Von Überzeugung zu Ernüchterung - Ein Unternehmen mit Potenzial, aber bröckelnder Fassade
Gut am Arbeitgeber finde ich
Ich habe immer gerne für das Unternehmen gearbeitet, da es sich von anderen in der Geflüchtetenunterbringung abhob. Das Leitbild schien nicht nur Theorie, sondern wurde gelebt – modern, flexibel und mit einem diversen, engagierten Team. Ich glaube, das Unternehmen hat das Potenzial, sich weiterhin auf dem Markt zu behaupten, indem es genau diese positiven Aspekte stärker betont und sich nicht dem neoliberalistischen Denkmuster anpasst. Sie wissen, was es braucht, um besser zu werden, und könnten sich durch ein klares Alleinstellungsmerkmal wirklich positiv abheben.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Trotzdem begann ich mit der Zeit, Risse in der Fassade zu erkennen. Anfangs hielt ich sie für Einzelfälle, doch gegen Ende meiner Beschäftigung wurde mir klar, dass die Werte, für die das Unternehmen steht, zunehmend ausgehöhlt werden – und das nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen. Diese Entwicklung hat meinen Eindruck vom Unternehmen grundlegend verändert und hinterlässt eine tiefe Enttäuschung über das, was es vorgibt zu sein.
Verbesserungsvorschläge
Das Unternehmen führt oft Resilienz als wichtigen Wert bei den Mitarbeitenden an. Resilienz ist zwar wichtig, um Mitarbeitende in stressigen Situationen zu unterstützen, kann jedoch nur funktionieren, wenn die Arbeitsbedingungen gesund und nachhaltig sind. Wenn ein Unternehmen jedoch strukturelle Probleme hat, kann Resilienz nicht die Grundlage für eine langfristige, gesunde Arbeitsweise sein. Stattdessen wird Resilienz zur Belastung, wenn die systematischen Probleme nicht angegangen werden. Resilienz sollte nicht als Ausrede genutzt werden, um ungesunde Arbeitsbedingungen zu ignorieren.
Ein Unternehmen ist dann gesund, wenn die Mitarbeitenden gerne arbeiten und sich wertgeschätzt fühlen. Daher wäre ein erster Schritt, die bestehenden Hierarchien abzubauen, um den Mitarbeitenden mehr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung zu geben. Die derzeitige Hierarchiestruktur und der verstärkte Kontrollmechanismus haben das Vertrauen der Mitarbeitenden beeinträchtigt und eine toxische Atmosphäre geschaffen. Ein transparenterer und respektvoller Umgang mit Vertrauen, das nicht nur strategisch eingesetzt wird, sondern auch authentisch und fair ist, würde die Motivation und das Engagement der Mitarbeitenden steigern. Zudem sollte das Unternehmen verstehen, dass Personal nicht verbraucht werden darf – die Arbeit kann nicht mehr effizient und nachhaltig erledigt werden, wenn es an qualifiziertem Personal fehlt. Eine bessere Kommunikation und ein klarer aber auch sensibler Umgang mit den politischen Rahmenbedingungen wären notwendig, um den Mitarbeitenden mehr Sicherheit zu geben und den ständigen Druck zu verringern.
Arbeitsatmosphäre
(In meiner Bewertung möchte ich aufzeigen, wie sich mein Eindruck vom Unternehmen im Laufe der Zeit verändert hat. Demzufolge soll die Bewertung in Höhe von drei Sternen ein "weder noch", also sowohl positive als auch enttäuschende Erfahrungen widerspiegeln.)
Vertrauen wird in der Unternehmenskultur betont und oberflächlich durch Lob und Wertschätzung gefördert. Doch in der Praxis scheint es oft strategisch eingesetzt zu werden – um Mitarbeitende zu binden, zu fordern und Motivation aufrechtzuerhalten. Wenn es jedoch nicht mehr ins Konzept passt, verliert es an Bedeutung. Dabei ist nicht auszuschließen, dass diese Entwicklung eine Reaktion auf den Missbrauch von Vertrauen durch Mitarbeitende in der Vergangenheit ist. Dieses selektive Vertrauen vermittelt jedoch eher den Eindruck, dass damit gespielt wird – es existiert, solange es dem Unternehmen dient, verschwindet jedoch, wenn es unbequem wird.
Image
Das Unternehmen vermittelt nach außen das Bild eines modernen, fairen und hierarchiearmen Arbeitgebers, doch diese Selbstwahrnehmung stimmt nicht mehr mit der Realität überein. Flache Hierarchien wurden durch mehr Kontrolle ersetzt, Entscheidungsfreiheit der Mitarbeitenden ist oft eingeschränkt, und die Arbeitsbedingungen variieren stark. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit sorgt für Frustration und eine zunehmend toxische Atmosphäre – denn es ist nicht nur problematisch, dass sich Dinge verschlechtern, sondern vor allem, dass weiterhin vorgegeben wird, alles sei beim Alten geblieben.
Work-Life-Balance
Es gibt viele Urlaubstage, Bildungsurlaub und die ausdrückliche Vorgabe, dass Überstunden vermieden werden sollen. Dennoch ist das Arbeitspensum in diesem Bereich generell sehr hoch, und wird durch zusätzliche Meetings, Fortbildungen und Workshops – die zwar sinnvoll, aber nicht immer notwendig sind – weiter gesteigert.
