Strukturiertes Chaos trifft auf kreative Auslegung von Führung.
Verbesserungsvorschläge
Abschließend bleibt zu sagen: wer einen Arbeitsplatz sucht, an dem Erwartungen maximal, Ressourcen minimal und Wertschätzung rein theoretisch existiert, wird hier sein berufliches Zuhause finden. Man verlässt diesen Ort nicht einfach. Mann entkommt ihm.
Arbeitsatmosphäre
Das kollegiale Miteinander im Team war erfreulich - vermutlich, weil wir alle im selben Boot saßen: überlastet, unterbesetzt und konstantem Druck ausgesetzt. Spannend war zu sehen, wie schnell sich diese Atmosphäre verschärfen konnte, sobald Führungskräfte ihre Zielvorgaben priorisierten unabhängig davon, ob die personellen Ressourcen realistisch waren oder nicht. Auch der Umgang mit einem teilweise äußerst fordernden, respektfreien Klientele blieb dem Mitarbeitern überlassen. Unterstützung von "Oben"? Fehlanzeige. Stattdessen lag der Fokus eher darauf, im Nachgang zu analysieren , was der Mitarbeitende wohl falsch gemacht haben könnte. Als wäre unangemessenes und respektloses Kundenverhalten irgendwie zu rechtfertigen.
Kommunikation
Der kommunikative Austausch lässt sich am besten als selektiv beschreiben: Es wird wenig gesprochen und wenn doch, endet es nicht selten in unnötigen Diskussionen statt in lösungsorientierten Gesprächen. Absprachen verlaufen häufig im Sande, da ihre Umsetzung innerhalb des Teams, und insbesondere auf Führungsebene, eher optional gesehen wird.
Konstruktive Kritik trifft selten auf offene Ohren. Statt Selbstreflexion begegnet man vor allem einem ausgeprägtem Bedürfnis zur Rechtfertigung, vorzugsweise von jenen, die eigentlich Vorbilder im Umgang mit Feedback sein sollten.
Work-Life-Balance
Das Unternehmen wirbt vor allem in deren Stellenausschreibung gern mit "Flexibilität", ein Versprechen, dass in der Praxis offenbar bedeutet, dass sich mitarbeitende flexibel an die festgelegten, starren Strukturen anzupassen haben. Doppelschichten von frühmorgens bis abends sind keine Ausnahme, sondern eher gelebter Alltag. Wenn man es dabei wagt, seine gesetzlich zustehende Pause tatsächlich zu nutzen, wird sich darüber beschwert, dass der Arbeitsplatz "Nicht besetzt ist". Die Erwartungshaltung an die persönliche Belastbarkeit ist sportlich: Man soll stets verfügbar, einsatzbereit und belastbar sein, am besten gleichzeitig und überall. Zeigt man dabei menschliche Grenzen (oder macht aufgrund dessen Fehler), wird dies nicht etwa zum Anlass der Rücksichtnahme, sondern zum Gesprächsthema. Allerdings nicht mit, sondern ÜBER einen.
Vorgesetztenverhalten
Führung verstand sich hier weniger als Vorbildfunktion, sondern eher als Position zur Selbstinszenierung. Weiterentwicklung der Führungskompetenz beschränkte sich stellenweise auf das Hören von Podcasts. Was man, gemessen am Ergebnis, eher als Freizeitbeschäftigung als ernsthaften Bildungsansatz einordnen müsste.
Die Geschäftsführung glänzt in erster Linie durch Abwesenheit, sowohl physisch als auch inhaltlich. Versprechungen werden gerne gemacht aber selten gehalten. Außer es geht um Zahlen, denn nur dann wird plötzlich Interesse am Tagesgeschehen gezeigt. Verantwortung für das operative Chaos wird konsequent nach unten weitergereicht.
Besonders bemerkenswert ist die Tendenz, sich mit dem etablierten Unternehmensnamen zu schmücken, während intern weder Substanz noch Struktur diesem Anspruch gerecht werden. Der Markenruf ist offenbar das letzte Überbleibsel einer Zeit, in der man sich noch Mühe gab.
Gleichberechtigung
Frauen wurden von Vorgesetzten und älteren Kollegen regelmäßig auf ihr Äußeres reduziert, mit Kommentaren, die an Stammtisch-Niveau grenzen - und das an einem schlechten Abend. Abfällige Bemerkungen, sexistische Untertöne und eine offen herablassende Haltung waren keine Einzelfälle, sondern eher die Norm.
Gleichberechtigung war hier keine gelebte Haltung, sondern eine hübsche Floskel für Imagezwecke.
Arbeitsbedingungen
Keine Klimaanlage. Im Hochsommer wird es ziemlich warm.
Gehalt/Sozialleistungen
Das Gehalt ist in Ordnung. Zusätzliche Leistungen wie Weihnachts - oder Urlaubsgeld, Prämien oder sonstigen Anerkennung existieren nicht. Wer hier mehr erwartet, sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Anerkennung in Form eines "Weiter so" oder im besten Fall eines Schulterklopfens erfolgt. Wer hier bleibt, tut es nicht wegen der Benefits. Sondern trotz ihrer Abwesenheit.
Karriere/Weiterbildung
Man wird regelmäßig auf Schulungen geschickt. An der Umsetzung des Geschulten haperts eher.