ArcelorMittal - "Es war die beste aller Zeiten, es war die schlechteste aller Zeiten."
Gut am Arbeitgeber finde ich
Ich habe hier vielseitige Erfahrungen machen können, die meinen aktuellen Job erst möglich gemacht haben. Dafür vielen Dank!
Verbesserungsvorschläge
Ich möchte das mit einer Anekdote umreißen, an die ich mich aus einem der letzten Kommuniqués des Managements erinnere.
Es gab darin einen langen Absatz über den Treiber des Erfolgs der ArcelorMittal-Gruppe, und dass es ihn zu erhalten und zu pflegen gilt. Das nur ein vorausschauender Einsatz und regelmäßige Investitionen in diesen Treiber den Erfolg der Gruppe erhält, weil so die Gruppe agil und erfolgreich am Markt bleibt.
Nur war hier eben nicht von den Mitarbeitern die Rede, sondern von den Anlagen und Maschinen.
Zum Thema HR hieß es lediglich, dass wir kosteneffizienter arbeiten und mehr Zusatznutzen generieren müssen.
Und das ist für mich immer das grundlegende Problem gewesen, dass die ArcelorMittal-Gruppe hat:
Der Mitarbeiter wird nicht als ein Wert begriffen, in den es zu investieren gilt, sondern stets als Kosten, die zu reduzieren sind.
Aber: Die Mitarbeiter ,die wirklich performen und dem Konzern nutzbringend dienen könnten, vergrault man zwangsläufig mit dieser Haltung.
Denn wer gehen kann, wird auch nach 2-3 Jahren gehen und sich bei der Konkurrenz die hier fehlende Wertschätzung suchen, inklusive des Potentials zur Weiterentwicklung und des Gehaltsbonus aufgrund der hier gewonnen Konzernerfahrung. Das war auf jeden Fall bei mir so.
Und warum auch nicht? Warum plane ich meine Karriere bei einem Konzern, für den ich nur Kosteneinsparungspotential bin?
Es wird die größte Herausforderung der ArcelorMittal-Gruppe sein, hier grundlegend umzudenken.
Die Arbeitswelt wird digitaler. Sie wird mobiler. Sie verändert sich, und das in allen Feldern.
Und die neue Generation von jungen Talenten sucht eben nicht mehr den 9-to-5 Bürojob für kleines Geld, wie er hier gewollt/gelebt wird, sondern den flexiblen Arbeitgeber von morgen, der dem Rechnung tragen kann, und sie entsprechend für diese neuen Herausforderungen qualifiziert, bezahlt und wertschätzt.
Dem müssen die Führungskräfte Rechnung tragen, die Prozesse und die ganze Unternehmenskultur.
Im aktuellen Zustand fühlt sich das Arbeiten hier leider wie das Arbeiten von gestern an, und nicht wie von morgen.
Arbeitsatmosphäre
Geprägt von konstantem Kostendruck. Das Wort "Kosteneinsaprungspotential" fällt im Zusammenhang mit den Mitarbeitern so häufig, dass man sich förmlich entmenschlicht fühlt. Aber die Kollegen sind immerhin ganz gut.
Image
Ich glaube, es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung Dritter. Man selber begreift sich als moderner/innovativer Arbeitgeber, der den Stahl weltweit in die Zukunft führt. Dass das als Mitarbeiter aber nicht bei einem ankommt, wenn einem bspw. die mobile Arbeit verwehrt wird, und auch beim Kunden verhallt, der ja auch zur Kenntnis nimmt, das "Green Steel" wohl ein Mythos war, wenn man so schnell davon abkehrt, versteht aber gefühlt niemand.
Das Image mit Blick auf potentielle Bewerber dürfte vor allem von der Frage geprägt sein, was ArcelorMittal macht. Die meisten Menschen scheinen von diesem Unternehmen noch nie gehört zu haben. Dürfte sich nach der aktuellen Medienpräsenz sicher ändern, aber ob zum Besseren, muss dann jeder selber bewerten. Die Abwesenheit von mobiler Arbeit und Benefits hilft da wahrscheinlich auch nicht.
Über das Image mit Blick auf die Produkte erlaube ich mir kein Urteil.
Work-Life-Balance
Gefühlt wird wegen des Kostendrucks immer mehr Arbeit auf immer weniger Leute verteilt, sodass die vereinbarten 8 Stunden-Tage für mich zunehmend nicht mehr zu halten waren. Das ist schade.
Karriere/Weiterbildung
Meiner Erfahrung nach kann jeder sich weiterbilden und entwickeln. Er muss sich aber über den Preis im Klaren sein: 1. Viel mehr Arbeit. 2. bedingungslose Loyalität. 3. Feedback nach oben zu den Prozessen ist nicht erwünscht.
