Kein Arbeitsplatz, eher ein Charaktertest
Gut am Arbeitgeber finde ich
Man lernt schnell, worauf es im Leben wirklich ankommt – zum Beispiel auf die Kunst, freundlich zu bleiben, während man innerlich schon längst brennt. Wer durchhält, entwickelt eine beeindruckende Stressresistenz – oder ein Zucken im Augenlid. Und das Gefühl der inneren Kündigung? Gibt’s hier nicht als Theorie, sondern als Dauerschleife im Praxisalltag.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Wer hier motiviert anfängt, merkt schnell: Engagement ist keine Karriereleiter, sondern eine Rutschbahn ins Aufgabenchaos. Entscheidungen entstehen gern spontan – irgendwo zwischen Kaffeetasse und Kalenderblatt oder im vertrauten Kreis mit den immergleichen Meinungen. Und wer höflich nach dem Sinn fragt, bekommt entweder betretenes Schweigen oder die doppelte To-do-Liste.
Verbesserungsvorschläge
Führungskräfte könnten gelegentlich ins Büro zurückkehren – nicht zur Kontrolle, sondern zur Erinnerung, dass es die Mitarbeitenden noch gibt. Ein bisschen Wertschätzung wäre auch nett – vielleicht nicht mit Worten, aber mit Taten, die nicht nach Abwicklung schmecken.
Arbeitsatmosphäre
Kälte, Kontrolle, Kalkül. Menschlichkeit ist hier kein Wert, sondern ein Kostenfaktor. Wer nicht sofort funktioniert, wird isoliert. Vertrauen? Fehlanzeige. Die Atmosphäre ist geprägt von Angst, Misstrauen und einer unterschwelligen Drohkulisse.
Image
Außen modern, innen bürokratischer Beton – wer hier von Innovationsfreude spricht, meint vermutlich die PowerPoint-Vorlagen. Das Unternehmen inszeniert sich als fortschrittlich und zukunftsorientiert – für alle, die es nur aus der Ferne betrachten. Hinter der Hochglanz-Fassade wartet jedoch eher „Old Hierarchy“ als „New Work“.
Wer als Veranstaltungsbesucher, Partner oder Mitarbeiter andockt, sollte sich fragen, ob er hier wirklich frischen Unternehmergeist unterstützt – oder eine PR-Show, die intern längst keiner mehr glaubt. Mein Eindruck: Viele Kollegen verschwanden schneller als ihre E-Mail-Signatur – leise, kommentarlos, und meist ohne ein Dankeschön. Auch das gehört zum Gesamtbild, das man kennen sollte, bevor man sich blenden lässt.
Work-Life-Balance
Work-Life-Balance bedeutete hier: arbeiten, wenn man wach ist – und denken an die Arbeit, wenn man schläft.
Karriere/Weiterbildung
Karriere ist hier kein Weg, sondern eine Sackgasse mit hübscher Beschilderung. Wer ambitioniert startet, landet schnell im Kreisverkehr zwischen Mikromanagement und Burnout. Für viele war der nächste Karriereschritt schlicht der Ausgang.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt kam immerhin pünktlich – quasi als monatlicher Trostpreis fürs Funktionieren unter erschwerten Bedingungen. Wer länger blieb, bekam zwar keine Extras, aber dafür ein ausgereiftes Stressmanagement – oder eine schöne Sammlung innerer Konflikte. Man lernte, dass Charakterstärkung auch Nebenwirkungen haben kann.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Sozial war hier nur der Wasserkocher – der stand allen zur Verfügung, solange man ihn nicht gleichzeitig nutzen wollte. Nachhaltigkeit wurde großgeschrieben, zumindest beim Einsparen von Verantwortung und Fairness.
Kollegenzusammenhalt
Von „Zusammenhalt“ zu sprechen, fällt schwer, wenn kaum noch jemand da ist.
Umgang mit älteren Kollegen
Erfahrung wurde geschätzt – solange sie still war, nicht widersprach und sich dem Tempo der Hyperflexiblen anpasste. Wer schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hatte, durfte gern bleiben, solange er funktionierte wie ein Frischabsolvent auf Koffein. Wertschätzung? Gab’s vielleicht mal zum Abschied – in Form von Überlastung bis zur letzten Minute.
Vorgesetztenverhalten
Wer nach oben schmeichelt und nach unten tritt, kommt hier weiter. In meiner Wahrnehmung scheint Bossing nicht die Ausnahme, sondern Teil der gelebten Struktur zu sein. Die Geschäftsführung duldet, ermöglicht oder betreibt eine Führungskultur, die Mitarbeitende entmutigt und psychisch zermürbt. Menschen werden hier nicht aufgebaut, sondern verschlissen. In einer öffentlichen Kununu-Bewertung vom März 2023 wird geschildert, dass sich eine Führungskraft mit einer Strichliste rühmte, wie viele Mitarbeitende unter ihr „gekommen und gegangen“ seien. Ich habe diesen Vorfall nicht selbst erlebt – aber nach meinen eigenen Erfahrungen überrascht mich eine solche Aussage kein bisschen. Im Gegenteil: Sie fügt sich nahtlos in das Bild ein, das ich aus meiner Zeit im Unternehmen mitnehme. Wenn Fluktuation zur Anekdote wird und Führung zur Inszenierung, ist das nicht nur zynisch – es ist ein Armutszeugnis an professioneller und menschlicher Reife.
Arbeitsbedingungen
Während von den Mitarbeitenden volle Präsenz erwartet wurde, hielten sich die Vorgesetzten größtenteils im Homeoffice auf – gut temperiert, digital distanziert und jederzeit entschuldbar. Vor Ort blieb es kühl: in der Raumluft wie im Miteinander. Wer anpackte, war sichtbar – wer entschied, meist nicht.
Kommunikation
Statt Dialog gibt es Druck – von oben nach unten. Kommunikation ist meist impulsiv, launisch und entwertend. Kritik wird nicht gehört, sondern als Illoyalität gewertet. Entscheidungen erfolgen ohne Transparenz und mitunter auch entgegen jeder fachlichen Logik.
Gleichberechtigung
Hier waren alle gleich – gleich überfragt, gleich austauschbar und gleich wenig informiert. Entscheidungen trafen meist dieselben, kommuniziert wurde aber demokratisch: nämlich gar nicht. Wer dachte, Hierarchien seien veraltet, wurde eines Besseren belehrt.
Interessante Aufgaben
Aufgaben kamen im Eiltempo, oft ohne Kontext, Einweisung oder nachvollziehbares Ziel. Einarbeitung bestand darin, nicht im Weg zu stehen und sofort zu liefern. Reflexion? Dafür war angeblich später Zeit – also dann nach der Kündigung.