Gut am Arbeitgeber finde ich
Dass ich hier über viele Jahre mit wirklich tollen Kolleg:innen für ein damals super Unternehmen arbeiten durfte, Menschen kennenlernen konnte, die heute Freunde geworden sind, unglaublich viel gelernt und eine prägende Station in meinem bisherigen Berufsleben erleben durfte. Dieser Eindruck bleibt, auch wenn das Ende wirklich unschön war.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Habe ich zu genüge beschrieben. Ich hatte noch gehofft, dass man nach der ersten Kündigungswelle im Mai wenigstens ein klein bisschen was gelernt hat - aber das Gegenteil ist der Fall. Vergangene Woche wurde alles genauso durchgezogen wie vor gut einem halben Jahr.
Das Ding ist durch, ich würde keinen Cent der Welt mehr drauf wetten, dass die Strategie des aktuellen Managements - welche das auch immer sein mag - aufgeht und der Laden nochmal gedreht werden kann. Schade.
Verbesserungsvorschläge
Ich wüsste leider nicht, was ich in der aktuellen Situation noch an Verbesserungsvorschlägen vorbringen sollte. Der Drops ist gelutscht.
Es ist unstrittig, dass auch schon in den vergangenen fetten Jahren, sagen wir mal von 2015-19, im Management verschlafen wurde, die Weichen für eine nachhaltig erfolgreiche Zukunft zu stellen.
Aber warum auch? Kurz- und mittelfristig lief natürlich alles Bombe. Dank sehr verbraucherunfreundlicher Vertragsklauseln waren die Umsätze in den Dating-Apps top, es gab Geld für alles und insbesondere das damalige Management hat sich die Taschen mehr als voll gemacht. Aber spätestens mit dem Kauf von The Meet Group unter Corona-Bedingungen im September 2020 ist eine komplett falsche Richtung eingeschlagen worden.
Bis heute hat der allergrößte Teil der (v.a. deutschen) Mitarbeitenden nicht verstanden, warum man dieses Unternehmen mit seinen äußerst fragwürdigen Video-Apps jemals gekauft hat. Und wie man jemals glauben konnte, die ParshipMeet Group gewinnbringend an die Börse zu bringen. Wenn nicht mal die eigenen Leute kapieren, was man nun auf einmal für ein Unternehmen sein soll, das einerseits für glückliche und gesunde Beziehungen, andererseits für absolut sinnloses Geld-in-Video-Apps-Versenken steht - wie soll es dann an der Börse Erfolg haben?
Das kurze Corona-High mit guten Umsätzen hat den Verantwortlichen im Management offensichtlich ein bisschen zu sehr den Blick vernebelt. Danach ging es stetig bergab und viele ungünstige Entwicklungen treffen das Unternehmen nun umso härter:
- Dass jahrelang keine Zeit und kein Geld für nachhaltig sinnvolle Produkt-Weiterentwicklungen war, weil man ein Unternehmen nach dem anderen kaufen und integrieren musste
- Dass der gesamte Dating-Markt darunter leidet, dass junge Generationen sich mehr und mehr vom Online-Dating abwenden, weil sie dort nicht finden, was sie suchen, sondern nur monetär ausgepresst werden und ihre Zeit verschwenden
- Dass verbraucherunfreundliche Klauseln in Verträgen sukzessive verboten wurden
- Dass Werbekampagnen OOH und insbesondere im TV beim Mehrheitseigner ProSiebenSat.1 nicht mehr annähernd so erfolgreich sind wie noch vor 10 Jahren, weil niemand unter 60 Jahren mehr lineares TV guckt
All das hat sich schon früh abgezeichnet, aber solange man noch dick abcashen kann und die Hütte noch nicht komplett in Flammen steht, macht man natürlich erstmal den gewohnten Stiefel weiter.
Somit war es eine Frage der Zeit, dass umgesteuert werden muss. Und auch, dass Leute gehen müssen.
Diese sicherlich undankbare Aufgabe umzusetzen fällt nun seit März dem neuen CEO zu, der den Laden ordentlich auf links zieht. Klar, das muss er, das wird sein Auftrag von ProSiebenSat.1 sein - es muss irgendwie ein Käufer für die Bude gefunden werden. Trotzdem ist der aktuelle Umgang mit Mitarbeitenden und Ehemaligen absolut unterirdisch. Die Kündigungswellen als amerikanisch zu beschreiben, ist noch ziemlich geschönt. Auch beim Shareholder in München müssen Stellen abgebaut werden, da kennt man sich mit Kündigungen aus. Aber sogar dort schüttelt man den Kopf über die Unmenschlichkeit in Hamburg.
