Ein Arbeitsalltag unter ständiger Kontrolle und Überwachung
Gut am Arbeitgeber finde ich
Der größte Pluspunkt waren für mich viele der Kollegen. In mehreren Bereichen arbeiten fachlich sehr kompetente Menschen, die ihr Handwerk wirklich verstehen und sich gegenseitig unterstützen. Der Zusammenhalt unter Mitarbeitenden war häufig gut.
Gerade fachlich konnte man von einigen Kollegen viel lernen. Viele hätten meiner Meinung nach das Potenzial, sehr gute Arbeit zu leisten und Prozesse sinnvoll zu verbessern - wenn sie dafür mehr Freiraum hätten.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Während meiner Zeit im Unternehmen habe ich die Führungs- und Kommunikationskultur als eine der größten Herausforderungen im Arbeitsalltag erlebt. Die folgenden Punkte spiegeln meine persönlichen Erfahrungen während meiner Zeit im Unternehmen wider.
Viele Entscheidungen wurden sehr stark vom Chef selbst getroffen, auch in Bereichen, in denen eigentlich Fachabteilungen die Expertise haben. Dadurch kam es teilweise zu Situationen, in denen Mitarbeitende mit viel Erfahrung in ihrem Fachgebiet nur wenig Einfluss auf die Umsetzung ihrer Arbeit hatten. Man bekam häufig den Eindruck, dass fachliche Einschätzungen von Mitarbeitenden nur begrenzt berücksichtigt wurden, auch wenn diese über viel Erfahrung in ihrem jeweiligen Fachgebiet verfügten. Dies führte teilweise zu vielen Iterationen bei Projekten. Viele Arbeiten mussten mehrfach angepasst werden, weil Anforderungen sich wiederholt änderten oder Entscheidungen vom Chef später wieder revidiert wurden.
Es entstand häufig der Eindruck, dass sehr viele Details überwacht oder diskutiert werden, auch wenn sie für die eigentliche Arbeit nur eine geringe Bedeutung haben. Ein Beispiel dafür war ein Terminplan (Excel), in dem sämtliche Tätigkeiten mit genauer Zeitplanung eingetragen werden mussten. Selbst kleinere formale Punkte – etwa Schriftart oder Formatierung – wurden teilweise sehr genau überprüft und konnten Anlass für längere Gespräche mit dem Chef oder dem Filialleiter sein. Es wurden oft Begriffe wie "Schlaues Einplanen", "Zielführendes Arbeiten", "System" verwendet. In der praktischen Umsetzung war jedoch nicht erkennbar, wie diese "Prinzipien" tatsächlich angewendet wurden. Teilweise entstand der Eindruck, dass für nahezu jede Tätigkeit eine eigene Ablaufbeschreibung existierte – selbst für sehr einfache Dinge. Da sich Abläufe im Alltag jedoch regelmäßig änderten, wirkten viele dieser Dokumente schnell wieder überholt.
Auch organisatorisch kam es immer wieder zu kurzfristigen Änderungen oder Missverständnissen. Nach Berichten von Mitarbeitenden wurde beispielsweise ein Verkäufer während der Arbeitszeit gebeten, zur Post zu fahren, um ein privates Geschenk für die Frau des Filialleiters zu verschicken. Solche Situationen wurden von einigen Mitarbeitenden als ungewöhnlich empfunden, da sie wenig mit den eigentlichen Aufgaben zu tun hatten. Mehrere Mitarbeitende hatten zudem den Eindruck, dass der Filialleiter seine Position gelegentlich nutzte, um Aufgaben zu verteilen, die wenig mit den eigentlichen Tätigkeiten der jeweiligen Mitarbeitenden zu tun hatten und eher als störend im Arbeitsalltag wahrgenommen wurden.
Innerhalb der Führungsebene entstand aus meiner Sicht eine schwierige Dynamik. Mehrere Führungskräfte, darunter Filialleiter und Verkaufsleiter, unterstützten die Entscheidungen des Chefs nach außen sehr konsequent. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass diese Führungskräfte intern oder unter Mitarbeitenden teilweise deutlich kritischer über diese Entscheidungen gesprochen haben. Dadurch entstand für viele Mitarbeitende ein widersprüchliches Bild: In Gesprächen mit dem Chef wurde ihm häufig zugestimmt, während hinter den Kulissen oft andere Meinungen geäußert wurden. Diese Situation trug meiner Wahrnehmung nach nicht zu einer offenen oder transparenten Unternehmenskultur bei.
