Eigentlich ein starkes Praktikumsprogramm – aber der Umgang mit einem klar strafbaren Vorfall war enttäuschend
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Ich habe im Sommer am Praktikantenprogramm von Gleiss Lutz teilgenommen. Ein wesentlicher Teil davon ist die Case Study – ein fiktiver Unternehmenskauf, den man über fünf Wochen Schritt für Schritt vorbereitet und am Ende in einer großen Abschlussverhandlung durchspielt. Darauf läuft im Grunde das ganze Programm hinaus, und entsprechend ernst nimmt man das als Praktikant auch.
Der Einstieg war wirklich positiv. Die Abläufe waren gut organisiert, man wurde freundlich aufgenommen, und die Einführung in die Case Study war klar und nachvollziehbar, sodass man schnell drin war. Umso irritierender war ein Vorfall in der letzten Woche – praktisch am Tag vor der finalen Verhandlung. Wir haben mitbekommen, dass eine Praktikantengruppe ein Passwort verwendet hat, das für unsere Gruppe gedacht war und das wir (leider etwas unachtsam) auf unserem Tisch liegen hatten. Mit diesem Passwort haben sie dann offenbar unsere Unterlagen geöffnet, die eigentlich nur für uns bestimmt waren. Als wir sie später darauf angesprochen haben, wurde das auch nicht abgestritten. Inhaltlich war das schon ein ziemlicher Bruch, zumal diese Gruppe über das gesamte Programm hinweg einen sehr selbstverständlichen, fast schon überheblichen Eindruck gemacht hat. Mehrfach hörte man auf den Gängen, wie einer von ihnen erzählte, sein Vater sei „der erste grüne Oberbürgermeister Bayerns“. Es wirkte – zumindest auf mich – so, als würde man sich daraus eine gewisse Sonderstellung ableiten. Vor dem Hintergrund dessen, was später passiert ist, ergab das leider ein ziemlich stimmiges Gesamtbild. Für viele von uns stand das im klaren Widerspruch zu den Werten, die Gleiss Lutz auf der Website betont: Integrität, Fairness, Verantwortung, Teamgeist. Gerade in einem Ausbildungsprogramm erwartet man, dass solche Grundsätze ernst genommen werden.
Wir haben den Vorfall dann gemeinsam und sachlich der Personalabteilung gemeldet. Wir hatten ganz ehrlich damit gerechnet, dass zumindest nachgefragt oder der Sachverhalt aufgearbeitet wird. Stattdessen kam gar nichts zurück – keine Rückfrage, keine Einschätzung, kein Gespräch. Und am Ende haben die beteiligten Personen ein völlig unauffälliges, positives Zeugnis erhalten, als wäre nie etwas vorgefallen. Genau das hat bei vielen von uns den eigentlichen Eindruck hinterlassen: weniger der Vorfall selbst als die Tatsache, dass die Personalabteilung ihn komplett ignoriert hat. Das wirkte so, als würde man unangenehme Themen lieber gar nicht erst anfassen – besonders, wenn es die „falschen“ Personen betrifft. Für eine Kanzlei, die ihre Werte so stark betont, ist das ein merkwürdiges Signal. Das Praktikantenprogramm hat fachlich wie organisatorisch großes Potenzial. Aber die Art und Weise, wie dieser Vorfall behandelt wurde, hat bei mehreren von uns einen nachhaltig bitteren Beigeschmack hinterlassen – völlig unnötig, denn mit etwas Transparenz und Kommunikation hätte man das leicht vermeiden können.

