Ein besonderes Unternehmen, das seinen Spirit nicht für Bilanzen opfern sollte
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Aufgabe und das Thema Bionorica.
Arzneipflanzen wissenschaftlich zu verstehen und daraus Arzneimittel zu entwickeln, die Menschen helfen, ist für mich nach wie vor eine faszinierende und sinnvolle Tätigkeit.
Die Verbindung von Pflanze, Landwirtschaft, Naturstoffen, Forschung, Qualität, Rohstoffversorgung und pharmazeutischer Anwendung findet man nicht bei vielen Unternehmen.
Besonders positiv in Erinnerung geblieben sind mir außerdem viele fachlich hervorragende und engagierte Kolleginnen und Kollegen. Im Unternehmen steckt enormes Wissen über Pflanzen, Naturstoffe und Phytopharmaka.
Genau diese Kombination aus Wissen und persönlicher Begeisterung kann Bionorica zu einem besonderen Arbeitgeber machen.
Trotz meiner persönlichen Erfahrung schaue ich deshalb nicht nur negativ auf meine Zeit bei Bionorica zurück. Ich bin nicht enttäuscht von Arzneipflanzen, Phytopharmaka oder der Idee Bionorica. Diese Themen begeistern mich weiterhin.
Unter anderen Rahmenbedingungen hätte ich meine Erfahrung und meine Begeisterung für Arzneipflanzen gerne weiterhin für dieses Unternehmen eingesetzt.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Am meisten enttäuscht hat mich der Umgang mit einer schwierigen Führungssituation und schließlich die Art meiner Trennung.
In meiner Führungsfunktion erlebte ich über einen längeren Zeitraum, dass eine Mitarbeiterin meines Teams von oberster Ebene unmittelbar eingebunden wurde. Gespräche und fachliche Abstimmungen fanden teilweise an mir vorbei statt. Dadurch wurde meine Rolle als verantwortliche Führungskraft aus meiner Sicht zunehmend geschwächt. Gleichzeitig wurde von meiner direkten Führungskraft von mir erwartet, gegenüber genau dieser Mitarbeiterin härter aufzutreten und meine Führungsautorität stärker durchzusetzen. Für mich passt beides nicht zusammen. Eine Führungskraft kann Verantwortung nur glaubwürdig wahrnehmen, wenn ihre Verantwortung auch von den Ebenen oberhalb respektiert wird.
Was mir besonders gefehlt hat, war ein offenes Gespräch. Wenn Zweifel an einer Führungskraft bestehen, sollte man diese benennen, Erwartungen formulieren und Gelegenheit geben, darauf zu reagieren. Stattdessen gab es vor meiner Trennung weder eine Abmahnung noch einen strukturierten Entwicklungsprozess oder eine offene Aussprache, in der mir vermittelt wurde, dass meine Führungsrolle grundsätzlich infrage stand. Entsprechend überraschend kam die Entscheidung für mich.
Besonders schwer nachvollziehbar finde ich bis heute, dass nicht ernsthaft darüber gesprochen wurde, ob meine Erfahrung und meine Kompetenzen in einer anderen Funktion im Unternehmen sinnvoll eingesetzt werden könnten.
Auch der Zeitpunkt hat mich menschlich besonders enttäuscht: Der Aufhebungsvertrag wurde mir präsentiert, als unser Kind neun Monate alt war – nur eine Woche vor Beginn meiner bereits beantragten Elternzeit. Familiäre Verantwortung kann selbstverständlich keine Beschäftigungsgarantie bedeuten. Von einem verantwortungsvollen Arbeitgeber hätte ich in einer solchen Situation aber besondere Sensibilität erwartet – insbesondere, wenn der Entscheidung weder eine Abmahnung noch ein strukturierter Entwicklungsprozess oder eine offene Aussprache über die weitere Perspektive vorausgegangen war.
Über meinen persönlichen Fall hinaus habe ich die Führungskultur als von Unsicherheit geprägt erlebt. Während meiner Zeit im Unternehmen kam es zu mehreren sehr harten und überraschenden Trennungen von Führungskräften. Auch bei anderen Führungskräften nahm ich Unsicherheit über die eigene Position wahr. Zeitweise entstand für mich der Eindruck eines Damoklesschwerts: Wessen Kopf könnte als nächstes rollen? Eine solche Unsicherheit fördert aus meiner Sicht weder offenen Widerspruch noch mutige Führung.
Aus meiner Sicht liegen die wesentlichen Probleme der Führungskultur nicht bei den Mitarbeitern, sondern auf den obersten Führungsebenen. Unternehmenskultur wird maßgeblich von oben geprägt. Wenn dort Vertrauen, offene Kommunikation und Respekt vor Verantwortlichkeiten fehlen, kann das die gesamte Unternehmenskultur von oben nach unten vergiften.
Mein Verständnis von Führung beruht auf Zusammenarbeit, Vertrauen, Fachlichkeit, Verlässlichkeit und klarer Verantwortung – nicht auf dauerhaftem Kampf und darauf, Autorität durch permanenten Druck und Angst zu demonstrieren.
Deshalb bleibt für mich bis heute eine sehr einfache Frage: Warum haben wir nicht miteinander gesprochen?
Gerade deshalb bedaure ich, wie meine Zeit bei Bionorica geendet hat. Aus meiner Sicht wäre dieses Ende vermeidbar gewesen.
