Inhaltlich spannend - organisatorisch hängt es Jahrzehnte hinterher
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Themen, mit denen man sich beschäftigt, haben inhaltlich Substanz und gesellschaftliche Relevanz - das ist kein Unternehmen, bei dem man sich fragt, wofür man eigentlich arbeitet. Wer Eigeninitiative zeigt, bekommt Verantwortung übertragen und kann sich eigene Themen erarbeiten, das ist nicht überall selbstverständlich. Innerhalb des eigenen Teams funktioniert der Zusammenhalt, man kann sich meistens in stressigen Phasen aufeinander verlassen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Die Strukturen sind spürbar veraltet und hierarchisch geprägt - Entscheidungswege fühlen sich streckenweise an, als wären wir nicht im Jahr 2026, sondern noch in einer ganz anderen Zeit stehengeblieben. Es herrscht ein hohes Maß an Bürokratie, die selbst deutsche Ministerien blass aussehen lässt - und das will was heißen: viele Abstimmungsschleifen über mehrere Ebenen hinweg, unklare oder informelle Zuständigkeiten statt dokumentierter Prozesse, und selbst einfache Entscheidungen brauchen oft unnötig lange, weil sie durch diverse Hierarchiestufen abgesegnet werden müssen, bevor überhaupt etwas passieren kann. Die Digitalisierung hinkt spürbar hinterher. Papierbasierte oder handschriftlich koordinierte Abläufe, wo längst digitale Lösungen Standard sein könnten, kosten unnötig Zeit und Nerven. Wer eigenständig und lösungsorientiert arbeiten will, stößt regelmäßig an unsichtbare Grenzen, die nirgendwo festgehalten sind, sondern erst im Nachhinein sichtbar werden. Diese Schwerfälligkeit steht in einem seltsamen Kontrast zu der inhaltlichen Relevanz und Dringlichkeit vieler Themen, an denen man arbeitet.
Auch bei der Anerkennung von Leistung zeigt sich diese Trägheit: Wenn Verantwortung über die Zeit spürbar wächst, wächst die formale Eingruppierung nicht automatisch mit. Der Weg zu einer Höhergruppierung ist zäh, wenig transparent und hängt stark davon ab, wie hartnäckig man selbst dafür kämpft, statt an klaren, nachvollziehbaren Kriterien.
Verbesserungsvorschläge
Interne Prozesse, Zuständigkeiten und Genehmigungswege endlich schriftlich und für alle zugänglich dokumentieren, statt sie von Person zu Person weiterzureichen. Hierarchieebenen und Abstimmungsschleifen kritisch hinterfragen und wo möglich reduzieren - Entscheidungswege müssen nicht immer durch fünf Instanzen laufen, um handlungsfähig zu bleiben. Dringend in Digitalisierung investieren: Tools und Abläufe, die längst Standard sein könnten, würden viel Zeit und Frust sparen. Klare, nachvollziehbare Kriterien für Beförderungen und Höhergruppierungen einführen, statt informeller Einzelfallentscheidungen, die stark davon abhängen, wie laut jemand dafür kämpft.
Arbeitsatmosphäre
Insgesamt kollegial, aber stark davon abhängig, in welchem Team man sitzt - die Erfahrung kann sich je nach Bereich spürbar unterscheiden. Es gibt Rücksichtnahme und ein gewisses Grundvertrauen unter Kolleginnen und Kollegen. aber auch spürbare Reste alter Hierarchiedenke, die eine mehr oder weniger offene Atmosphäre bremsen. Insgesamt eher durchwachsen als durchgehend gut.
Image
Als Teil des Deutschen Roten Kreuzes genießt der Arbeitgeber ein starkes, vertrauenswürdiges Image in der Öffentlichkeit.
