Werte, die man lesen kann - aber nicht erleben
Gut am Arbeitgeber finde ich
Ich fand gut, dass mir als Quereinsteiger mit Führungserfahrung eine Chance geboten wurde.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Schlecht am Arbeitgeber finde ich vor allem, dass offenbar keine klaren Ideen entwickelt wurden, wie gute Führung in den verschiedenen Positionen umgesetzt werden sollte. Nur weil Aufgaben aus anderen Ländern nach Deutschland übertragen und versucht wurden, hier an den Markt angepasst zu werden, bedeutet das nicht automatisch, dass die verantwortlichen Personen auch gute Führungskräfte sind. Motivation allein im Workaholics-Stil reicht nicht aus, um Führung effektiv zu gestalten.
Verbesserungsvorschläge
Lebt nach den Grundwerten die ihr auf eure Wände klebt.
Arbeitsatmosphäre
Zu Beginn war die Arbeitsatmosphäre sehr positiv: freundlicher Einstieg, viele Coffee-Talks und ein enges Netzwerk durch die überschaubare Unternehmensgröße. Die Aufbruchsstimmung und der Aufbauwille vieler Kollegen waren klar spürbar – das ist der Grund für die vergebenen zwei Sterne.
Im weiteren Verlauf verschob sich der Fokus meines Vorgesetzten stark auf Steuerung statt Unterstützung. Ich fühlte mich überwacht und erhielt Feedback überwiegend nur bei Defiziten. Positives oder anerkennendes Feedback für überdurchschnittliche Leistung kam kaum vor. Das empfand ich als demotivierend und nicht wertschätzend im Vergleich zum kommunizierten Anspruch des Unternehmens.
Kommunikation
Einige Kommunikationsformate empfand ich als gut strukturiert. Die monatliche „Germany“-Demo bot transparente Einblicke in Zahlen und aktuelle Projekte, und Meetings mit meinem Vorgesetzten ermöglichten den Austausch über den aktuellen Fokus in den Teams. Dies schuf einen gewissen Mehrwert und half, den Überblick zu behalten.
Trotzdem wirkte die Kommunikation insgesamt häufig eintönig und stark defizitorientiert. Unterstützung wurde meiner Wahrnehmung nach eher über Kontrolle als über echtes Begleiten angeboten. Auf gesamtdeutscher Ebene empfand ich die Kommunikation als unzureichend. Veranstaltungen wie der monatliche Stammtisch in Düsseldorf boten für mich aufgrund der Entfernung kaum Mehrwert. Im Vergleich dazu erschien die Kommunikationskultur im Mutterunternehmen deutlich aktiver.
Kollegenzusammenhalt
Innerhalb meines direkten Teams im Depot war der Kollegenzusammenhalt hervorragend. Entscheidungen wurden transparent getroffen, das Miteinander war offen und unterstützend – das Team funktionierte wirklich gut.
Außerhalb dieses Teams habe ich im Verlauf des Jahres eine zunehmend distanzierte und negativ geprägte Atmosphäre erlebt. Die gelebte Realität stand für mich in starkem Kontrast zu den Grundwerten „Freunde. Ehrlich. Direkt. Offen.“ – diese wurden außerhalb meines Teams kaum bis gar nicht umgesetzt. Führung und HR schienen sich eher auf Kontrolle und Machtspiele zu konzentrieren, wodurch die Kolleg:innen spürbar entwertet und auseinandergetrieben wurden. Für mich wirkte es so, als sei das Wohl der Mitarbeitenden in vielen Situationen nebensächlich.
Work-Life-Balance
In den ersten Monaten war ich in einer Doppelführungsrolle, da keine Teamleiter für den Standort gefunden wurden. Das führte dazu, dass ich faktisch von Montag bis Freitag der erste im Haus und der letzte wieder raus war – zu jeder Zeit, für alle Aufgaben. Diese Situation war extrem belastend und erforderte erhebliche private Anpassungen, um überhaupt handhabbar zu sein.
Trotz wiederholter Rückmeldungen an meinen Vorgesetzten änderte sich wenig. Krankmelden fühlte sich nie wirklich möglich an, und Überstunden, oft deutlich über zehn Stunden pro Tag, waren Alltag. Auf dem Papier sah die Organisation strukturiert aus, die Realität entsprach dem jedoch nicht. Für mich und das Team wirkte die Arbeitsbelastung dauerhaft hoch, während die Unterstützung durch Führung begrenzt war.
Vorgesetztenverhalten
Mein direkter Vorgesetzter zeigte für mich kaum Leadership-Fähigkeiten. Die Arbeit wurde stark kontrolliert und gesteuert, Unterstützung und Begleitung fanden praktisch nicht statt. Feedback war überwiegend defizitorientiert, positives oder anerkennendes Feedback kaum vorhanden.
Offene und ehrliche Kommunikation war aus meiner Sicht nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis wirkte stark hierarchisch geprägt, geprägt durch ein System von befristeten Verträgen, das Offenheit und Vertrauen erschwerte. Ich hatte wiederholt den Eindruck, dass Entscheidungen und Abläufe ohne transparente Kommunikation getroffen wurden, wodurch ich oft ausgeschlossen war und keine Möglichkeit hatte, meine Perspektive einzubringen.
Insgesamt empfand ich das Vorgesetztenverhalten als belastend, demotivierend und kontraproduktiv für eine funktionierende Zusammenarbeit.
