Wo Anpassung als Tugend gilt
Arbeitsatmosphäre
Das nach außen getragene Betriebsklima erweist sich bei näherer Betrachtung als bloßer Schein: Es wird von den Vorgesetzten zur Schau gestellt, nicht gelebt. Wohl führt man das Wort der Fairness beständig im Munde, doch gilt sie nur dem, der sich in nichts von den Übrigen unterscheidet. Wer hingegen auch nur um ein Geringes vom Gewohnten abweicht, wird dessen alsbald gewahr.
Gefordert wird nicht Zusammenarbeit, sondern Angleichung, und zwar in einem Maße, das dem Einzelnen kaum Raum lässt, er selbst zu bleiben. Diese Forderung geht ausdrücklich von den Vorgesetzten aus. Deren Führungsverständnis entstammt einer vergangenen Zeit: Es hält am Überkommenen fest, weil es überkommen ist, nicht weil es sich bewährt hätte. Eine Erneuerung ist hier nicht bloß wünschenswert, sondern dringend geboten.
Image
In den vergangenen Jahren ist viel in das Ansehen des Hauses investiert worden, und die Arbeit des Marketings verfehlt ihre Wirkung nicht: Das Bild, das nach außen dringt, ist ein vorteilhaftes.
Doch ein Bild ist nicht die Sache selbst. Was nach außen dargestellt wird, habe ich im Inneren des Unternehmens nicht wiedergefunden. Zwischen dem, was man zu sein vorgibt, und dem, was man ist, liegt nach meiner Erfahrung ein weiter Abstand, und wer sich allein auf den äußeren Eindruck verlässt, wird ihn erst bemerken, wenn er bereits eingetreten ist.
Work-Life-Balance
Ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben ist so gut wie nicht vorhanden. Für Urlaubsgesuche besteht kein geordnetes Verfahren: Einen förmlichen Antrag gibt es nicht, vielmehr ist jeder Urlaub im persönlichen Gespräch mit dem Vorgesetzten auszuhandeln. Wo aber die Regel fehlt, tritt an ihre Stelle das Ermessen des Einzelnen, und der Bittende bleibt Bittsteller.
Auf familiäre Belange wird nach meiner Erfahrung kaum Rücksicht genommen. Erkrankt ein Angehöriger, so findet dies wenig Verständnis, und das Arbeiten von zu Hause wird nur unter strengen Vorbehalten und in engen Grenzen gebilligt.
Hinzu tritt ein spürbarer Druck zur Gleichförmigkeit in den Arbeitszeiten. Wer hier vom Üblichen abweicht, wird rasch zum Ärgernis, und ich habe erlebt, dass Kollegen sich in solchen Fällen nicht an den Betreffenden selbst, sondern an die Vorgesetzten wandten. Wo aber der eine über den anderen wacht, da kann Vertrauen nicht gedeihen.
Karriere/Weiterbildung
Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum beruflichen Fortkommen sind gegeben, und sie werden offen mitgeteilt. Dies sei dem Hause als Verdienst angerechnet: Wer sich entwickeln will, dem wird der Weg dazu nicht verborgen.
Gehalt/Benefits
Die Vergütung entspricht dem Marktüblichen. Sie gibt weder zur Klage noch zu besonderem Lob Anlass: Man erhält, was andernorts für vergleichbare Arbeit gezahlt wird, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Hierüber vermag ich kein Urteil zu fällen, da mir die nötigen Einblicke nicht zuteilwurden.
Kollegenzusammenhalt
Der Zusammenhalt unter den Kollegen ist von ungleicher Beschaffenheit. Manche zeigen sich überaus engagiert, und es sind in aller Regel die Jüngeren, von denen dies gilt. Die Älteren und Alteingesessenen hingegen sind dem Hergebrachten verhaftet, und mit ihnen fällt es merklich schwerer, zu einer tragfähigen Gemeinschaft zu finden.
Denn wo jeder an seinen Eigenheiten festhält und die Arbeitszeiten gegeneinander verschoben sind, da fehlt es schon an der ersten Voraussetzung gemeinsamen Wirkens: dass man zur selben Zeit am selben Werk steht. So bleibt das Miteinander vielfach ein bloßes Nebeneinander.
