Das sinkende Schiff verlassen, bevor es zu spät ist
Gut am Arbeitgeber finde ich
Der Kollegenzusammenhalt auf operativer Ebene ist nach wie vor sehr stark. Menschlich arbeiten hier viele wirklich tolle, engagierte und hilfsbereite Menschen zusammen. Gerade Nicht Mgmt Ebene gibt es viel gegenseitige Unterstützung und Solidarität. Ohne diesen Zusammenhalt wäre die aktuelle Situation für viele kaum tragbar.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Seit Beginn des Jahres hat sich die Unternehmenskultur spürbar und nachhaltig verschlechtert. Mit dem Einsetzen wirtschaftlichen Drucks wurde der ohnehin bereits harte Umgangston nochmals deutlich verschärft. Statt Orientierung, Stabilität und Führung zu bieten, dominieren seither Kontrolle, kurzfristige Kostensenkung und Druck.
Trennungen erfolgen häufig abrupt und in einem sehr rauen, wenig wertschätzenden Ton. Kaum jemand verlässt das Unternehmen im Guten. Viele Mitarbeitende erleben ein Führungsverständnis, das stark auf kurzfristige Leistungsmaximierung ausgerichtet ist. Solange Leistung erbracht wird, steigt der Druck weiter. Entsprechend hoch ist die Fluktuation, die das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit massiv verkleinert hat.
Begleitend dazu wurden Team-Events, Weiterbildungsangebote und selbst kleinere Benefits gestrichen. Kommunikativ wird dies mit einer neuen Kultur der „highest performing teams“ begründet. In der gelebten Realität wird dies jedoch vor allem als Rechtfertigung für Misstrauen, Mikromanagement und steigenden psychischen Druck wahrgenommen.
Verbesserungsvorschläge
Mehr Ehrlichkeit und Selbstreflexion auf Managementebene. Im Führungskreis scheint die Überzeugung vorzuherrschen, dass alle Mitarbeitenden das Unternehmen lieben und dass jeder, der geht, ein Verräter ist oder ohnehin nicht zur Unternehmenskultur gepasst hat. Diese Sichtweise blendet die Realität aus.
Die sehr hohe Zahl freiwilliger Abgänge im Jahr 2025 ist ein klares Warnsignal. Viele Mitarbeitende verlassen das Unternehmen bewusst ohne bereits eine neue Stelle zu haben, und das trotz eines aktuell schwierigen Arbeitsmarktes. Das spricht nicht für individuelle Fehlentscheidungen, sondern für strukturelle Probleme.
Statt diese Signale zu relativieren oder umzudeuten, sollte das Management den offenen Dialog mit der Belegschaft suchen, Kritik ernst nehmen und sich ehrlich mit den Ursachen auseinandersetzen. Vertrauen entsteht nicht durch Narrative, sondern durch Zuhören, Konsequenz und glaubwürdiges Handeln.
Arbeitsatmosphäre
Geprägt von Angst, Unsicherheit und permanenter Beobachtung. Psychologische Sicherheit ist kaum vorhanden. Der Umgangston ist häufig rau, emotional aufgeladen und wenig professionell.
Die eingeführte Office-Pflicht hat diese Situation weiter verschärft. Die Mehrheit der Mitarbeitenden hält sich nur widerwillig im Büro auf. Die Atmosphäre ist angespannt und unnatürlich, offene Gespräche finden kaum noch statt. Vieles wird geflüstert oder bewusst in private Chatkanäle verlagert.
Sobald das Top-Management im Büro präsent ist, meiden viele Mitarbeitende gemeinsame Pausen oder gehen gezielt außerhalb essen. Das Büro wird nicht als Ort der Zusammenarbeit wahrgenommen, sondern als Raum der Kontrolle und Beobachtung.
Image
Nach außen professionell, intern stark angeschlagen. Die hohe Fluktuation, die starke personelle Schrumpfung und die spürbare Unruhe bleiben auch Kunden und Bewerbern nicht verborgen und schaden dem Image nachhaltig.
Work-Life-Balance
Sehr hohe Verfügbarkeitserwartungen, gleichzeitig wurden Ausgleichsmechanismen, Flexibilität und Verständnis für individuelle Situationen deutlich reduziert. Die Office-Pflicht bietet dabei keinen erkennbaren Mehrwert für Zusammenarbeit oder Produktivität.
Karriere/Weiterbildung
De facto eingestellt. Trainings-, Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten wurden gestrichen oder auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Karriereperspektiven sind unklar und stark von kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen abhängig.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt ist marktüblich und konkurrenzfähig. Die Vergütung kommt pünktlich und ist im Branchenvergleich fair. Am Gehalt liegt die aktuelle Unzufriedenheit vieler Mitarbeitender nicht.
Vorgesetztenverhalten
Stark kontrollierend, wenig unterstützend. Führung erfolgt zunehmend über Kennzahlen, Kontrolle und Druck statt über Dialog, Vertrauen und Entwicklung. Jede Rechnung, jede Reise, jedes Hotel wird geprüft. Das mittlere Management wurde spürbar entmachtet und fungiert häufig nur noch als verlängerter Arm kurzfristiger Vorgaben.
Kommunikation
Formal aufgesetzt, inhaltlich jedoch wenig glaubwürdig. Offizielle Botschaften stehen häufig im klaren Widerspruch zum gelebten Alltag. Viele Themen werden nicht mehr offen angesprochen, sondern informell, abgeschirmt. Das Vertrauen, Kritik offen zu äußern, ist weitgehend verloren gegangen.


