Technische Leitung auf Tour
Gut am Arbeitgeber finde ich
Das es doch die ein oder andere Person gab, die nett war. Solidarität entsteht unter gleichsam Ausgebeuteten immer.
Und das sie mir in der Rolle als TL deutlich beigebracht haben, wann man eine Arbeitsstelle aus Gewissensgründen auch einfach mal vorzeitig verlässt, um sich weiterhin im Spiegel anschauen zu können. Die Empfehlung würde ich allen ans Herz legen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Das er leichtfertig Leute chasst, seine Leute ausbeutet und dann noch die Schmerzfreiheit besitzt, den Opfern seiner deutlich auf schnelle Gewinne ausgelegten Arbeitsorganisation die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, in dem ihnen unterstellt wird, "sie seien eben nicht tourtauglich." Diese Firma und deren Touren sind keine Blaupause dafür, wie man eine professionelle und sozialverträgliche Tour gestaltet, sondern dafür, wie man mit minimalstem Personal- und Zeitaufwand eine Tour auf die Beine stellt, die bereits Millionen eingespielt hat, bevor sie überhaupt das erste Mal auf der Straße war.
So kommen dann Ideen auf, in denen eine Tour-Crew soweit eingestampft werden könnte, dass alles an Musik vom Band kommt und letztlich nur noch eine Person am FOH sitzt, die Cuelabs abfährt. Das ist misanthropisch.
Verbesserungsvorschläge
Das wäre ja gut gemeint von mir, dieser Firma noch Vorschläge zu machen, wie sie ihre Tour-Crews noch besser ausbeuten kann.
Aber gerne:
- längere Vorbereitungszeit VA-Technik
- längere Cast on Stage Proben (auch für die Cast selbst)
- größere Tour-Crews in Zwei-Schicht Orga, wo nicht die Aufbaucrew gleichzeitig die Showcrew UND Abbaucrew ist
- bessere Vorbereitung mit visuellen Hilfsmitteln, wie Plänen, Zeichnungen, Sheets, Facts, eben allem, was nicht erst von der Tour-Crew im Vorbereitungszeitraum erstellt, gepflegt und angepasst werden muss
Im Idealfall kommt die Tour-Crew zur Vorbereitung, bekommt eine didaktisch einwandfreie Übergabe aller Anforderungen, hat Zeit ihre Abläufe zu planen und vor allem zu trainieren und hat dann schlussendlich auch das Gefühl, dass sie "Tour-Ready" ist. Wenn die Bühnencrew mit einer dreiteiligen 1,2 Tonnen schweren Bühnenkulisse nur einmal in der Vorbereitungszeit die Möglichkeit hat, ihr Handling zu trainieren, dann sind Unsicherheiten vorpogrammiert, was dann letztendlich dem Tourerfolg schaden kann. Das ist viel wichtiger, als der Versuch des HO herauszufinden, ob XY zickig gegenüber XY ist.
Arbeitsatmosphäre
Innerhalb des Tourteams war für mich (uns) sehr schnell klar: "wir sitzen leider in diesem Boot und müssen da durch." Innerhalb des Head-Office, also alle Funktionen, die eine Tour technisch planen und organisieren, aber nicht mit auf Tour fahren, fand ich coole Typen, die auch gerne mal über nicht so coole Typen abgelästert haben. Die Atmosphäre im HO, würde ich als angespannt und überfordert beschreiben. Teilweise wurden Mitarbeitende aus ihrem Urlaub geholt, oder haben seit mehreren Wochen nicht einmal (!) frei gehabt, was natürlich in der Tourvorbereitungsphase dann für sehr schlechte Stimmung gesorgt hat. Das Tourteam bekam öfter mal Sprüche, "so sei eben Tour." Ihnen wurde das Gefühl vermittelt, dass sie nichts können, obwohl die Gründe dafür definitiv in einer unzureichenden Tourplanung liegen, die einen einseitigen Fokus auf schnelle Gewinne legt.
Image
Diese Firma und ihre angegliederte Tourorgafirma haben ein extrem schlechtes Image in der Branche, bei Venues und Gästen gleichermaßen. Man muss sich mal die Zeit nehmen, sich Bewertungen der Gäste durchzuschauen.
