Wenn die Vergangenheit die einzig vernünftige Zukunft wäre
Gut am Arbeitgeber finde ich
Aldi Süd ist im Kern ein fantastisches Unternehmen. Das Fundament ist da, um auch zukunftsorientiert ein erfolgreiches und Menschen nahes Unternehmen zu führen.
Gleichberechtigung und Aufstiegs Möglichkeiten sind gegeben.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Trotz all der Fortschritte und Modernisierung, ist Aldis größte Stärke seine Vergangenheit.
Verbesserungsvorschläge
Hier könnte man fast jeden der nachfolgenden Punkte aufgreifen. Doch ich möchte es ganz einfach halten.
Wenn das hier irgendjemand aus dem Unternehmen liest, dann bitte tut mir einen Gefallen. Hört wieder mehr euren Mitarbeitern zu.
Ihr seid dabei alles zu verbrennen was dieses Unternehmen so stark gemacht hat. Und das ist die Basis. Die Mitarbeiter ganz unten in der Hierarchie. Die Filialen und ihre Teams.
Man kann an allen Ecken und Enden Dinge verbessern. Die vielen negativen Bewertungen in den letzten Wochen und Monaten belegen das. Und auch wenn vieles irreparabel scheint, lässt sich das alles noch irgendwo wieder gerade biegen.
Aber wenn ihr es wirklich schafft das die Basis dieses Unternehmens nicht mehr zusammen hält, dann stürzt euch das ganze Ding in sich zusammen. Wir haben schon immer für Dinge gekämpft die größer waren als wir selbst. Doch der Zusammenhalt und die unfassbar gute Leistungsdichte gepaart mit der sehr guten Personalarbeit hat für jeden einzelnen Standort alles möglich gemacht.
Jede Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen, die sich auf jeden einzelnen Mitarbeiter Auswirken. Wenn die Achse bricht, dann ist es zu spät.
Geht in die Filialen. Geht in die Logistik. Sprecht mit den Mitarbeitern. Nicht mit verstecktem Dolch und einer Aura der Angst. Sondern mit ehrlichem Austausch und genügend Selbstreflexion.
Arbeitsatmosphäre
Da kann man beim ersten Punkt direkt mit der Tür ins Haus fallen.
Vorneweg - ich bin bereits seit über 10 Jahren Teil des Unternehmens. Ich habe als Packkraft begonnen, habe meine Ausbildung erfolgreich absolviert und mich dann durch jede einzelne Vertragsstufe bis zum Stellv. Filialleiter hochgearbeitet. Ich kenne also nahezu jeden Blickwinkel. Habe mit zahllosen Führungskräften zusammengearbeitet. Habe viele Regionalverkaufsleiter und deren Stile durchlaufen und versuche - trotz aktuell offensichtlich negativem Trend, möglichst objektiv zu bewerten.
Wo dies nicht möglich ist, ist die Bewertung der Arbeitsatmosphäre. Diese ist - gelinde gesagt, eine absolute Vollkatastrophe.
Was früher trotz einer strikten Führung mit klarem Konzept immer ein positives "Wir" Gefühl in den Filialen erzeugt hat, ist heute geprägt von übermäßigem Druck, Missgunst und einer Leistungserwartung die - trotz bestem bemühen jeder Filialführung diese zu moderieren, ein Klima der Angst, Unsicherheit und internen Querelen schürt.
Die Wirtschaftlichkeit steht im alleinigen Vordergrund. Der Mensch ist anders als beworben - nicht mehr der Ankerpunkt im Unternehmen.
Image
Beim Image herrscht die größte Diskrepanz zwischen Realität und dem, was nach außen vermittelt wird.
Das Unternehmen präsentiert sich als Weltoffen, Modern, Zukunftsorientiert und Menschlich.
Doch was davon stimmt? Weltoffen? Ja absolut. Der Rest? Fehlanzeige!
Modern ist an dem Unternehmen nur die völlige entmenschlichung der Mitarbeiter. Wir bewegen uns dort wirklich in Richtung der USA. Frei nach dem Motto: "Seid dankbar das ihr hier arbeiten dürft." Der Wert der eigenen Arbeit wird nicht nur nicht gewertschätzt, sondern in Teilen völlig ignoriert. Aldi war mal innovativ. Marktführend. Doch wo ist das alles hin? Unsere Online-Präsenz? Absolut nicht zeitgemäß. Das Sortiment? Wenn man 17 mal im Jahr neue Bettwäsche braucht, dann bestimmt sehr gut.
Hier haben uns Konkurrenten schlicht und ergreifend den Rang abgelaufen. Sowohl in der Außendarstellung, als auch in der internen Bewertung. Man muss sich doch nur mal die Bewertungen hier auf der Plattform anschauen. Aldi Süd hat sein Image des Ordentlichen und Modernen Einzelhandels, mit klarer Unternehmenskultur und perfekt ausgebildeten Mitarbeitern weg geworfen.
Work-Life-Balance
Hier will ich zuerst aus persönlicher Sicht antworten. In meiner Erfahrung - lässt sich alles irgendwie möglich machen. Die Stundenanzahl der Teilzeit Verträge ist sehr flexibel. Und wenn man sich gut abspricht, kann man selbst als Ehepaar in unterschiedlichen Unternehmen eine Lösung finden.