Das konzerneigene Weiterbildungsprogramm ist recht umfangreich, aber natürlich auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten. Der Nutzen woanders dürfte daher, wenn es nicht um Soft Skills geht, recht überschaubar sein.
In den Genuss von externer Weiterbildung bin ich nie gekommen.
Gehalt/Benefits
Benefits gibt es so gut wie keine. Es gab eine Prepaid-Bezahlkarte, die vielseitig einsetzbar war.
Mobile Arbeit wurde nahezu ersatzlos gestrichen, aus Gründen, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Warum andere Arbeitgeber es können und auch begreifen, dass es sie für eine jüngere Generation von Bewerbern attraktiver macht, ArcelorMittal aber nicht, bleibt für immer das Geheimnis von ArcelorMittal.
Zum Gehaltsgefüge erlaube ich mir insgesamt keine Meinung, kann aber sagen, dass ich für dieselbe Arbeit woanders nun rund 40% mehr verdiene und ein dramatisch besseres Benefitspaket habe.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Zum Thema "grüner Stahl" und "Standort Deutschland" kann jeder Zeitung lesen. "Grün" ist eben solange interessant, wie man damit Gewinnmaximierung betreiben kann. Halten andere Unternehmen sicher auch so, aber die "Green Steel"-Message ist so stark in den letzten Jahren betrieben worden, dass der Weggang davon schon einen starken Kontrast erzeugt hat.
Kollegenzusammenhalt
Absolut super. Auf meine Kollegen lasse ich nichts kommen. Das "Wir sitzen alle im selben Boot"-Gefühl schweißt aber auch zusammen.
Umgang mit älteren Kollegen
Ist hervorragend. Viele Kollegen wurden auch trotz fortgeschrittenen Alters noch eingestellt und durften hier in Rente gehen. Alter war nie ein Hindernis.
Vorgesetztenverhalten
Das Thema "Kosteneinsparungspotential" hatten wir ja schon, aber es gibt auch andere Dinge, die mich die Wertschätzung für die eigenen Mitarbeiter hinterfragen lässt. Viele Führungskräfte waren für mich gar nicht ansprechbar, weil sie eine "Tagesgeschäft ist nicht mein Problem"-Haltung an den Tag legten, oder permanent in Meetings verschwanden. Bei anderen Leuten hatte ich hingegen schlicht das Gefühl, sie wären viel zu weit von der täglichen Arbeit weg, und konnten daher schlicht nichts dazu sagen. Nach unten wurde oft getreten (teilweise auch gnadenlos und mit Stollenschuhen) und nach oben wurde nur gebuckelt. Zielführendes oder kompetentes Auftreten, bleibt, mit sehr wenigen Ausnahmen, eine Erfahrung, die ich nicht machen durfte. Und die guten Führungskräfte (war eigentlich nur eine) die wir hatten, vergrault man dann auch noch, weil sie sich diesem System nicht fügen.
So war für mich letztendlich auch ein motiviertes Arbeiten schlicht nicht mehr möglich. Ohne Feedback, und mit dem Gefühl es ständig nicht gut genug gemacht zu haben, hat mich meine Führungskraft öfter zurückgelassen. Selbst bei meinem Exit war es nicht anders.
Arbeitsbedingungen
Aus meiner Perspektive: Viel Druck, viel Arbeit, wenig Zeit. Immer schneller, immer mehr, unter immer mehr Auflagen, und dafür kaum ein Danke. Aber das Büro ist ganz modern und das Equipment läuft. Ist auch was wert.
Kommunikation
Ich hatte immer das Gefühl, nicht ausreichend über die wichtigen Vorgänge informiert zu sein, weder durch die Führungskräfte, noch durch die internen Kommunikationen. Hatte so auch einige Überraschungen im Job. Es gibt aber auch Führungskräfte, die bemüht sind, hier Verbesserungen herbeizuführen.
Gleichberechtigung
Ich denke, die gibt es schon, gleichwohl ich das Bild des "alten weißen Mannes", auch wenn ich es persönlich für zu verallgemeinernd halte, durchaus erlebt habe. Es gibt hier solche und solche, aber im ganzen Konzern ist man, wenn man der Konzernkommunikation glauben darf, durchaus sehr bemüht, den Frauenanteil zu fördern. Ich habe auf jeden Fall durchaus einige weibliche Führungskräfte erlebt und diese auch sehr geschätzt.
Interessante Aufgaben
Arbeiten im Konzern ist immer spannend, da sich im Konzern, hier auch aufgrund der Internationalität, immer andere und komplexe Fragen stellen. Die standardisierten Prozesse und klaren Funktionstrennungen machen aber die Arbeit nicht spannend und verhindern leider auch, dass man manche Sachen zu Ende machen kann. (Ist aber halt Konzern, und Konzern muss man eben dafür mögen)