Interessante Aufgaben
Mein Quereinstieg in die Logistik begann mit einer zweiwöchigen Einarbeitung in der Zentrale. Der Prozess ist sehr umfänglich und musste größtenteils in Eigenleistung einstudiert werden.
Im Arbeitsalltag fiel es mir schwer, langfristig interessante Aufgaben zu finden. Die Routinen der Last-Mile-Delivery wiederholten sich stark, und die Möglichkeiten, eigene Ideen einzubringen oder Prozesse mitzugestalten, waren sehr begrenzt. Auch die Führungsaufgaben boten wenig Spielraum für Abwechslung oder Entwicklung.
Hinzu kam, dass die Motivation durch mein Vorgesetztenverhalten konstant beeinträchtigt wurde. Insgesamt empfand ich den Aufgabenbereich als eintönig und zu wenig herausfordernd, um wirklich zu wachsen oder die volle Verantwortung einzubringen.
Gleichberechtigung
Theoretisch gab es Möglichkeiten für Gleichberechtigung, jedoch war der Frauenanteil im Team und bei Bewerbungen sehr gering. Im direkten Umfeld meines Teams waren kaum Frauen vertreten.
Die Kommunikation und Hervorhebung von einzelnen Frauen in Führungspositionen wirkte auf mich häufig eher als Selbstdarstellung denn als gelebte Wertschätzung. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass Gleichberechtigung zwar formal möglich war,
praktisch aber wenig gefördert oder aktiv gelebt wurde.
Umgang mit älteren Kollegen
Mein Eindruck war, dass ältere Kolleg:innen im Unternehmen weder gezielt gefördert noch besonders wertgeschätzt wurden. Ausnahmen ergaben sich eher zufällig, etwa durch eigene Entscheidungen bei der Teambesetzung. Insgesamt empfand ich den Umgang mit älteren Kolleg:innen als durchschnittlich, ohne besondere Förderung oder Aufmerksamkeit.
Arbeitsbedingungen
Die Arbeitsbedingungen empfand ich insgesamt als durchschnittlich. Bei meinem Depot waren bei Eröffnung viele vorbereitete Maßnahmen noch nicht umgesetzt, obwohl ursprünglich ein vollständiger Start kommuniziert wurde. Ich musste selbst viel mit anpacken und regelmäßig hinter den entsprechenden Abteilungen hinterher sein, damit Abläufe funktionierten. Insgesamt lag die Umsetzung für mich unter dem erwartbaren Standard.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Viele Abläufe wirkten ineffizient und teilweise willkürlich. Pakete wurden beispielsweise über weite Strecken transportiert, obwohl sie an ein anderes Depot
hätten gehen sollen. Entscheidungen erschienen häufig nicht nachvollziehbar und wurden streng kontrolliert, was die Umsetzung pragmatischer Lösungen erschwerte. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass Umwelt- und Ressourcenaspekte im Tagesgeschäft kaum Berücksichtigung fanden.
Gehalt/Benefits
Die Sozialleistungen waren aus meiner Sicht unauffällig und boten keinen besonderen Mehrwert. Das Gehalt empfand ich dagegen als deutlich unter dem Branchendurchschnitt, insbesondere in Führungspositionen unterhalb des Upper Managements.
Für viele Mitarbeitende, inklusive Teamleiter:innen, entsprach die Vergütung meiner Wahrnehmung nach nicht dem Umfang und der Intensität der geleisteten Arbeit. Zuschläge oder Trinkgelder wurden gelegentlich hervorgehoben, wirkten aber insgesamt kaum ausgleichend und konnten die Belastung nicht kompensieren.
Diese Diskrepanz zwischen Arbeitsleistung und Gehalt erschwerte zudem die Rekrutierung und Bindung von Mitarbeitenden, insbesondere an Standorten, die wirtschaftlich oder demografisch weniger attraktiv waren. Insgesamt wirkte die Vergütung aus meiner Sicht weder motivierend noch angemessen.
Image
Nach meiner Wahrnehmung entsprach das nach außen gezeichnete Image des Unternehmens kaum der gelebten Realität. Intern hörte ich zunehmend, dass viele Mitarbeitende, die nicht im Upper Management waren, Kritik an Abläufen und Entscheidungen äußerten. Die Rückmeldungen wurden meiner Einschätzung nach oft ignoriert, und offene Kritik konnte negative Folgen haben.
Die Außendarstellung als „jung, hip und freundschaftlich“ empfand ich als stark überhöht im Vergleich zur tatsächlichen Arbeitskultur. Für mich wirkte das Image des Unternehmens eher als Fassade, hinter der Profitinteressen und operative Realitäten die gelebten Werte überlagerten.
Karriere/Weiterbildung
Im Mutterunternehmen in Holland waren Karriereentwicklung und Weiterbildung fester Bestandteil, etwa durch regelmäßige Updates vom CEO und transparente Entwicklungsmöglichkeiten. In Deutschland habe ich diese Strukturen praktisch nicht erlebt.
Nach meiner Wahrnehmung wurden Entscheidungen über Beförderungen und Weiterbildungen stark von persönlichen Beziehungen beeinflusst. Leistung allein schien dabei oft nicht ausschlaggebend zu sein. Mein direkter Vorgesetzter zeigte weder Initiative noch Unterstützung bei meiner Weiterbildung. Selbst bei konkreten Vorschlägen wirkte die Reaktion überheblich und bevormundend, was ich als demotivierend und respektlos empfand.