Die absolut unfähige und unempathische CHRO hat daran maßgeblich Anteil. Wer frisch gekündigten Ex-Kolleg:innen bei der Technikabgabe vorjammert, wie schlimm der Kündigungstag für einen selbst war (während man ja immer noch warm und trocken im Einzelbüro sitzt und sich keinen neuen Job suchen muss), der hat wirklich den Schuss nicht gehört. Eine menschlich wie fachlich komplette Fehlbesetzung erster Güte bekleidet da den Posten der obersten Personalverantwortlichen.
Ich bin mir wie gesagt völlig im Klaren darüber, dass unangenehme Entscheidungen getroffen werden mussten. Aber die Art und Weise, wie das bei der ParshipMeet Group passiert ist, ist wirklich beispiellos. Ich glaube nicht, dass das Unternehmen in den kommenden drei Jahren noch so bestehen wird.
Ich würde niemandem raten, der aktuell auf Jobsuche ist, sich aktuell bei dem Unternehmen zu bewerben. Wer noch dabei ist und zu den langjährigen Mitarbeitenden zählt, sollte sich gut überlegen, ob man sich mit ein paar weiteren Monaten Zähne zusammenbeißen irgendwie durchkämpfen kann - um dann auch auf eine Kündigung durch den Arbeitgeber und vielleicht eine halbwegs okaye Abfindung zu hoffen. Alle anderen sollten wohl über kurz oder lang zusehen, dass sie sich einen neuen Job suchen.
Arbeitsatmosphäre
Nach der mittlerweile 2. Entlassungswelle im Jahr 2025 ist die Stimmung nach allem, was ich wahrnehme, absolut im Keller angekommen und das Vertrauen der allermeisten Mitarbeitenden ins (neue) Management praktisch nicht mehr vorhanden.
Image
War in der Vergangenheit sicherlich mal gut, aber vermutlich spricht es sich langsam herum, dass man aktuell unter keinen Umständen mehr zu Parship gehen sollte.
Work-Life-Balance
Kommt auf den Bereich an - einige Teams ersticken in Arbeit und Chaos (was nicht verwunderlich ist, wenn man zig Leute von jetzt auf gleich rauswirft und es keinerlei Übergaben gibt). Andere freuen sich darüber, in der aktuellen Situation unterm Radar zu fliegen und sich in den rauchenden Ruinen zumindest nicht überarbeiten zu müssen.
In der Vergangenheit war der Workload eigentlich für die meisten Teams bis auf ab und zu projektbedingte Spitzen ok. Nur Mitarbeitende aus den Finance-Teams saßen und sitzen regelmäßig bei Monats- und Jahresabschlüssen bis spät in die Nacht am Rechner (natürlich ohne ein Danke oder irgendeine Form von Wertschätzung durch die Vorgesetzten - Überstunden dürfen zudem nur noch beim Jahresabschluss aufgeschrieben werden). Zeiterfassung ist selbstverständlich kein Thema, es herrscht schließlich Vertrauensarbeitszeit.
Karriere/Weiterbildung
Unterschiedlich - im Engineering war nach meiner Wahrnehmung immer noch am meisten möglich, was den Besuch von Konferenzen und Co. anging. In anderen Bereichen war es in den vergangenen Jahr kein Thema mehr, irgendwas in die Richtung zu machen. Aber wenn man selbst hart für etwas gepusht hat, hatte man vielleicht auch mal Glück.
Gehalt/Benefits
Es war immer ein offenes Geheimnis, dass Parship auf den allermeisten Stellen nicht das beste Gehalt zahlt, man aber im Gegenzug eine tolle Kultur mit wirklich großartigen Kollegen in einem Unternehmen mit sinnvoller Mission bekommt.
Das hat sich nun spätestens seit Mai 2025 radikal geändert. Einige wenige, die sich mit den Vorgesetzten, HR und C-Level gut gestellt haben, haben von den Kündigungswellen profitiert und sich neue Jobs geangelt (trotz manchmal mindestens fragwürdiger Qualifikation). Andere gucken in die Röhre - wer sich nicht mit den "richtigen" Leute vernetzt, wird hingehalten und vertröstet.