Die Zeiterfassung wurde im Unternehmen sehr streng gehandhabt. Selbst kurze Abwesenheiten von wenigen Minuten mussten dokumentiert werden. Gleichzeitig entstand bei manchen Mitarbeitenden der Eindruck, dass diese strengen Regeln nicht für alle gleichermaßen gelten, da Führungskräfte ihre Zeiten teilweise nachträglich eintrugen, obwohl sie sichtbar später im Büro erschienen waren. Das führte bei einigen zu einem Gefühl von Ungleichbehandlung.
Gelegentlich kam es vor, dass Kritik einzelner Mitarbeitender sehr deutlich vor anderen angesprochen wurde. Das führte teilweise zu einer angespannten Atmosphäre, in der viele Mitarbeitende eher versuchten, möglichst wenig aufzufallen.
Eine Situation, die für Verwunderung sorgte, betraf einen Kollegen, der sich im Krankenhaus befand und nur eingeschränkt bewegen konnte. Nach Berichten von Mitarbeitenden wurde er während dieser Zeit kontaktiert und gefragt, ob ihm langweilig sei, und es wurde sogar erwähnt, dass man ihm einen Tisch und Laptop schicken könnte, damit er arbeiten kann.
Auch die Kommunikationskultur war sehr ungewöhnlich. Es wurde mehrfach betont, dass möglichst wenig direkt gesprochen werden soll und stattdessen hauptsächlich schriftlich kommuniziert wird. In diesem Zusammenhang fiel beispielsweise die Aussage: „Das Ziel ist jetzt ned, dass alle wirr herumreden.“. Selbst einfache Höflichkeitsformeln wie „Bitte“ oder „Danke“ führten nach Berichten von Mitarbeitenden teilweise zu Gesprächen mit Führungskräften, die in einzelnen Fällen auch mehrere Stunden dauern konnten.
Verbesserungsvorschläge
Mehr Vertrauen in die Fachkompetenz der Mitarbeitenden, weniger Mikromanagement und eine offenere Kommunikationskultur könnten aus meiner Sicht wesentlich zu einer besseren Arbeitsatmosphäre beitragen.
Arbeitsatmosphäre
Die Arbeitsatmosphäre habe ich häufig als angespannt erlebt. Viele Mitarbeitende wirkten vorsichtig im Umgang mit der Führungsebene, da Kritik oder Fehler teilweise sehr direkt vor anderen angesprochen wurden. Dadurch entstand bei einigen der Eindruck, dass es sicherer ist, möglichst wenig aufzufallen.
Image
Nach außen wirkt das Unternehmen professionell und strukturiert. Intern wurde die Situation von einigen Mitarbeitenden jedoch deutlich kritischer gesehen, insbesondere im Hinblick auf Kommunikation und Führungsstil.
Work-Life-Balance
Eine ausgewogene Work-Life-Balance war aus meiner Sicht durch mehrere Maßnahmen, wie zum Beispiel die sehr strenge Zeiterfassung, kaum möglich.
Karriere/Weiterbildung
Karriere- oder Entwicklungsmöglichkeiten habe ich nur sehr begrenzt wahrgenommen. Teilweise entstand der Eindruck, dass Mitarbeitende vor allem dann bessere Chancen haben, wenn sie Entscheidungen der Führungsebene konsequent unterstützen und selten widersprechen.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt wurde von einigen Mitarbeitenden im Verhältnis zu den Erwartungen und dem Arbeitsaufwand als eher unterdurchschnittlich empfunden. Zusatzleistungen oder zusätzliche Benefits waren nach meinem Eindruck kaum vorhanden. In einer Situation fiel dazu beispielsweise die Aussage: „Benefits… des versteht kana.“ Für viele Mitarbeitende entstand dadurch der Eindruck, dass Zusatzleistungen im Unternehmen keine besondere Rolle spielen. Nach Erzählungen von Mitarbeitenden wurde in diesem Zusammenhang sogar einmal gefiltertes Wasser („gesundes Wasser“) als möglicher Benefit erwähnt, was im Team teilweise für Verwunderung sorgte.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Ein ausgeprägtes Umwelt- oder Sozialbewusstsein war im Arbeitsalltag für mich nicht erkennbar. Auch im Umgang mit Mitarbeitenden wurde ein respektvoller Ton nicht immer eingehalten. Teilweise kam es vor, dass Mitarbeitende laut vor anderen kritisiert wurden, was die Atmosphäre zusätzlich belastete. In einigen Situationen konnten Gespräche dabei auch persönlich werden, was von manchen Mitarbeitenden als unangenehm wahrgenommen wurde.
Kollegenzusammenhalt
Grundsätzlich gab es einen guten Zusammenhalt. In Situationen, in denen Mitarbeitende gemeinsam Anliegen oder Kritik gegenüber der Führungsebene vertreten wollten, entstand jedoch teilweise der Eindruck, dass Teams eher gegeneinander gestellt wurden, anstatt gemeinsam Lösungen zu suchen.