Work-Life-Balance
Der Tourplan und sich daraus ergebender Arbeitszeiten war unterirdisch. Ich würde mit I anfangen und mit egal enden. Aufgrund eines viel zu sparsam gestalteten Teams, gab es dann auf Tour auch keine Gelegenheit soetwas zu betreiben, wie Teambuiding. Nach 14 oder 18 Stundenschichten hatte die KollegInnen verständlicherweise auch kein wirkliches Interesse mehr daran mal zusammen zu sitzen und sich auszutauschen. Vor allem dann nicht, wenn es am nächsten Tag bereits um 8 Uhr weitergeht und man gerade mal 5-6 Stunden Zeit hat zu pennen. I... ne, egal.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Nicht vorhanden. Geld war da, es hieß: "kaufe Dir alles möglichst günstig, was Du brauchst." In der VA-Technik von Nachhaltigkeit zu sprechen, finde ich sowieso fehlgegriffen.
Das Sozialbewusstsein ging soweit, dass man sich seeeehr für den seelischen Zustand, Probleme und Befindungen innerhalb der Tour-Crew interessiert hat. Aber auch nur soweit, um beurteilen zu können, wen man im laufenden Tourbetrieb "aussieben" kann, weil er/sie zB die Stimmung innerhalb des Teams negativ beeinflusst. Konformität wurde systematisch ermittelt, um den "Tourerfolg" nicht zu gefährden. So kamen im Bewertungsbogen Fragen zustande, wie: "Ist XY zickig oder intrigant?"
Sozialbewusstsein ist für mich auch:
Falls ich jemanden für Lichttechnik buche, in der Tourvorbereitung aber klar wird, dass dieser jemand auch Videotechnik-Aufgaben haben muss, fände ich es sozial verantwortlich damit transparent umzugehen und ihr einfach deutlich mehr Kohle anzubieten. Oder wenn die Carpenterposition nun plötzlich Rigging-Grounder Aufgaben erfüllen muss, weil einfach sonst niemand da ist. Nicht gerade sehr respektvoll.
Karriere/Weiterbildung
Ich empfand meine Mitwirkung in dieser Firma eher als kontraproduktiv für meine weitere Karriere. Meistens war mir peinlich, dass ich mit einer so schlecht vorbereiteten Tour mich überhaupt irgendwo bei den Venues sehen lasse, die ich teilweise auch durch andere Jobs schon kannte.
Weiterbildung auf Tour? Ja, fürs Leben weitergebildet.
Kollegenzusammenhalt
LeidensgenossInnen haben einen Hang zu solidarischer Unterstützung.
Vorgesetztenverhalten
Bei mir wurde sich mühsam erarbeitete Prozesse mit dem Tour-Team eingemischt, sodass Anweisungen doppelt kamen, einmal von mir und dann vom Head-Office. Mir wurden Dinge versichert, die einfach nicht der Realität entsprachen, wie die Existenz superwichtiger Unterlagen, wie Brandeigenschaftsnachweisen unseres Bühnenbildes, was uns dann auf Tour auf die Füße gefallen ist. Ich kam mir einfach nur betrogen vor, inklusive vielsagender Sprüche.
Arbeitsbedingungen
Abgesehen von den egalen Arbeitszeiten, der viel zu kurzen Vorbereitungszeit für sowohl Tour-Crew als auch Cast, den deutlich unzureichenden Informationen vorab, der fehlenden Ausstattung für Carpenter, Bühnencrew, einer unzureichenden Gabe von Informationen wie Spikemaps, Aufbauplänen, Herstellerangaben, Gewichtsangaben usw., waren die EDV technischen Bedingungen ok. Es gab Tablets!
Kommunikation
Leider war diese sehr unzureichend. Wer schon mal eine professioniell geplante Tour als TL betreut hat, weiß, dass manchmal Dinge bis auf den letzten Drücker geschehen. Doch wenn Rigging-Pläne erst so spät kommen, dass das Venue diese niemals kontrollieren konnte und man diese erst am Showtag mitbringt, dann finde ich, ist bereits im Vorfeld schon etwas eklatant schief gelaufen in der Kommunikation showrelevanter Parameter.
Gehalt/Benefits
Ich habe als Tour-TL ca. 5000 Euro Brutto verdient. Das fand ich anfänglich gut, aber im weiteren Verlauf begriff ich das nur noch als zu geringes Schmerzensgeld.
Gleichberechtigung
Wie sonst so in der VA Technik üblich, kann man sich mit Ellbogen seinen Respekt vor den Coolen verschaffen.
Interessante Aufgaben
Ja, an der VA Technik gab es nichts auszusetzen. Professionelle Netzwerkdevices, einen Remote-Follow, geprüfte Motoren, etc.