Trotzdem muss man den Umgang mit dieser Balance doch kritisieren. Das Unternehmen wandelt sich in jeder Hinsicht in die Moderne. Wenn es darum geht Mitarbeiter mehr zu schulen (Was bitte auch in der Freizeit passieren soll, dafür wurden schließlich die Präsenz Schulungen abgeschafft) oder man den Umgang mit uns immer mehr "Amerikanifiziert". Uns also die Qualität unserer Arbeit abspricht und mehr und mehr wie eine Nummer behandelt.
Aber wenn es darum geht den Schichtplan im Home-Office zu erledigen oder andere Dinge flexibel zu gestalten, da gibt's plötzlich Probleme. Keine klare "Arbeitszeit - Erfassung" sei so möglich. Hier sehe ich im kleinen gute Ansätze, aber im großen ganzen wird deutlich zu wenig getan.
Karriere/Weiterbildung
Der Aufstieg ist klar geregelt. Es gibt klare Strukturen beim Arbeiten in den Filialen. Bringst du Leistung - kommst du weiter. Das es dabei ohne Studium bis maximal zum Filialleiter geht, empfinde ich nicht als Problem.
Das Problem ergibt sich vielmehr aus der Tatsache, dass es dabei immer weniger um die Leistung an sich geht. Ich kann da sogar aus Erfahrung sprechen. Meine Leistungen waren nicht immer auf absolutem Top Niveau. Es gab Zeiten in denen ich - auch bedingt durch meine private Situation, nicht alles zeigen konnte was mir sonst möglich wäre. Doch das war egal. Zeichnest du dich durch Eloquenz aus und sagst nicht nein? Dann kannst du dich nur selbst schlagen.
Solange du nichts hinterfragst, sondern immer nur das tust was dir gesagt wird - stehen dir bei Aldi alle Türen offen.
Gehalt/Benefits
Mein Lieblingsthema. Das Gehalt.
Ja - es ist noch immer Branchen Führend. Auch wenn der Abstand, vorallem in der "Normalen Teilzeit Mitarbeiter" Ebene, mittlerweile nicht mehr wirklich groß ist. In der Führungsebene dafür schon.
Hier würde ich mir eine deutliche Korrektur wünschen. Vorallem für die Mitarbeiter mit Filialverantwortung. Diese geben selbst an Tagen ohne diese Verantwortung ihr Gehirn nicht an der Tür ab. Auf das Fachwissen und Können wird an jedem Tag zugegriffen. Also Verdienen diese auch eine entsprechende Vergütung.
Eine Betriebliche Altersvorsorge gibt es genauso wie Weihnachts - und Urlaubsgeld.
Das war immer das Aushängeschild für neue Mitarbeiter. "Aldi verlangt Leistung aber zahlt dafür überdurchschnittlich gut". Leider verlangen sie heute noch mehr, doch am Gehalt hat sich kaum etwas getan.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Es wird durch Photovoltaik Anlagen auf den Dächern einiger Filialen Naturstrom generiert. Das muss man positiv hervorheben.
Davon ab sprechen wir vom Lebensmittel Einzelhandel. Es wird zu viel weggeschmissen. Das ist aber kein Aldi exklusives Problem. Durch Zusammenarbeit mit örtlichen Tafeln und Lebensmittel Rettern wird vieles noch wieder verwertet. Hier tut das Unternehmen etwas mehr als so manch anderer.
Kollegenzusammenhalt
Hier ist ein weiterer sehr subjektiver Punkt. Denn wie dieser Zusammenhalt aussieht unterscheidet sich von Filiale zu Filiale. Ich habe in dieser Frage bereits das gesamte Bewertungsspektrum miterlebt.
Deswegen bewerte ich in diesem Fall die allgemeine Entwicklung. Und die ist leider sehr rückläufig.
Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Der Druck von oben wirkt sich auf jedes Team anders aus. Viele aus der "Alten Garde", zu der ich mich in Teilen auch zählen würde, holt durch teils extreme Leistungen die Kohlen aus dem Feuer. Viele der Neueinsteiger sind durch stark gekürzte Einarbeitungszeit, weg gesparter Präsenz Schulungen und teils deutlich verschlechterter Personalarbeit bei der Einstellung kaum bis gar nicht integriert. Das sorgt für ungewollte Reibereien.
Aldi hat über die letzten Jahre den Ruf als fantastischer Arbeitgeber verloren, der Arbeitsmarkt sich verändert. Das bringt selbstverständlich neue Herausforderungen mit sich. Hier fehlt mir von vielen Teilen der Führungsebene die Weitsicht. Angesprochen auf diese Probleme hört man das "Heute niemand mehr lange bei einem Unternehmen bleibt" und "Die Kultur von Eingeschworenen Teams ausstirbt".
Umgang mit älteren Kollegen
Diese haben es bei Aldi heute nicht leicht. Der technische Fortschritt und die stark gestiegenen Anforderungen sind für viele schlicht nicht mehr umsetzbar.
