollen gegenüber den PatientInnen einzunehmen – mit ihnen zu essen, gemeinsam Sport zu machen, etc. und gleichzeitig eine professionelle Distanz zu wahren. Dies kann mitunter zu Verwirrung bei den PatientInnen führen. Eine klarere Abgrenzung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten wäre wünschenswert, um sicherzustellen, dass die Arbeitslast fair verteilt wird und niemand mehr geben muss, als eigentlich zumutbar wäre.
Der Personalmangel ist deutlich spürbar, insbesondere im medizinischen Bereich, aber auch in anderen Bereichen am Hof. Dadurch entsteht der Eindruck, dass MitarbeiterInnen teils Aufgaben übernehmen müssen, die nicht direkt zu ihrer Berufsgruppe gehören und weder in der Stellenbeschreibung noch im Dienstvertrag vorgesehen sind.
Aus meiner Sicht wäre es eine wertschätzende Geste, wenn das Essen für MitarbeiterInnen – zumindest während des Hauptdienstes – kostenlos zur Verfügung gestellt würde. Mehr Wertschätzung im Arbeitsalltag wären generell wünschenswert – sei es durch kleine Aufmerksamkeiten, Firmen-Goodies oder regelmäßige positive Rückmeldungen. Auch gemeinsame Erlebnisse könnten das Teamgefühl stärken und die Motivation erhöhen.
Verbesserungsvorschläge
Es wären einige Verbesserungsvorschläge aus meiner Sicht hilfreich: Eine offene Kommunikation ohne Machtspielchen würde zu einem respektvolleren und effektiveren Miteinander führen. Zudem wäre eine bessere Organisation wichtig, um Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Nach belastenden Ereignissen, wie etwa Überdosierungen, wäre eine strukturierte Supervision sinnvoll, um die emotionalen Auswirkungen besser zu verarbeiten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der akute Personalmangel. Hier wäre es notwendig, mehr MitarbeiterInnen einzustellen, um die Qualität der Arbeit zu sichern und Kündigungen entgegenzuwirken. Das Konzept der therapeutischen Gemeinschaft sollte aus meiner Sicht überdacht werden: Entweder wird es als gemeinschaftlicher Ansatz weiterverfolgt, oder man überdenkt dies grundlegend.
Im Umgang mit den PatientInnen wäre es ratsam, stets per „Sie“ zu kommunizieren, da viele der PatientInnen Persönlichkeitsstörungen haben und dadurch ein falsches Nähe-Distanz-Verhältnis entstehen könnte. Schließlich sollten klare und einheitliche Regeln geschaffen werden. Aktuell werden Regeln oft individuell angepasst, was zu Unsicherheiten führt. Klare Strukturen und einheitliche Regeln sind für PatientInnen besonders wichtig, um ihnen Sicherheit und Orientierung zu geben.
Ich würde mir mehr Fort- und Weiterbildungen zum Thema Sucht für das gesamte Team wünschen. Dadurch könnte die Therapie weiterentwickelt, nach aktuellen Standards gestaltet und die fachliche Kompetenz gestärkt werden.
Arbeitsatmosphäre
Es gibt einen stetigen Wechsel sowohl bei den PatientInnen als auch im Team. Das liegt sicherlich auch daran, dass der Suchtbereich von Natur aus herausfordernd ist und nicht für jeden geeignet scheint. Dadurch ist ein hohes Maß an Flexibilität erforderlich.
Image
Der Verein ist schon bekannt und hilft auch sicher manchen PatientInnen. Jedoch ist das Konzept einfach nicht für jeden geeignet.
Work-Life-Balance
Natürlich muss niemand jeden Tag arbeiten, dennoch sind Wochenend- und Nachtdienste Teil des Berufs und greifen stark ins Privatleben ein. Die Arbeit ist oft sehr fordernd und energieintensiv. Flexibilität ist nur bedingt möglich, und Urlaube müssen weit im Voraus geplant werden – was allerdings verständlich ist, da die Betreuung der PatientInnen rund um die Uhr gewährleistet sein muss und dies eine sorgfältige Planung erfordert.
Karriere/Weiterbildung
Ein sehr positiver Aspekt ist, dass externe Supervision gefördert und teilweise finanziell übernommen wird. Allerdings muss sie außerhalb der Arbeitszeit absolviert werden.
Teamreflexionstreffen findet vor Ort statt, wobei die interne Supervision bereits seit mehreren Jahren von derselben Person geleitet wird. Dadurch könnte der objektive Blick auf bestimmte Themen verloren gegangen sein, und es wären neue Impulse wünschenswert.
