Viel Fassade, wenig Substanz: moderne Außenwirkung, alte Agenturrealität
Gut am Arbeitgeber finde ich
Gut war, dass Homeoffice grundsätzlich möglich war und man sich mit der richtigen Strategie eine halbwegs gesunde Work-Life-Balance schaffen konnte. Die technische Ausstattung war solide, die Räume modern und es gab punktuell Kolleg, mit denen die Zusammenarbeit wirklich gut funktioniert hat.
Auch das Agenturnetzwerk kann Chancen bieten, wenn man es richtig nutzt. Das Problem ist weniger, dass alles schlecht ist. Vielmehr entsteht das Gute oft trotz der Strukturen, nicht wegen ihnen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Schlecht finde ich vor allem die große Lücke zwischen Außenbild und interner Realität. Nach außen modern, flach und wertegetrieben, intern aber oft hierarchisch, intransparent und von alten Agenturmustern geprägt.
Kommunikation, Karriere, Gehalt und Gleichberechtigung wirkten auf mich wenig ehrlich gelöst. Vieles wurde inszeniert, wenig wirklich verändert. Das Management schien stärker damit beschäftigt, das eigene Bild zu schützen, als die Probleme der Belegschaft ernsthaft anzugehen.
Am Ende entsteht eine Kultur, in der man sich taktisch bewegen muss, statt einfach gut arbeiten zu können.
Verbesserungsvorschläge
Weniger Fassade, mehr Substanz. Die Agentur sollte aufhören, sich alle paar Jahre neu zu erzählen, und anfangen, intern echte Probleme zu lösen.
Klare Führung, transparente Kommunikation, faire Gehälter und nachvollziehbare Karrierewege wären ein Anfang. Dazu ein Management, das nicht nur Außenwirkung verwaltet, sondern Verantwortung für die eigene Belegschaft übernimmt.
Wer moderne Agentur sein will, muss moderne Kultur auch intern leben; nicht nur auf LinkedIn behaupten.
Arbeitsatmosphäre
Nach außen wird Modernität gespielt, intern fühlt es sich für mich nach klassischer Boomer-Agentur an: hierarchisch, selbstbezogen und deutlich weniger fortschrittlich, als man sich gerne darstellt. Die angeblich flachen Strukturen wirkten auf mich eher wie ein Marketingversprechen als wie gelebte Realität. Besonders die Geschäftsführung hinterließ bei mir einen schwachen Eindruck: wenig erkennbare Richtung, wenig greifbarer Mehrwert und viel Unklarheit darüber, was ihre tatsächliche Aufgabe im Unternehmen eigentlich sein soll. Für mich wirkte das weniger wie Führung und mehr wie Selbstverwaltung mit Titel.
Image
Die Agentur versucht sich alle paar Jahre neu zu erfinden, um die nächste große Renaissance auszurufen. In der eigenen Wahrnehmung blickt man auf über 20 Jahre Legacy im Werbe- und Digitalbereich zurück.
In der Realität wirkt das Image deutlich kleiner als die Selbsterzählung. Außerhalb des Scholz-&-Friends-Netzwerks kennt die Agentur kaum jemand wirklich. Viel Selbstinszenierung, wenig echte Strahlkraft.
Work-Life-Balance
Work-Life-Balance war möglich, aber stark abhängig davon, wie gut man sich selbst abgrenzt. Typischer Agenturalltag unter einer müden Boomer-Geschäftsführung: Überstunden wurden phasenweise erwartet, besonders bei Pitches.
Mit der richtigen Strategie konnte man sich trotzdem eine halbwegs gesunde Balance schaffen. Modern oder besonders mitarbeiterorientiert wirkte das System aber nicht.
Karriere/Weiterbildung
Karriere und Weiterbildung wirkten auf mich wenig strukturiert und stark abhängig davon, wie gut man sich intern positioniert. Wer brav ins Managementbild passte oder laut genug gegen bestehende Strukturen ging, hatte eher Chancen auf Sichtbarkeit.
Für den Durchschnitt der Mitarbeitenden blieb Entwicklung oft vage: viele Versprechen, wenig konkrete Förderung. Weiterbildung fühlte sich weniger nach echtem Invest in Menschen an und mehr nach etwas, das gut klingt, aber im Alltag kaum Priorität hat.
Gehalt/Benefits
Gehalt und Benefits wirken auf mich wenig transparent und eher unterdurchschnittlich. Es wurde aktiv versucht zu verhindern, dass sich Mitarbeitende offen über Gehälter austauschen. Dadurch entsteht eine unausgesprochene Schweigepflicht, während die eigentlichen Gespräche im Verborgenen stattfinden.
Entsprechend kann es passieren, dass Kolleg bei ähnlicher Arbeit sehr unterschiedlich verdienen — aus Gründen, die nicht immer mit Kompetenz zu tun haben. Insgesamt wirkte die Bezahlung im Branchenvergleich eher schwach, während Transparenz bewusst klein gehalten wurde.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Umwelt- und Sozialbewusstsein wird aus meiner Sicht vor allem gepredigt, wenn es der Außenwirkung dient. Soziale, politische oder ökologische Themen scheinen besonders dann wichtig zu werden, wenn sich die Agentur darüber positionieren kann oder daraus Geschäft erwartet.