Verbesserungsvorschläge
Weniger über Menschen, mehr mit Menschen sprechen.
Konflikte frühzeitig und offen austragen. Wenn Zweifel an einem Mitarbeiter oder einer Führungskraft bestehen, sollten diese benannt, Erwartungen formuliert und Gelegenheit gegeben werden, darauf zu reagieren.
Führungskräften Verantwortung übertragen und diese Verantwortung dann auch respektieren. Es ist schwierig, von einer Führungskraft Durchsetzungsvermögen zu verlangen, wenn gleichzeitig über mehrere Hierarchieebenen hinweg unmittelbar in ihren Verantwortungsbereich eingegriffen wird.
Kritische Zwischentöne und fachlich begründeter Widerspruch werden leider zu oft als mangelnde Loyalität ausgelegt. Gerade in einem wissenschaftlich geprägten Umfeld ist ein offener, angstfreier Diskurs entscheidend. Fortschritt entsteht nicht durch reines Abnicken, sondern durch das Zulassen von eigenständigem Denken und auch unbequemen Fragen.
Vor einer Trennung sollte bei spezialisierten und erfahrenen Mitarbeitern ernsthaft geprüft werden, ob deren Fähigkeiten an anderer Stelle im Unternehmen besser aufgehoben sind. Nicht jeder Mismatch zwischen Mensch und Position bedeutet, dass der Mensch nicht mehr zum Unternehmen passt.
Weiterbildung als Investition verstehen und nicht primär als Einsparpotenzial.
Und bei aller notwendigen wirtschaftlichen Steuerung nicht vergessen, warum viele Menschen überhaupt zur Bionorica kommen: weil Pflanzen faszinierend sind, Wissenschaft Freude macht und Arzneimittel Menschen helfen.
Bionorica hat etwas, das sich mit keiner KPI herstellen lässt: Menschen mit Wissen, Erfahrung und echter Begeisterung für die Sache. Diesen Menschen zuzuhören, ihnen zu vertrauen und ihre unterschiedlichen Stärken sinnvoll einzusetzen, halte ich für mindestens ebenso wichtig wie jede Kennzahl.
Arbeitsatmosphäre
Bionorica ist für mich grundsätzlich ein besonderes Unternehmen. Mit Arzneipflanzen wissenschaftlich zu arbeiten und daraus hochwertige Arzneimittel zu entwickeln, die Menschen helfen, ist eine sinnstiftende und faszinierende Aufgabe.
Nach meiner Wahrnehmung rückten jedoch KPIs und wirtschaftliche Zielgrößen zunehmend stark in den Vordergrund. Ein Unternehmen braucht Ziele, Budgets und Kennzahlen. Sie sind aber ein Instrument und keine Motivation. KPIs kann man auch für eine Knopffabrik definieren. Was Bionorica besonders macht, sind Menschen, die für Pflanzen, Wissenschaft und gute Arzneimittel brennen. Diese intrinsische Motivation ist eine enorme Ressource. Man sollte sie fördern und ihr Raum geben, statt zu glauben, Motivation ließe sich über immer neue Zielgrößen erzeugen oder gar steigern. Kreativität für Innovationen braucht Raum und Zeit.
Kritisch habe ich zudem die Kultur innerhalb der Führungsebenen erlebt. Zeitweise entstand für mich der Eindruck eines Damoklesschwerts: Wessen Kopf könnte als nächstes rollen? Eine solche Unsicherheit fördert aus meiner Sicht weder offenen Widerspruch noch mutige Führung.
Gehalt/Benefits
Hier sehe ich deutlichen Verbesserungsbedarf.
In meiner Budgetverantwortung habe ich Weiterbildung eher als Einsparposition denn als strategische Investition erlebt. Gerade ein wissenschaftlich und regulatorisch anspruchsvolles Unternehmen lebt aber vom Wissen seiner Mitarbeiter. Fachwissen, Methoden und regulatorische Anforderungen entwickeln sich ständig weiter. Weiterbildung sollte deshalb nicht primär als Kostenfaktor verstanden werden, sondern als Investition in Mitarbeiter und langfristige Kompetenz.
Generell hätte ich mir zudem gewünscht, dass stärker darüber nachgedacht wird, wie vorhandene Fähigkeiten innerhalb des Unternehmens weiterentwickelt oder an anderer Stelle eingesetzt werden können.
Nicht alles, was kurzfristig ein Budget verbessert, ist langfristig gut für ein Unternehmen.
Gleichberechtigung
In einem international tätigen Unternehmen wie Bionorica arbeiten Menschen mit unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Hintergründen zusammen. Diese Vielfalt ist eine Bereicherung.
Vielfalt bedeutet für mich allerdings nicht nur Alter, Geschlecht oder Herkunft. Ein wissenschaftlich geprägtes Unternehmen sollte auch unterschiedliche Denkweisen, Charaktere und Führungsstile zulassen.
Menschen, die ruhig, kooperativ, langfristig und fachlich orientiert arbeiten, können ebenso wertvoll sein wie sehr durchsetzungsorientierte Führungspersönlichkeiten. Gerade Wissenschaft und Innovation leben davon, dass Menschen eigenständig denken, unterschiedliche Auffassungen vertreten und auch einmal widersprechen dürfen. Diese Form der Vielfalt könnte aus meiner Sicht stärker als Stärke verstanden werden.