Gehalt/Benefits
Das Weihnachts- und Urlaubsgeld ist eine positive Zusatzleistung, und das Gehalt wird stets pünktlich ausgezahlt. Das Gehalt ist grundsätzlich in Ordnung. Angesichts der hohen Anforderungen und des anhaltenden Stresslevels wäre jedoch eine bessere Vergütung wünschenswert.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Die Mülltrennung wird umgesetzt, darüber hinausgehende Maßnahmen zur Nachhaltigkeit sind jedoch kaum erkennbar.
Kollegenzusammenhalt
Ein unterstützendes Miteinander ist nicht immer gegeben. Das hohe Arbeitspensum hat mich oft überfordert, und die Aufgabenverteilung empfand ich persönlich nicht immer als fair. Insgesamt war ich häufig überlastet. Meinem Eindruck nach ging es vielen Mitarbeiterinnen ähnlich – der ständige Stress war allgegenwärtig. Meiner Wahrnehmung nach gibt es am Hof viele Gerüchte, was mitunter zu Unsicherheiten und Missverständnissen führt. Ein offenerer und transparenterer Austausch könnte helfen, Spekulationen zu vermeiden und das Miteinander zu stärken. Besonders in der Führungsebene habe ich Persönlichkeiten wahrgenommen, die stark auf Kontrolle setzen und wenig Raum für offene Kommunikation lassen. Innerhalb der Teams ist der Kollegenzusammenhalt teilweise gegeben. Es gibt engagierte MitarbeiterInnen, die sich mit viel Herz für die PatientInnen einsetzen – und genau darum sollte es letztendlich gehen.
Umgang mit älteren Kollegen
Erfahrene KollegInnen prägen das Arbeitsumfeld spürbar mit, was dazu führen kann, dass Entscheidungsstrukturen unausgewogen wirken. Manchmal entsteht der Eindruck, dass gewisse Freiheiten eher nach Betriebszugehörigkeit als nach anderen Kriterien vergeben werden. Die Zusammenarbeit mit ÄrztInnen und PsychiaterInnen gestaltet sich oft hierarchisch, was eine wirklich kollegiale Zusammenarbeit in manchen Situationen erschwert.
Eine engere Zusammenarbeit und mehr Austausch (auf Augenhöhe) könnten die Abläufe und das Miteinander verbessern. Zum Beispiel wären fixe Zeiten für regelmäßigen Austausch im Alltag ein hilfreicher Schritt.
Vorgesetztenverhalten
Da es kürzlich einen Wechsel auf Leitungsebene gab, wird es noch einige Zeit dauern, bis sich ein klares Bild ergibt.
Arbeitsbedingungen
Meiner Wahrnehmung nach erfolgt die Einarbeitung unter hohem Zeitdruck und mit wenig Anleitung, sodass man oft "ins kalte Wasser geworfen wird". Dies führt zu einem schnellen Lernprozess, jedoch wäre ein strukturierterer Austausch in vielen Situationen wünschenswert. Mein Eindruck ist, dass der Arbeitsalltag von einer hohen Dynamik geprägt ist. Bereits bei der Ankunft werden einem häufig unmittelbar zahlreiche Aufgaben zugewiesen, was eine schnelle Anpassung erfordert. Viele MitarbeiterInnen wirken auf mich belastet von dem hohen Arbeitspensum.
Kommunikation
Innerhalb der einzelnen Teams empfinde ich die Zusammenarbeit und Kommunikation als durchaus gut. Meiner Meinung nach gibt es zu wenig (kontinuierlichen) Austausch zwischen den Teams. Ich denke was die Kommunikation erschwert, ist, dass es zwar wöchentliche Teammeetings gibt, jedoch nie alle MitarbeiterInnen anwesend sind. Dies kann zu Missverständnissen und Konflikten in der Zusammenarbeit führen und gemeinsame Abstimmungen behindern kann. Oft wollen sich die Teams bei diesen Meetings im besten Licht präsentieren. Es wäre wünschenswert, mehr Raum für gemeinsames Arbeiten an neuen Ideen zu haben, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln und als Team sich weiterzuentwickeln.
Interessante Aufgaben
Die Arbeit ist äußerst vielseitig und anspruchsvoll, geprägt von Kriseninterventionen, Suizidrisikoeinschätzungen und der Bewältigung interpersoneller Konflikte. Die PatientInnen zeigen ein breites Spektrum an psychischen Störungen, was wertvolle Lernmöglichkeiten bietet. Zudem erfordert das bestehende Konzept, das ursprünglich für eine kleine Einrichtung entwickelt wurde, eine Anpassung an die Gegebenheiten des Marienhofs. Die Betreuung von rund 80 PatientInnen stellt eine deutlich größere Herausforderung dar als die Arbeit mit einer Gruppe von 10 bis 15 Personen.