Ein soziologisches Feldexperiment mit Gehaltsabrechnung – Chroniken eines Zeitzeugen. So höret.
Gut am Arbeitgeber finde ich
Gut am Arbeitgeber finde ich, dass er einem auf beeindruckend effiziente Weise zeigt, wie wertvoll funktionierende Strukturen, klare Kommunikation und normale Menschen eigentlich sind.
Der Lerneffekt war enorm. Man entwickelt dort Fähigkeiten, die in keiner Stellenausschreibung stehen: geduldiges Schweigen, professionelles Weglächeln und die innere Stärke, auch bei komplett unnötigen Wortmeldungen nicht sichtbar zu altern. Leidensfähigkeit als Kernkompetenz.
Besonders wertvoll war die tägliche Erinnerung daran, dass Selbstbewusstsein und Kompetenz offenbar zwei völlig unabhängige Abteilungen sind. Diese Erkenntnis begleitet einen vermutlich noch lange.
Auch menschlich war es eine Erfahrung. Nicht zwingend eine schöne, aber definitiv eine.
Unterm Strich: ein Arbeitgeber, der prägt. Vielleicht nicht durch Qualität, aber durch Kontrast. Man weiß danach sehr genau, was gute Arbeitgeber besser machen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Die HR-Abteilung hat mich zwar nur peripher berührt, verdient aber dennoch Erwähnung als soziologisches Gesamtkunstwerk. Besonders eindrucksvoll war die konsequente Verbindung aus unnötigen Kommentaren, maximaler Präsenz und überschaubarem Erkenntnisgewinn.
Einzelne Wortmeldungen hatten dabei eine besondere Qualität: Man hielt kurz inne und fragte sich, ob man gerade etwas verpasst hatte — nur um dann festzustellen, dass tatsächlich einfach nichts gesagt wurde. Ich wünschte, dieser Satz wäre reine Übertreibung, aber leider hatte dieses Format einen gewissen Wiedererkennungswert.
In Summe: wenig Substanz, viel Geräusch, aber auf eine Weise fast schon wieder kulturell wertvoll.
Positiv bleibt immerhin: Ich erzähle bis heute die komödiantischen Geschichten dieser Begegnungen. Verlässlich ein Lacher, bei zartbesaiteten Menschen gelegentlich auch mit Tränen in den Augen. Fachlich war es dünn, organisatorisch speziell, aber erzählerisch absolut ergiebig.
Verbesserungsvorschläge
Verbesserungsvorschläge wären grundsätzlich vorhanden, allerdings müsste man dafür zunächst herausfinden, an welcher Stelle man am besten beginnt, ohne das fragile Gleichgewicht aus Chaos, Selbstüberschätzung und dekorativer Zuständigkeit zu gefährden.
Kommunikation wäre ein guter Anfang. Idealerweise in einer Form, bei der Informationen nicht wie seltene Bodenschätze behandelt werden, die man nur mit Glück, Geduld und innerer Kündigung findet.
Auch bei manchen Wortmeldungen wäre weniger vermutlich mehr. Nicht jeder Kommentar gewinnt dadurch an Wert, dass er unnötig selbstbewusst vorgetragen wird. Ein einfacher Grundsatz könnte helfen: Wenn es weder klärt noch hilft noch lustig ist, darf es auch unausgesprochen bleiben.
HR könnte zudem daran arbeiten, gelegentlich den Eindruck zu vermitteln, dass es um Menschen geht und nicht um eine schlecht synchronisierte Verwaltungsübung mit Persönlichkeitsanteil.
Insgesamt wäre mein Vorschlag: weniger heiße Luft in Business-Casual, mehr Kompetenz mit Puls. Weniger „spannende Impulse“, mehr brauchbare Antworten. Und vielleicht ein internes Pflichtseminar mit dem Titel: „Nur weil man spricht, entsteht noch kein Beitrag.“