Das sieht man auch in der Außenkommunikation: Themen werden groß gespielt, sobald sie zur eigenen Marke passen. Barrierefreiheit wird zum Beispiel dann relevant, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben wird — nach außen klingt es aber, als wäre sie schon immer integraler Bestandteil der Agentur-DNA gewesen.
Für mich wirkt das weniger nach echter Haltung und mehr nach opportunistischer Inszenierung.
Kollegenzusammenhalt
Der kollegiale Zusammenhalt war aus meiner Sicht stark vom internen Lagerdenken geprägt. Es gab durchaus einzelne Kolleg, auf die man sich verlassen konnte, aber ein echter, breiter Zusammenhalt konnte in dieser Struktur kaum entstehen.
Durch die gefilterte Kommunikation, die informellen Zirkel und die klare Trennung zwischen Management und arbeitender Belegschaft wirkte vieles eher taktisch als solidarisch. Man musste schnell verstehen, wer mit wem spricht, wer welche Informationen hat und wo man besser vorsichtig ist.
Dadurch entstand für mich keine offene Teamkultur, sondern eher ein Klima aus kleinen Allianzen, Unsicherheit und Misstrauen. Kollegialität gab es punktuell zwischen einzelnen Menschen, aber nicht als gelebte Unternehmenskultur. Dafür war das System zu sehr auf Außenwirkung, Kontrolle und interne Machtspiele ausgelegt.
Umgang mit älteren Kollegen
Der Umgang mit älteren Kolleg wirkte auf mich widersprüchlich. Da ein großer Teil der Belegschaft ohnehin deutlich über 50 ist, hat man es oft entweder mit sehr jungen oder sehr alten Mitarbeitenden zu tun.
Wer älter ist und nicht im Management sitzt, scheint häufig auf repetitiven Aufgaben geparkt zu sein: unterbezahlt, wenig entwickelt und vertröstet mit alten Beförderungsversprechen. Wertschätzung sieht anders aus. Es wirkt eher so, als würde Erfahrung verwaltet statt wirklich genutzt.
Vorgesetztenverhalten
Das Vorgesetztenverhalten war für mich stark von Außenwirkung, Hierarchie und taktischem Management geprägt. Nach oben und nach außen musste alles sauber wirken, intern fehlten oft klare Führung, echte Verantwortung und ein ehrliches Interesse an den Teams.
Statt moderner Führung entstand eher der Eindruck von Verwaltung, Selbstschutz und alten Agenturmustern. Wer klare Grenzen setzen konnte, kam besser durch. Wer echte Orientierung oder Rückhalt erwartet hat, wurde eher enttäuscht.
Arbeitsbedingungen
Arbeitsbedingungen waren solider Agenturstandard: je nach Einsatzbereich MacBook oder Dell-Rechner, funktional, aber nicht besonders bemerkenswert.
Die Räume sind modern, mit viel Glas und etwas Aquarium-Atmosphäre. Platz gibt es genug, vor allem weil ohnehin kaum jemand freiwillig regelmäßig in die Agentur kommt und Homeoffice klar bevorzugt wird. Nach außen wirkt es modern, im Alltag bleibt es eher Kulisse.
Kommunikation
Die Kommunikation war aus meiner Sicht vor allem auf Außenwirkung ausgelegt. Nach außen sollte die Zusammenarbeit immer perfekt, angenehm und professionell wirken, weil die Agentur wirtschaftlich vom Netzwerk abhängig war. Intern zählten die Bedürfnisse der eigenen Teams dagegen deutlich weniger.
So entstand eine Kultur der Fassade: nach außen kooperativ und harmonisch, intern geprägt von Lagerdenken, informellen Absprachen und gefilterter Kommunikation. Für mich war die Agentur klar in Management und arbeitende Belegschaft geteilt, mit weiteren kleinen Zirkeln innerhalb dieser Gruppen.
Echte Transparenz oder offene Kommunikation habe ich kaum erlebt. Stattdessen wirkte vieles inszeniert, kontrolliert und strategisch gesteuert. Die nach außen gelebte Kultur war für mich deshalb ein Witz.
Gleichberechtigung
Gleichberechtigung wirkte auf mich vor allem wie Fassade. Ich habe hochschwangere Frauen im Sommer 12-Stunden-Schichten arbeiten sehen, während andere längst im Feierabend ihr Bierchen tranken oder gefühlt zum dritten Mal im Urlaub waren.
Strukturell bewegt sich wenig: Gleichstellung hängt an HR, HR hängt am Management, das Management will der Geschäftsführung gefallen. Am Ende schützt das System vor allem sich selbst. Echte Veränderung habe ich nicht erlebt.
Interessante Aufgaben
nteressante Aufgaben waren eher die Ausnahme. Die meisten Mitarbeitenden blieben im Standard ihrer Jobbeschreibung hängen.
Wer an spannendere Themen wollte, musste sich entweder strategisch ans Management anschmiegen oder bestehende Strukturen laut angreifen. Es ging weniger um Talent, sondern mehr darum, wie man sich im internen Machtgefüge positioniert.