Willkommen bei der Priorität AG
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Wer schon immer davon geträumt hat, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem wirklich alles höchste Priorität hat, ist hier genau richtig. Der einzige kleine Haken: Wenn alles höchste Priorität hat, hat am Ende gar nichts mehr Priorität – außer Stress.
Die Kommunikation ist einzigartig. Kollegen sitzen drei Meter voneinander entfernt und schaffen es trotzdem, tagelang aneinander vorbeizuarbeiten. Informationen werden lieber in zehn E-Mails mit zwanzig Empfängern verschickt, anstatt einmal miteinander zu sprechen. Das Schöne daran ist: Selbst nach einem ausführlichen Mailverlauf stellt garantiert jemand die Frage: „Worum ging es da eigentlich?“ Man könnte meinen, Outlook löscht Informationen automatisch, sobald man auf „Allen antworten“ klickt.
Natürlich gibt es regelmäßige Jour Fixes. Das sind diese magischen Meetings, in denen alle pünktlich erscheinen, jeder aufmerksam nickt und am Ende trotzdem niemand weiß, was eigentlich beschlossen wurde. Es wird erklärt, warum letzte Woche nichts funktioniert hat, anschließend plant man die Planung für die Planung der nächsten Besprechung und trifft sich eine Woche später wieder, um festzustellen, dass sich erstaunlicherweise nichts verändert hat. Jour Fixe ist vermutlich der einzige Ort, an dem Zeit zuverlässig verschwindet, ohne jemals wieder aufzutauchen.
Planung wird hier großgeschrieben – zumindest theoretisch. Montag soll erledigt werden, was eigentlich letzten Freitag hätte fertig sein müssen. Dienstag wird alles umgeplant, Mittwoch bekommt die Aufgabe eine neue Priorität, Donnerstag stellt jemand fest, dass wichtige Informationen fehlen, und Freitag beginnt der gesamte Kreislauf wieder von vorne. Improvisation ist längst keine Notlösung mehr, sondern fester Bestandteil der Unternehmensstrategie.
Besonders beeindruckend ist das Prioritätenmanagement. Jede Aufgabe ist selbstverständlich die wichtigste überhaupt. Jede E-Mail ist dringend, jeder Anruf kritisch und jede Kleinigkeit ein Notfall. Irgendwann erkennt man: Wenn alles brennt, löscht niemand mehr das eigentliche Feuer.
Auch die Prozesse überraschen immer wieder. Selbst langjährige Mitarbeiter stellen sich gelegentlich die Frage, wie bestimmte Abläufe eigentlich funktionieren. Nicht, weil sie ihren Beruf nicht beherrschen, sondern weil Prozesse über Jahre hinweg so oft verändert, angepasst oder unterschiedlich ausgelegt wurden, dass am Ende jeder seine eigene Version kennt. Einheitliche Standards werden dadurch zu einer Art urbanen Legende.
Wirtschaftlichkeit wirkt gelegentlich wie ein optionales Extra. Erst wird etwas mit höchster Dringlichkeit bestellt, anschließend wieder storniert, danach kurzfristig neu bestellt und schließlich noch einmal umgeplant. Am Ende wundert man sich ernsthaft, warum alles immer teurer wird. Manchmal hat man das Gefühl, Hektik kostet weniger als Planung – zumindest solange niemand nachrechnet.
Verbesserungsvorschläge
Das eigentlich Tragische daran ist jedoch, dass das Unternehmen alle Voraussetzungen hätte, richtig gut zu sein. Es gibt engagierte Menschen, enormes Fachwissen und viel Potenzial. Was häufig fehlt, sind klare Kommunikation, konsequente Entscheidungen, realistische Prioritäten und der Mut, Probleme an der Ursache zu lösen, statt Woche für Woche nur ihre Symptome zu verwalten.
Am Ende bleibt deshalb nur ein Gedanke: Motivation verschwindet nicht von heute auf morgen. Sie geht Stück für Stück verloren, wenn Einsatz selbstverständlich wird, Kommunikation versandet, Erfahrung zu wenig zählt und Wertschätzung häufiger ausgesprochen als gelebt wird.
Aber keine Sorge – darüber sprechen wir ausführlich im nächsten Jour Fixe. Vielleicht planen wir dort auch gleich die Planung für die Besprechung danach.
Gehalt/Benefits
Das Thema Gehalt besitzt ebenfalls seinen ganz eigenen Charme. Während Inflation, Lebensmittelpreise, Strom, Heizung und Sprit scheinbar jeden Monat neue Rekorde aufstellen, scheint das Einkommen in einer nostalgischen Zeitkapsel festzustecken. Die Preise fahren längst Formel 1, das Gehalt rollt noch gemütlich mit dem Fahrrad hinterher. Der Satz „Mehr ist aktuell leider wirtschaftlich nicht möglich“ verliert irgendwann an Überzeugungskraft, wenn die Kaufkraft Jahr für Jahr kleiner wird. Irgendwann arbeitet man zwar für denselben Betrag, kann sich davon aber deutlich weniger leisten als noch vor einigen Jahren.