Viel investiert – der Mensch bleibt auf der Strecke
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Ich arbeite derzeit noch bei Strauss und habe lange überlegt, ob ich diese Bewertung veröffentlichen soll. Ich äußere mich grundsätzlich ungern öffentlich über meinen Arbeitgeber. Über viele Jahre war Strauss für mich mehr als nur ein Unternehmen – es fühlte sich wie eine große Familie aus dem Main-Kinzig-Kreis an. Umso schwerer fällt es mir, diese Zeilen zu schreiben.
Mit der Einführung der sogenannten „neuen Welt“ wurde viel Geld in Gebäude, Technik und Prozesse investiert. Das sieht man auch im Arbeitsalltag. Die Abläufe sind moderner geworden und es können deutlich mehr Kundenpakete bearbeitet werden. Das ist ohne Frage ein Fortschritt und verdient Anerkennung.
Leider habe ich gleichzeitig den Eindruck, dass der Mensch dabei immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Der Fokus liegt heute sehr stark auf Kennzahlen, Produktivität und Leistung. Die persönliche Leistung wird genau gemessen, Fehler werden dokumentiert und der Druck, das vorgegebene Soll zu erreichen, ist entsprechend hoch. Es entsteht das Gefühl, dass jede Minute zählt. Selbst kurze Toilettengänge können sich negativ auf die eigene Leistung auswirken. Ich habe mich deshalb schon dabei ertappt, während der Schicht bewusst weniger zu trinken, um mein Soll nicht zu gefährden. Das sollte in keinem modernen Arbeitsumfeld notwendig sein.
Auch körperlich ist die Belastung nicht zu unterschätzen. Viele Tätigkeiten bestehen aus stundenlangem Stehen und sich ständig wiederholenden Bewegungsabläufen. Die Monitore an den WZM-Arbeitsplätzen empfinde ich als ungünstig positioniert, wodurch Nackenverspannungen und Kopfschmerzen begünstigt werden. Hinzu kommt die monotone Arbeit, die auf Dauer nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche belastet.
Was mich ebenfalls beschäftigt, ist die unterschiedliche Auslegung von Regeln. Für Mitarbeitende im Versand und in der Retoure gilt, dass Rauchen während der Arbeitszeit nicht erlaubt ist. Gleichzeitig entsteht aus meiner persönlichen Wahrnehmung der Eindruck, dass einzelne Mitarbeitende in anderen Funktionen oder Führungsebenen häufiger rauchen gehen und dabei andere Maßstäbe gelten. Ob hierfür interne Regelungen bestehen, kann ich nicht beurteilen. Transparente und für alle gleichermaßen geltende Regeln würden jedoch das Gerechtigkeitsempfinden stärken.
Ein weiterer Punkt ist die fehlende Anerkennung von Mitarbeitenden, die besonders viel Verantwortung übernehmen. In jeder Abteilung gibt es Menschen, die den Laden am Laufen halten. Sie lösen Probleme, übernehmen zusätzliche Aufgaben und sind oft die ersten Ansprechpartner, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ohne diese Stützen würden viele Abläufe deutlich schlechter funktionieren.
Dennoch habe ich den Eindruck, dass sich diese zusätzliche Verantwortung weder ausreichend in der Wertschätzung noch in der Vergütung widerspiegelt. Wer dauerhaft mehr Verantwortung trägt und einen wesentlichen Beitrag zum täglichen Betrieb leistet, sollte dies auch spürbar anerkannt bekommen. Andernfalls entsteht das Gefühl, dass sich besonderes Engagement kaum lohnt.
Ich schreibe diese Bewertung nicht aus Frust, sondern aus Enttäuschung. Ich arbeite noch immer bei Strauss und wünsche mir, dass sich das Unternehmen wieder stärker auf das besinnt, was es früher für viele Mitarbeitende ausgezeichnet hat: Zusammenhalt, Fairness und Wertschätzung. Moderne Technik und wirtschaftlicher Erfolg sind wichtig – am Ende sind es jedoch die Menschen, die den Erfolg eines Unternehmens jeden Tag möglich machen.
Ich hoffe, dass diese Entwicklung ernst genommen wird. Denn Strauss hat das Potenzial, nicht nur technologisch zur „neuen Welt“ zu gehören, sondern auch im Umgang mit seinen Mitarbeitenden.


