Zwischen Selbstbild und Realität liegt eine Welt
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Kolleginnen und Kollegen auf Arbeitsebene sind engagiert, fachlich stark und halten den Laden am Laufen. Die Themen sind inhaltlich oft interessant. Und die Absicht hinter so manchem Führungsansatz ist erkennbar gut gemeint – was das eigentliche Problem noch schmerzhafter macht.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Nach mehreren Jahrzehnten im Unternehmen muss ich das klar sagen: Es wird nicht besser. Es wird systematisch schlechter.
Nach außen wird eine Kultur von Selbstorganisation, Unternehmergeist und Freiheit verkauft. Nach innen regiert Konformität. Die Führungsebene direkt unter dem Vorstand – die Managing Directors – gibt den Ton an, und wer nicht in diesen Ton einstimmt, wird abgesägt. Nicht mit großem Knall. Ruhig, konsequent, effektiv.
Was mich am meisten stört: Die MDs sind in ihrer eigenen Weltanschauung gefangen. Auch wenn ein MD neu in einem Thema ist – die Mitarbeitenden wissen es trotzdem nicht, der MD weiß alles. Ideen von der Basis werden ignoriert, bis sie von oben als eigene Idee wiederentdeckt und auch als eigene Idee verkauft werden. Das klassische Konzernmuster, verpackt in Startup-Vokabular.
Feedback ist ein Fremdwort. Wer kritisch ist, wer unangenehme Wahrheiten ausspricht, wird nicht gehört – er wird bestraft. Persönlich, strukturell, leise. Das ist kein Ausrutscher, das ist System. Gleichzeitig wird offiziell eine gute Feedbackkultur gepusht - aber sicher nicht gelebt.
Und dann das Muster bei Besetzungen: Führungspositionen gehen an Konforme. Wer den Status quo nicht hinterfragt, wer reibungslos funktioniert, wer sich anpasst – der kommt weiter. Am deutlichsten zu sehen bei Positionen, die nah am Vorstand angesiedelt sind. Kein Wunder, dass sich die Kultur reproduziert statt entwickelt.
Die Arbeitsameisen tragen das Unternehmen. Sie werden dafür nicht gesehen, nicht gehört, nicht bezahlt was ihnen zusteht.
Verbesserungsvorschläge
Die Grundintention ist manchmal richtig – das macht es so frustrierend. Aber Intention ohne Umsetzung ist wertlos:
Echte Feedback-Kultur einführen, nicht als Workshop-Übung sondern mit Konsequenzen nach oben (!). Führungsbesetzungen nach Kompetenz und Mut direkt aus dem Team, nicht nach Konformität zur MD-Bubble. Und vielleicht am wichtigsten: Anerkennen, dass die, die jeden Tag liefern, die Grundlage jedes Erfolgs sind – bevor auch die letzten gehen, die sich noch erinnern, wie es mal war.
Arbeitsatmosphäre
Auf Teamebene oft gut. Sobald Führung ins Spiel kommt, spürbar angespannt. Man weiß, was man sagen darf.
Work-Life-Balance
Schon ziemlich gut.
Karriere/Weiterbildung
Ja, wenn man konform ist. Sonst: Stagnation mit freundlichem Lächeln.
Gehalt/Benefits
Wer dem MD gefällt, kommt weiter. Andere nicht.
Kollegenzusammenhalt
Das einzige, was noch trägt. Und das oft trotz, nicht wegen der Strukturen.
Vorgesetztenverhalten
MD-Allwissenheit als Führungsstil. Kritik wird delegitimiert oder bestraft. Wer lang dabei ist und trotzdem noch eine eigene Meinung hat, ist verdächtig.
Kommunikation
Findet statt, wenn es die Agenda der oberen Führungsebene (Managing Direktoren) bedient. Alle Rollen, Entscheidungen und Prozesse werden ausschließlich von hier gesteuert. Außerhalb existiert zusätzlich sehr viel ineffektive Scheinführung (Overhead) ohne echte Steuerungsmöglichkeit. Echte Transparenz und Einbindung: Fehlanzeige.
Gleichberechtigung
Nicht Leistung entscheidet, nicht Erfahrung, nicht Betriebszugehörigkeit. Wer konform ist, kommt voran. Wer eigene Meinungen hat und sie auch äußert, stagniert – oder verschwindet (häufig von selbst...).