Work-Life-Balance
Für mich 5 Sterne. Arbeitszeiten und Urlaub lassen sich grundsätzlich planen, in der Praxis kommt es aber bei vielen regelmäßig zu Überstunden. Besonders auf Führungsebene wirkt man praktisch dauerhaft erreichbar - das würde aus dieser Perspektive eher für 2 Sterne sprechen. Für Eltern ist die Situation durch Homeoffice-Möglichkeiten spürbar komfortabler, hier lässt sich vieles flexibel handhaben, mit entsprechend viel Kulanz.
Karriere/Weiterbildung
Aufstieg ist möglich, aber es fehlen klare, nachvollziehbare Kriterien für Weiterbildungsmöglichkeiten.
Gehalt/Benefits
Tarifgebunden und in der Struktur nachvollziehbar. „Benefits“ im nicht-NGO Sinne gibt es praktisch nicht.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Als Teil des Deutschen Roten Kreuzes steht das Thema im öffentlichen Auftritt naturgemäß im Mittelpunkt - nach außen wird viel über soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit kommuniziert. Es wirkt, als würde das Thema eher nach außen als nach innen gelebt.
Kollegenzusammenhalt
Innerhalb des eigenen Teams gut, aber stark abhängig von den handelnden Personen. Abteilungsübergreifend fehlt teils ein verlässlicher Austausch. Das zeigt sich auch ganz konkret z.B. in der Kantine: Man sitzt fast ausschließlich mit dem eigenen Team zusammen, kaum jemand scheint Interesse zu haben, über die eigene kleine Bubble hinaus jemanden kennenzulernen.
Umgang mit älteren Kollegen
Hier ist das Bild klar positiv: Erfahrung wird geschätzt, altersgemischte Teams funktionieren gut, und es gibt keinerlei Anzeichen von Altersdiskriminierung. Ältere Kolleg:innen sind gut eingebunden und ihr Wissen wird aktiv genutzt.
Vorgesetztenverhalten
Fachlich kompetent und grundsätzlich ansprechbar, mit einem echten Interesse an den Themen, an denen man arbeitet. Rückmeldungen kommen aber nicht immer zeitnah, und Entscheidungen müssen oft durch mehrere Hierarchieebenen, bevor sie ankommen. Die Bereitschaft, Verantwortung nach unten abzugeben und Eigeninitiative wirklich zu belohnen, könnte stärker ausgeprägt sein.
Arbeitsbedingungen
Der Standort Lichterfelde ist von vielen Teilen Berlins aus schlecht angebunden, das kostet im Alltag viel Zeit. Die Grundausstattung ist okay. Auffällig ist außerdem, dass irgendetwas im Gebäude eigentlich immer kaputt ist. Mal das Tor hier oder da, mal funktioniert etwas in der Küche nicht, Reparaturen ziehen sich auffällig lange hin.
Kommunikation
Viele Informationen laufen über informelle Kanäle statt über verlässliche, dokumentierte Prozesse - wer zufällig im richtigen Gespräch war, weiß Bescheid, alle anderen nicht. Zuständigkeiten und interne Abläufe sind oft nicht schriftlich festgehalten, was zu vermeidbaren Rückfragen und Verzögerungen führt. Bereichsübergreifend ist der Austausch besonders lückenhaft, siehe auch die fehlende Vernetzung im Alltag.
Gleichberechtigung
Gibt es nicht. Formal wird Gleichstellung nach außen betont, in der Praxis werden individuelle Bedürfnisse aber kaum systematisch mitgedacht - etwa bei unterschiedlichen Arbeitsweisen oder Neurodivergenz. Es fehlt an klaren, verbindlichen Regelungen; vieles hängt von einzelnen Personen und deren gutem Willen ab statt von verankerten Standards.
Interessante Aufgaben
Inhaltlich anspruchsvoll und vielfältig - wer will, kann sich eigene Themen erarbeiten und bekommt dafür auch Verantwortung übertragen. Die Aufgaben haben gesellschaftliche Relevanz und bleiben selten monoton. Etwas mehr Struktur und klarere Rahmenbedingungen würden aber helfen, dieses Potenzial noch besser zu nutzen, statt dass viel vom Zufall oder der eigenen Hartnäckigkeit abhäng