It's over .....
Verbesserungsvorschläge
Was derzeit bei Neuroth passiert, ist aus meiner Sicht nicht mehr nur eine normale Umstrukturierung. Es wirkt vielmehr so, als würde das Unternehmen Schritt für Schritt auf Effizienz, Kennzahlen und Kostenreduktion getrimmt – und die Mitarbeiter bleiben dabei zunehmend auf der Strecke.
Es werden Mitarbeiter gekündigt, Bereiche zusammengelegt und Teile der Produktion ins Ausland verlagert. Gleichzeitig wird nach außen weiterhin das Bild eines familiären Traditionsunternehmens gepflegt. Wer Neuroth allerdings schon länger kennt, erlebt intern eine ganz andere Realität. Von dem früheren Familienbetrieb ist im Arbeitsalltag kaum noch etwas zu spüren.
Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist entsprechend schlecht und dürfte für viele inzwischen einen Tiefpunkt erreicht haben. Immer stärker entsteht der Eindruck, dass vor allem eines zählt: Umsatz, Mindestpreis, Durchschnittspreis und Zielerreichung. Der Mensch hinter diesen Zahlen wird zunehmend zur Nebensache.
Besonders deutlich zeigt sich das beim Thema Provision. Durch Clusterbildung, neue Strukturen und immer anspruchsvollere Zielvorgaben wird es schwieriger, überhaupt noch eine vernünftige Provision zu erreichen. Teilweise fällt sie vollständig weg. Offiziell liegt das natürlich an nicht erreichten Zielen. Wenn sich die Rahmenbedingungen aber ständig so verändern, dass immer weniger ausbezahlt wird, darf man sich schon fragen, ob das wirklich nur Zufall ist. Der Gedanke, dass die Provision langfristig immer weiter zurückgefahren oder irgendwann ganz abgeschafft werden soll, liegt zumindest nahe.
Auch die Kommunikation ist aus meiner Sicht eine Katastrophe. Sie funktioniert überwiegend von oben nach unten. Entscheidungen werden getroffen, anschließend verkündet, und die Mitarbeiter haben sie umzusetzen. Wirkliche Mitsprache oder ehrliches Interesse an der Erfahrung derjenigen, die täglich mit Kunden arbeiten, ist kaum erkennbar. Gerade langjährige Mitarbeiter haben dadurch zunehmend das Gefühl, dass ihre Erfahrung zwar selbstverständlich genutzt wird, ihre Meinung aber kaum noch etwas zählt.
Beim Thema Wertschätzung sieht es nicht besser aus. Zum Geburtstag gibt es einen Werbeartikel, während echte Anerkennung für gute Leistung offenbar zunehmend zum Luxus wird. Selbst sogenannte High Performer können teilweise nicht einmal mit einem ehrlichen Dankeschön rechnen. Das sagt meiner Meinung nach einiges darüber aus, welchen Stellenwert Mitarbeiter inzwischen tatsächlich haben.
Auch Karriereentwicklung wirkt nicht immer nachvollziehbar. Fachliche Kompetenz, Erfahrung und Leistung scheinen alleine jedenfalls nicht zwingend auszureichen. Wer ein besonders gutes Verhältnis zur Cluster- oder Gebietsleitung pflegt, hat gefühlt deutlich bessere Chancen. Ob das tatsächlich überall so ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Der Eindruck entsteht im Unternehmen aber durchaus – und genau das ist bereits problematisch genug.
Beim Thema Nachhaltigkeit klaffen Anspruch und Realität ebenfalls weit auseinander. Es wird viel über Verantwortung und Zukunft gesprochen, gleichzeitig fallen enorme Mengen an Verpackungen, Werbematerial und sonstigem Müll an. Wer das im Alltag sieht, kann sich durchaus fragen, wie ernst dieses Thema tatsächlich genommen wird.
Besonders ernüchternd ist, dass kleinere Akustikbetriebe teilweise bessere Bedingungen bieten als ein Unternehmen von der Größe Neuroths. Das sollte eigentlich ein deutliches Warnsignal sein. Wenn kleinere Betriebe bei Bezahlung, Wertschätzung oder Arbeitsklima attraktiver werden, läuft in einem großen Unternehmen offensichtlich etwas grundsätzlich falsch.
Ich bin schon lange bei Neuroth und kenne das Unternehmen noch aus einer anderen Zeit. Früher hatte man das Gefühl, Teil eines Familienbetriebs zu sein. Es gab mehr Identifikation, mehr Nähe und mehr das Gefühl, dass Loyalität und gute Arbeit etwas zählen.
Natürlich muss ein Unternehmen Gewinne erwirtschaften. Aber wenn Mitarbeiter irgendwann hauptsächlich als Kostenfaktor, Umsatzbringer oder Kennzahl betrachtet werden, braucht man sich über sinkende Motivation, Frust und zunehmende Distanz zum Arbeitgeber nicht zu wundern.
Das wirklich Bittere ist, dass Neuroth einmal ein Unternehmen war, auf das man als Mitarbeiter stolz sein konnte. Heute wird dieses Bild nach außen zwar weiterhin gepflegt, intern ist davon für viele immer weniger übrig.
Es bleibt abzuwarten, wohin diese Entwicklung führt. Nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, würde es mich jedenfalls nicht mehr überraschen, wenn Neuroth irgendwann vollständig in einem internationalen Konzern aufgeht und am Ende Amplifon, Demant oder ein anderer großer Player auf dem Firmenschild steht.

