Masterabschluss. 2.900 € brutto. Dann weg.
Gut am Arbeitgeber finde ich
Meditation während der Arbeitszeit, Teamzusammenhalt, Workation einmal jährlich, Teamevents, arbeitsfrei am eigenen Geburtstag.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Gehalt unter Marktwert, kreative Arbeit zur Fließbandproduktion degradiert, kein Weiterbildungsbudget eingeplant.
Verbesserungsvorschläge
Ich bin als unbezahlter Praktikant eingestiegen – 4 Jahre später, mit Masterabschluss und 2.900 € brutto, war ich weg. Die Praktikanten blieben.
Wer eine Hochleistungskultur mit 110% Einsatz etabliert, sollte auch 110% zahlen und die Warnsignale der Mitarbeiter frühzeitig ernst nehmen. Und nicht erst dann reagieren, wenn es zu spät ist. Ein proaktives Gespräch über veränderte Rahmenbedingungen und kreative Erschöpfung wäre deutlich konstruktiver als eine Arbeitsatmosphäre, in der sich das Gefühl einschleicht, ohnehin nicht mehr gewollt zu sein.
Bewerber für die Online-Redaktion sollten wissen: Es gibt unbezahlte Vollzeitpraktika für Studenten und Absolventen. Ich selbst habe diesen Weg als Masterstudent genommen und bin erfolgreich vom Praktikanten zum Redakteur übernommen worden.
Faire Bezahlung und kreative Entfaltung sucht man meiner Erfahrung nach vergeblich – die strukturellen Probleme scheinen hier kein Einzelfall zu sein.
Arbeitsatmosphäre
Mein Vertrauen wurde zum Ende hin massiv erschüttert. Mir wurde sinngemäß kommuniziert, dass meine Arbeitsleistung der letzten Monate genauer beobachtet worden sei – und mir nahegelegt, zu gehen, falls ich keinen Spaß mehr hätte. Ein offenes Gespräch dazu hatte es vorher nicht gegeben. Das hinterließ bei mir das Gefühl, dass Vertrauen hier vor allem nach außen kommuniziert wird, intern aber eher Kontrolle herrschte. Ironischerweise trägt der Firmenname das lateinische Wort „videre" in sich, was eigentlich für Weitblick und Vertrauen stehen soll – nach innen offenbar weniger.
Kommunikation
Im Redaktionsteam war die Kommunikation gut bis sehr gut. Je höher es in der Führungshierarchie ging, desto schwieriger und intransparenter fühlte sich der Austausch für mich persönlich an.
Kollegenzusammenhalt
Das Team habe ich überwiegend als harmonisch und menschlich auf einer Wellenlänge erlebt. Ich vermisse es sehr – auch wenn weitere Treffen nach dem Abgang leider nicht zustande kamen.
Work-Life-Balance
38,5-Stunden-Woche, keine Überstunden. Das tägliche Meditationsangebot von 30 Minuten während der Arbeitszeit und die Gleitzeitregelung waren echte Pluspunkte, die ich von Anfang an sehr geschätzt habe.
Vorgesetztenverhalten
Es herrschte eine spürbare „110%-Leistungskultur". Ich habe nach meiner Einschätzung über mehrere Jahre zwischen 20 und 30 Texte pro Monat verfasst, noch vor der breiten Verfügbarkeit von KI-Tools, in einer Zeit, in der jeder Text individuell recherchiert und formuliert wurde. Nach der Einführung hochstandardisierter Prozesse veränderte sich das Arbeitsumfeld grundlegend – eine Entwicklung, die aus meiner Wahrnehmung maßgeblich von der oberen Führungsebene verantwortet wurde, ohne dass es dazu ein persönliches Gespräch gegeben hätte. Individuelle Gespräche zur aktuellen Leistung gab es auf Teamlead-Ebene – nicht darüber hinaus.
Interessante Aufgaben
In den ersten Jahren war die Arbeit abwechslungsreich – Kundentexte für Unternehmen aus sehr unterschiedlichen und teils technisch anspruchsvollen Branchen. Mit zunehmender Standardisierung verschwand das. Was anfangs noch Redaktionsarbeit war, wurde zur Fließbandproduktion – dasselbe Schema in immer neuen Variationen, neue Themen blieben über einen sehr langen Zeitraum aus. Ich fühlte mich zunehmend ausgebrannt.