Umgang mit älteren Kollegen
Der Umgang mit den älteren Kollegen gestaltet sich mitunter beschwerlich. Ihre Arbeits- und Denkweisen sind vielfach veraltet, und im täglichen Miteinander habe ich dies als anstrengend empfunden.
Man verfährt, wie man seit jeher verfahren ist, und eben darin liegt die Schwierigkeit: Die Gewohnheit tritt an die Stelle der Begründung. Dass etwas immer so gemacht wurde, beweist indes nur sein Alter, nicht seine Güte.
Vorgesetztenverhalten
Das Verhalten der Vorgesetzten lässt zu wünschen übrig. Ihr Verständnis von Führung ist ein überholtes, und das gute Miteinander, das man nach außen kehrt, habe ich als bloße Fassade erlebt. Man gibt sich locker und umgänglich, doch bedarf es keiner langen Zeit, um zu erkennen, wie es sich in Wahrheit verhält: Der Schein hält der Erfahrung nicht stand.
Einsicht wird kaum gezeigt. Wer aber nicht bereit ist, das eigene Urteil zu prüfen, der kann auch nicht besser werden. Zugleich wird dem Geringen ein Gewicht beigemessen, das ihm nicht zukommt: Aus Kleinigkeiten werden Staatsaffären, und das rechte Maß, an dem sich gute Führung erweist, geht darüber verloren.
Arbeitsbedingungen
Die äußeren Bedingungen sind gut, und dies sei ohne Einschränkung anerkannt: Das Büro ist modern, die Ausstattung von guter Qualität, ein Geschäftshandy wird gestellt, der Schreibtisch ist höhenverstellbar.
Allein, es handelt sich um ein Großraumbüro, und darin liegt der Mangel. Man ist den Gesprächen der übrigen Mitarbeiter fortwährend ausgesetzt, ob man will oder nicht. Konzentriertes Arbeiten ist nur mit Kopfhörern möglich, da der Lärm im Raum andernfalls jede Sammlung zunichtemacht. So stellt man dem Einzelnen zwar alle Werkzeuge bereit, versagt ihm aber das Erste, dessen geistige Arbeit bedarf: die Ruhe.
Kommunikation
Die Kommunikation bleibt hinter dem zurück, was man billigerweise erwarten dürfte. Von anstehenden Mandantenterminen erfährt man spät, nicht selten erst in derselben Woche, sodass eine sorgfältige Vorbereitung dem Zufall überlassen bleibt.
Im Übrigen ist der Umgang erkennbar darauf angelegt, ein freundliches, ja „familiäres” Verhältnis zu stiften. Allein, Vertrautheit lässt sich nicht verordnen: Sie erwächst aus dem Umgang oder sie erwächst gar nicht. Was hier als Nähe ausgegeben wird, habe ich als erzwungen empfunden, und eine erzwungene Herzlichkeit bewirkt das Gegenteil dessen, was sie bezweckt.
Gleichberechtigung
Gleichberechtigung ist nur zum Teil gegeben. Gleich behandelt wird, wer sich gleich verhält. Wer hingegen im täglichen Arbeitsleben von der Art der Übrigen abweicht, fällt rasch auf: Sein Verhalten wird intern zum Gesprächsgegenstand, und ich habe erlebt, dass Teammitglieder es den Vorgesetzten zutrugen.
Daran zeigt sich, in welchem Maße Anpassung hier verlangt wird. Eine Gleichheit aber, die nur dem Angepassten gilt, verdient ihren Namen nicht, denn sie mießt nicht alle mit demselben Maß, sondern belohnt lediglich die Gleichförmigkeit.
Interessante Aufgaben
An interessanten Aufgaben fehlt es nicht, das sei ausdrücklich anerkannt. Doch steht ihnen eine Arbeitslast gegenüber, die das gesunde Maß überschreitet: Wochen von fünfzig Stunden und mehr sind keine Ausnahme, sondern einzukalkulieren.
Ein unmittelbarer Ausgleich wird dafür nicht gewährt, und ebenso wenig habe ich Wertschätzung erfahren. Die Mehrarbeit gilt als das Selbstverständliche, und was als selbstverständlich gilt, dem wird kein Dank zuteil. Erst im Nachhinein, nach Monaten, lassen sich die mehr geleisteten Stunden ausgleichen. Eine Anerkennung aber, die so spät kommt, hat ihren Wert zu einem guten Teil bereits eingebüßt.