Hier wird mehr oder weniger eine Situation ohne Ausweg geschaffen. Platz für jüngere Kollegen schaffen und sich mit einem Kassenplatz begnügen - oder in eine "ruhigere" Filiale versetzen lassen. Teilweise mit gekürzten Stunden. Wobei es schon immer einen Grundsatz gab. "Wenn das Unternehmen dich loswerden will, dann wird es dich los". Auch wenn ich das in meiner Erfahrung nicht bestätigen kann.
Ältere Menschen wurden seit Corona in meinem Beisein nicht mehr eingestellt. Deswegen kann ich nicht sagen wie es dahingehend aussieht.
Vorgesetztenverhalten
Das ist wieder ein äußerst breites Spektrum. Durch die Neugestaltung der Führungsstruktur in den Filialen wird hier vermehrt auf Quantität statt Qualität gesetzt. So viele Stellvertreter wie heute gab es noch nie. Und die Qualität reicht von sehr gut bis "Wie zum Teufel bist du hier hin gekommen". Es wird nicht mehr nach Führungsqualitäten befördert, sondern nach denen - die nicht kritisch hinterfragen oder sich wehren. Dadurch sind viele der heutigen Stellvertreter ihrer Führungsposition nicht gewachsen - was sich natürlich auf ihr Verhalten auswirkt. Selbstüberschätzung ist hierbei ein weit verbreitetes Phänomen.
Viele Filialleiter der alten Zeit hat haben regelrechte Gottkomplexe. Haben nie einen Fehler gemacht und sind völlig zurecht in ihren Positionen. Auch wenn die Einstellungskriterien früher "Springt immer ein" und "Ist schnell" waren. Das gilt natürlich bei weitem nicht für alle.
Auf RVL Seite ist ein beunruhigender Trend zu erkennen. Es geht immer weiter in Richtung "Die Zahlen müssen Stimmen". Wie ist egal. Wie es den Mitarbeitern geht ebenfalls. Es wird hinterhältig nachgefragt, spioniert und immer nach etwas gesucht das man dann "In der Hand" hat.
Arbeitsbedingungen
Die Technik ist veraltet. Das ist aber nicht relevant. Sie tut ihren Zweck. Es werden an allem außerhalb der eigentlichen Filialarbeit Modernisierungsmaßnahmen vorgenommen. Filialen werden optisch modernisiert, an der Technik und allem hinter den Kulissen wird aber nur wenig getan.
Ja - es gibt Ansätze. Doch es wird noch einige Jahre dauern bis diese wirklich Früchte tragen. Diese Ansätze sind zum jetzigen Zeitpunkt mehr Belastung als Hilfe. Es ist zusätzlicher Zeitaufwand nötig um diese Ansätze umzusetzen. Und aufgrund von begrenzten Technischen Mitteln sowie durch knappe Mitarbeiter Planung, gestaltet sich diese Umsetzung als schwierig.
Kommunikation
Beim Thema Kommunikation muss man ganz klar differenzieren. Es gibt klare Kommunikations Kanäle. Diese funktionieren auch wenn man sie wahrnimmt. Das Problem ist das diese sich nur auf direkt arbeitsrelevante Themen beziehen.
Ein Mitarbeiter im Verkauf wird niemals erfahren warum Entscheidungen in höchster Instanz gefällt werden. Und ich persönlich empfinde das als gigantischen Fehler. Natürlich kann man argumentieren das diese Informationen für einen Mitarbeiter an der Basis nicht relevant sind. Doch das ist in meinen Augen ein Trugschluss.
Wenn wir an der Filialbasis durch sehr enge Schichtbesetzung regelrecht bluten müssen, wäre es dann nicht im Interesse des Unternehmens das wir erfahren warum? Oder soll hier bewusst gemutmaßt werden?
Warum müssen wir an einem Dienstag einen Morgen mit 2 (!) Leuten Meistern? Geht es dem Unternehmen finanziell so schlecht? Geht das eingesparte Geld in die Filialentwicklung? In die Erschließung neuer Märkte? Den Ausbau in den USA? In den nächsten Sportwagen der Unternehmensführung?
Hier würde ich mir deutlich mehr Transparenz wünschen. Es ist eine verpasste Chance alle mit ins Boot zu holen.
Gleichberechtigung
Hier kann ich mich vielen Vorrednern nicht anschließen. Bei Aldi ist jeder gleich. Geschlecht, Religion oder Abstammung spielen keine Rolle.
Das Gehalt und die Aufstiegschancen sind für alle gleich. Genauso wie die Behandlung. Das dies in Ausnahmefällen nicht so zu sein scheint, ist beunruhigend und Schade. Das sollte in jedem Fall direkt zur Sprache gebracht werden.
Einzige Ausnahme liefern hier die älteren Kolleginnen und Kollegen.
Interessante Aufgaben
Es ist der Einzelhandel. Die Aufgabenvielfalt ist also von Natur aus limitiert. Doch als jemand der schon in verschiedenen Betrieben tätig war, kann ich sagen das die Arbeit bei Aldi die mit Abstand vielfältigste ist.