Generell ist der Arbeitskontext in der Geflüchtetenunterbringung emotional anspruchsvoll und zeitintensiv. Es scheint jedoch, als ob die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden teilweise gezielt dafür genutzt wird, um immer mehr von ihnen zu verlangen – sei es durch zusätzliche Aufgaben oder freiwillige Hilfe bei Veranstaltungen.
Die vertraglich erwirkten Versetzungen zwischen Standorten erhöhen den Stress und die Belastung. Hinzu kommen die andauernden befristeten Verträge, bei denen Mitarbeitende oft nicht ausreichend auf das Vertragsende vorbereitet werden. Trotz bewusster Entscheidung der Arbeitnehmer für diese Arbeitsbedingungen bleibt die Frage, wie eine gesunde Work-Life-Balance so möglich ist.
Karriere/Weiterbildung
Das Unternehmen investiert viel in Weiterbildung, und auch Karriere- sowie Aufstiegschancen werden vielen Mitarbeitenden ermöglicht.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt ist durchschnittlich, jedoch fehlt Transparenz bei der Gehaltsstruktur. Es ist nicht immer nachvollziehbar, warum Mitarbeitende in vergleichbaren Positionen unterschiedlich verdienen.
In Einzelfällen kam es zu Unregelmäßigkeiten bei der Gehaltsauszahlung, bei denen eine transparentere Kommunikation wünschenswert gewesen wäre.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Das Umweltbewusstsein im Unternehmen ist ausgeprägt, ebenso das Sozialbewusstsein – vor Allem in Bezug auf das Arbeitsfeld.
Kollegenzusammenhalt
Der Kollegenzusammenhalt lässt sich insgesamt als durchschnittlich beschreiben – wie in jeder Firma gibt es Menschen, mit denen es gut klappt, und andere, mit denen es schwieriger ist. Dennoch schafft es die Unternehmenskultur, einen soliden Teamzusammenhalt zu fördern, solange diese Kultur nicht ins Wanken gerät. Es braucht das gemeinsame Fundament, auf dem sich die Teams definieren können.
Umgang mit älteren Kollegen
Der Umgang mit älteren Kollegen ist sehr gut. Allerdings stellt sich die Frage, warum dieser Aspekt hier gesondert erfragt wird, während andere Dimensionen der Vielfalt – etwa der Umgang mit jungen Mitarbeitenden, Menschen mit Behinderung, verschiedenen kulturellen Hintergründen oder unterschiedlichen sozialen Schichten – nicht explizit berücksichtigt werden.
Vorgesetztenverhalten
Das Verhalten der Vorgesetzten variiert: Einige motivieren ihre Teams und sorgen für ein gutes Arbeitsklima, andere hingegen nicht.
In Reaktion auf Herausforderungen der letzten Jahre scheint es, dass die Leitungsebene gestärkt und Hierarchien ausgebaut wurden – aus meiner Sicht die falsche Entscheidung. Mehr Kontrolle schränkt den Entscheidungsspielraum der Mitarbeitenden ein, obwohl gerade dieser als gesundheitsfördernd und motivierend gilt.
Zudem wird die Verantwortung für Fehlentscheidungen in der Führungsebene nicht übernommen, stattdessen entsteht ein interner Kreis, der wie „wir gegen die Teams“ wirkt. Trotz Gesprächsangeboten bleibt dieser Eindruck bestehen.
Insgesamt fördern die Hierarchien eine toxische Arbeitskultur – dabei verweise ich auf den immer wieder gültigen Satz: Der Fisch stinkt vom Kopf her.
Arbeitsbedingungen
Die technische Ausstattung ist modern, und die Arbeitsplatzbedingungen sind grundsätzlich gut – auch wenn gelegentlich Arbeitsplätze fehlen. Allerdings variieren die Bedingungen stark je nach Standort: Wer im Sommer in einem heißen Container arbeitet, erlebt dies anders als jemand in einem klimatisierten Raum. Dennoch achtet der Träger insgesamt auf gute Arbeitsbedingungen und nimmt den Arbeitsschutz ernst.
Kommunikation
Es gibt regelmäßige Meetings und viele Bemühungen, die Kommunikation zu erleichtern – in vielen Bereichen wurden hier gute Lösungen gefunden. Allerdings fällt auf, dass wichtige Informationen aus der Führungsebene teils unzureichend weitergegeben werden. In manchen Fällen scheint dies bewusst zu geschehen, was nachvollziehbare Gründe haben kann. Problematisch wird es jedoch, wenn dadurch Verantwortung vollständig auf Mitarbeitende übertragen wird, während sich die obere Führungsebene gezielt zurückzieht. Dies führt zu Unsicherheiten und unnötigem Druck.
Gleichberechtigung
Gleichberechtigung wird im Unternehmen aktiv gefördert. Eine Diversity-Beauftragte, regelmäßige Fortbildungen und gelebte Vielfalt zeigen, dass das Thema ernst genommen wird. Zwar gibt es immer noch Verbesserungspotenzial, aber insgesamt sind positive Ansätze erkennbar.
Interessante Aufgaben
Die Arbeitsbelastung ist grundsätzlich fair verteilt, und je nach Aufgabenbereich gibt es Möglichkeiten, das eigene Aufgabengebiet mitzugestalten. In manchen Bereichen ist der Gestaltungsspielraum größer als in anderen, insgesamt kann dieser Punkt aber positiv bewertet werden.
