Hohe Verantwortung und schlechte Bedingungen
Gut am Arbeitgeber finde ich
Remote-Arbeit und EU-weite Flexibilität sind gut – und ehrlich gesagt das Einzige, womit hier geworben werden kann. Das weiß der Arbeitgeber auch. Gäbe es im Remote-Bereich der Psychologie bessere Arbeitsbedingungen, würde sich niemand dauerhaft so behandeln lassen. Was das Ganze erträglich macht, sind die Kolleginnen: sehr nett, unterstützend und menschlich. Ohne sie wäre es kaum auszuhalten.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Die Bezahlung ist extrem schlecht, vor allem im Vergleich zu allen anderen Rollen bei krisenchat, die nicht direkt Beratung machen. Während strategische, organisatorische oder projektbezogene Stellen deutlich besser vergütet werden, bekommen Counselor mit Masterabschluss 20 € pro Stunde. Das ist schlicht frech, gemessen an Verantwortung, emotionaler Belastung und Qualifikation.
Die Arbeitsbedingungen sind hart. Abend-, Nacht- und Wochenendschichten sind Standard, eine angemessene Zuschlagsregelung (außer 25% ab 23 Uhr und 50% sonntags) gibt es noch nicht. Die angebliche Flexibilität existiert faktisch kaum, da die Rahmenbedingungen komplett vorgegeben sind. Selbst die „flexiblen“ Schichten sind irgendwann nicht mehr flexibel, weil man sie nach dem Bedarf des Arbeitgebers planen soll und nicht nach dem eigenen. Benefits sind praktisch nicht vorhanden. Eine 40-€-Sachzulage, ein minimaler Technikzuschlag, der real nichts abdeckt, und ein sehr kleiner Bonus, wenn man an Feiertagen rund um Weihnachten arbeitet, das war’s. Vertragssicherheit gibt es ebenfalls nicht. Selbst Verträge, die seit über drei Jahren bestehen, werden gekündigt. Aufstiegschancen sind quasi nicht existent. Midlevel-Counselor-Stellen gab es in der gesamten Geschichte von krisenchat vielleicht ein- oder zweimal. Die meisten bleiben Junior, bis ihre Projekte enden, unabhängig von Erfahrung oder Engagement. Unterm Strich: hohe Anforderungen, hohe emotionale Belastung, null Perspektive, schlechte Bezahlung.
Verbesserungsvorschläge
Es braucht endlich gerechte und transparente Gehälter für die eigentliche Kernarbeit von krisenchat: die Beratung von Kindern und Jugendlichen. 20 € pro Stunde für Psycholog:innen mit Masterabschluss sind nicht mehr zeitgemäß. Dieses Gehalt liegt inzwischen sogar im Bereich von Werkstudententätigkeiten. Verantwortung, emotionale Belastung und fachliche Anforderungen werden damit in keiner Weise abgebildet.
Problematisch ist außerdem das propagierte Prinzip „Bei uns zählt nicht die formale Qualifikation, sondern die Erfahrung“. In der Praxis führt das dazu, dass Personen mit viel interner Erfahrung bei krisenchat in seniornahen Positionen deutlich besser bezahlt werden als Kolleg:innen mit mehreren Jahren externer Berufserfahrung, fundierter klinischer Praxis und höherer fachlicher Qualifikation. Das ist weder fair noch fachlich sinnvoll und demotivierend für qualifizierte Mitarbeitende.
Gleichzeitig werden Stellen mit projekt-, strategie- oder managementlastigem Fokus sehr hoch vergütet. Die Arbeit von krisenchat besteht im Kern aus psychosozialer Beratung und alles andere ist unterstützend. Wenn beratende Fachkräfte strukturell schlechter gestellt werden als nicht-beratende Rollen, sendet das ein klares, aber problematisches Signal über Wertschätzung und Prioritäten.
Die implizite Haltung, Beratungskräfte seien leicht ersetzbar, schadet dem Projekt langfristig. Gute Beratung lebt von Erfahrung, Beziehungskompetenz, fachlicher Sicherheit und Kontinuität. Wer diese Arbeit austauschbar behandelt, verliert genau die Menschen, die Qualität, Stabilität und Vertrauen sichern.
Langfristig würde krisenchat davon profitieren, Beratung als das anzuerkennen, was sie ist: die tragende Säule der Organisation und sie entsprechend zu bezahlen, abzusichern und weiterzuentwickeln