Gleichberechtigung
Mein Eindruck war, dass sich viele Kollegen gleichermaßen unterdurchschnittlich bezahlt fühlten. Die Gründe für punktuelle Unterschiede waren für mich nicht nachvollziehbar.
Umgang mit älteren Kollegen
Das Team war durchgehend jung – Mitarbeiter über 40 gab es kaum. Das bedeutete strukturell, dass langjähriges Erfahrungswissen fehlte, das bei komplexen Themen und Kundenanforderungen wertvoll gewesen wäre. Ob das bewusste Strategie war oder eine etablierte Juniorisierung, kann ich nicht beurteilen – auffällig war es dennoch.
Arbeitsbedingungen
Das Basisequipment war vorhanden: Laptop, höhenverstellbare Schreibtische, Getränke. Solider Standard, nicht mehr und nicht weniger.
Gehalt/Benefits
Gehaltsverhandlungen gestalteten sich als zäh. Nach vier Jahren, einem Masterabschluss in Germanistik und einer Spezialisierung auf umsatzrelevante Kundentexte lag mein Bruttogehalt bei 2.900 € – das entspricht in etwa dem Einstiegsgehalt vieler Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung. Einstieg 2021 bei 2.400 € brutto.
Trotz sehr guter Beurteilung durch das Unternehmen blieb das Gehalt meiner Meinung nach zu keinem Zeitpunkt marktgerecht. Im dritten Jahr wurde mir gegenüber sinngemäß kommuniziert, das Deutschlandticket sei als Ausgleich für eine Gehaltserhöhung zu verstehen – eine Leistung, die dem Arbeitgeber nach meiner Ansicht weniger kostete als eine echte Erhöhung. Ein weiteres Argument, das mir gegenüber geäußert wurde, war, dass meine Gehaltserhöhung automatisch alle anderen Gehälter anheben müsse (das sogenannte Gießkannenprinzip). Das empfand ich als direkten Widerspruch zu der gleichzeitig propagierten Hochleistungskultur, die individuelle Leistung betonen soll. Ich hatte das Gefühl, dass meine Gehaltserwartungen in Richtung persönliche Finanzplanung gelenkt wurden, inklusive einer konkreten Leseempfehlung.
Image
Der Außenauftritt und die interne Realität – insbesondere bei Gehalt und Entwicklung – standen für mich in einem kaum erklärbaren Widerspruch. Benefits wie Meditation, Workation und Teamevents waren angenehm – sie konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei den wesentlichen Faktoren strukturell haperte. Wer nach außen Vertrauen und Qualität verkauft, sollte beides auch nach innen leben – nicht nur gegenüber der Kundschaft. Dass innerhalb kurzer Zeit auffällig viele Mitarbeiter gleichzeitig gingen, passte für mich in dieses Bild.
Beim Abschied entstand zudem der Eindruck, dass die Online-Redaktion verstärkt auf kostengünstigere Strukturen – u. a. unbezahlte Vollzeitpraktika ausgerichtet wurde, um sowohl interne als auch spezifische Kundentexte abzudecken. Dieses Bild zeigte sich auch schon während meiner eigenen Zeit als Praktikant – nur damals noch ohne KI-Einsatz.
Karriere/Weiterbildung
Eine Fortbildung in vier Jahren. Nach meiner Erinnerung gelegentlich Billigkurse für unter 20 Euro, deren Zertifikat nicht einmal allen Teilnehmenden ausgestellt wurde, und Hubspot-Zertifikate, die jeder im Internet kostenlos ablegen kann.
Ein Weiterbildungsbudget wurde mir gegenüber nie erwähnt. In einem Unternehmen, das High-Performance will, wirkt das nicht wie eine Investition in Menschen, sondern wie ein Posten, der möglichst klein gehalten wird.
Wer nicht in Menschen investiert, verliert sie – oder ersetzt sie.