Umgang mit älteren Kollegen
Der Umgangston im Unternehmen konnte teilweise sehr scharf und direkt sein. Dabei machte es aus meiner Sicht keinen Unterschied, ob Mitarbeitende jünger oder älter waren.
Vorgesetztenverhalten
Das Verhalten der Führungsebene wurde von vielen Mitarbeitenden als sehr kontrollierend und wenig vertrauensbasiert wahrgenommen. Entscheidungen wurden stark zentral vom Chef getroffen, auch in Bereichen, in denen Fachabteilungen eigentlich über die größere fachliche Expertise verfügen. Eigenständiges Arbeiten war dadurch nur eingeschränkt möglich.
Ein Beispiel für sehr zentral getroffene Entscheidungen im Büroalltag war eine eher ungewöhnliche Vorgabe für die Küche: Den Reinigungskräften wurde angewiesen, ausschließlich Sojamilch einzukaufen, sodass zeitweise keine normale Milch mehr zur Verfügung stand. Auch kleinere Entscheidungen des Büroalltags wurden dadurch stark von oben vorgegeben.
Arbeiten mussten häufig mehrfach angepasst werden, weil Vorgaben sich wiederholt änderten oder Entscheidungen später revidiert wurden. Selbst wenn Aufgaben exakt nach Vorgabe umgesetzt wurden, kam es nicht selten zu weiteren Änderungswünschen, bis der Chef schließlich zufrieden war. Als man diesen dann beispielsweise fragte, ob die Arbeit nun abgesegnet war, kam des Öfteren eine Meldung wie "Wir segnen nichts ab. Wir sind nicht in der Kirche.".
Arbeitsbedingungen
Diese wurden als sehr stark reglementiert wahrgenommen. Durch einen detaillierten Terminplan (Excel) mussten sämtliche Tätigkeiten genau geplant und dokumentiert werden. Selbst kleinere Abweichungen oder formale Details konnten Anlass für längere Gespräche mit der Führungsebene sein.
Auch die Zeiterfassung wurde sehr streng kontrolliert – selbst kurze Abwesenheiten mussten dokumentiert werden. Dadurch entstand im Arbeitsalltag kaum Flexibilität. Insgesamt entstand bei einigen Mitarbeitenden der Eindruck, dass eigenständige Entscheidungen oder individuelle Arbeitsweisen kaum möglich waren und viele Abläufe sehr stark vorgegeben wurden.
Kommunikation
Die Kommunikation im Unternehmen wurde von vielen Mitarbeitenden als stark eingeschränkt wahrgenommen. Offene Gespräche waren im Arbeitsalltag kaum erwünscht; stattdessen sollte möglichst alles schriftlich erfolgen. In diesem Zusammenhang fielen beispielsweise Aussagen wie: „Ned so viel reden.“ oder „Mir zuhören.“
Zusätzlich kam es häufig vor, dass der Chef Mitarbeitenden direkt vorgab, wie sie bestimmte Dinge formulieren sollen. Dabei fiel wiederholt eine Aussage wie: „Der Satz war jetzt falsch. Ich sage es richtig: …“, woraufhin der Satz anschließend in der vom Chef gewünschten Form wiederholt wurde. Im Arbeitsalltag entstand teilweise der Eindruck, dass einige Führungskräfte aus dem engeren Umfeld des Chefs – etwa Filialleiter, Verkaufsleiter oder Trading-Leiter – diesen Kommunikationsstil übernommen haben. Ähnliche Formulierungen und Floskeln wurden auch von ihnen verwendet, was von einigen Mitarbeitenden als Versuch wahrgenommen wurde, sich besonders stark an der Linie des Chefs zu orientieren.
Gleichberechtigung
Vom scharfen Umgangston sowie den teilweise ungewöhnlichen Entscheidungen der Führungsebene waren letztlich alle Mitarbeitenden gleichermaßen betroffen.
Interessante Aufgaben
Grundsätzlich bot die Branche durchaus das Potenzial für interessante Aufgaben. In der Praxis gab es jedoch auch immer wieder Tätigkeiten, bei denen der Sinn für Mitarbeitende nicht klar erkennbar war und man sich teilweise fragte, welchen Zweck diese eigentlich erfüllen.
Auch bei grundsätzlich spannenden Aufgaben wurde die Motivation häufig durch ständige Einmischungen sowie wiederholte Änderungen von Abläufen durch Chef und Filialleiter beeinträchtigt. Arbeiten mussten dadurch mehrfach angepasst oder neu begonnen werden.