Zuletzt bekam man auf die Frage nach Weiterentwicklung (sowohl inhaltlich wie monetär) gebetsmühlenartig zu hören, dass man sich ja auch gern nach etwas anderem umschauen kann, wenn man unzufrieden sei - aber der Markt sei ja auch grad nicht wirklich gut... Tja.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Teils vorhanden, rudimentäre Mülltrennung und Co. - aber ein richtiger Fokus ist nicht auf dem Thema.
Kollegenzusammenhalt
Vermutlich das einzige, was dieser Tage noch halbwegs in Ordnung ist - zumindest auf den unteren Ebenen. In der aktuellen Situation die von sehr viel Unsicherheit und Chaos geprägt ist, hält man natürlich so gut es geht zusammen.
Umgang mit älteren Kollegen
Ein paar sind tatsächlich noch übrig geblieben, mit denen wird und wurde m.E. nicht anders umgegangen als mit Jüngeren.
Vorgesetztenverhalten
In der Vergangenheit durchmischt, es gab richtig tolle Vorgesetzte, fachlich wie menschliche, aber auch weniger qualifzierte. Es setzte sich leider erst langsam die Erkenntnis durch, dass man Karriereaufstieg nicht zwingend an Führungsaufgaben koppeln sollte, weil nicht jeder führen möchte und kann.
Heute ist es, was die oberste Ebene angeht, wenigstens schwierig. Die neue, sehr verschworene Führungsclique findet sich in jedem Fall toll, pickt sich die Rosinen in Sachen Aufgaben und Titel raus, erhöht sich die Gehälter, geht Kaffee trinken und fährt zusammen in den Urlaub.
Arbeitsbedingungen
In Hamburg schönes und modernes Office mit Shared Desk und ehemals (dank Corona) sehr liberaler Homeoffice-Politik. Das ändert sich 2026, wenn 2 Office-Tage pro Woche zur Pflicht werden. Das (wirklich sehr gute) tägliche Frühstück allein hat wohl nicht den gewünschten Effekt gebracht.
Bislang keine Dog-Policy, die liegt seit Wochen und Monaten angeblich in der Schublade, kommt aber nicht zum Einsatz. Re-Orgs und Kündigungen waren offenbar erst einmal wichtiger.
Kommunikation
Kündigungsgespräche für langjährige Kollegen, die fünf, zehn, 15 oder mehr Jahre engagiert fürs Unternehmen tätig waren, werden in einer dürren Viertelstunde virtuell abgehalten. Im Gespräch wird mit einer Reduktion der Abfindung gedroht, falls man sich dazu entscheiden sollte, Klage zu erheben. Dann wird man von jetzt auf gleich aus allen Systemen geworfen und darf sich auch von Teamkollegen nicht verabschieden. Was soll man dazu noch sagen?
Naja, immerhin gab es ein Kündigungsgespräch - Kollegen aus den amerikanischen Büros hatten in der letzten Welle vergangene Woche offenbar nicht einmal das. Nach dem Company Meeting hatten sie einfach keinen Zugriff mehr auf Teams und Co. Das ist wohl jetzt die neue Kultur in einem Unternehmen, in dem es eigentlich um gute Beziehungen zwischen Menschen gehen soll.
Gleichberechtigung
Der neue CEO ist angeblich Fan von diversen Teams und hat tatsächlich verstärkt Frauen in Führungspositionen geholt - am liebsten natürlich alte Bekannte von Audible und Co.
Gleichzeitig hat man zuletzt aber auch in nicht unerheblichem Maße Teilzeit-arbeitende Mütter gekündigt. Da ist also unterm Strich noch etwas Luft nach oben.
Interessante Aufgaben
Im Engineering wurde jahrelang eine Plattformmigration nach der anderen durchgezogen, da war wenig bis kein Platz für Produktinnovation, die den Kunden zugute gekommen wären oder gegenüber dem Wettbewerb einen Vorsprung ermöglicht hätten.
Im Marketing gibt's seit Frühjahr 2025 keinerlei Budget mehr für große Kampagnen à la 11 Minuten, da ist auch nicht mehr so viel los.
Es geht jetzt nur noch um kurzfristiges Frisieren der Zahlen, damit Shareholder ProSieben (bei dem mittlerweile auch Berlusconi durchregiert und schnell Ergebnisse sehen will) den Laden möglichst schnell verkauft bekommt. Interessante Aufgaben sind somit eher rar gesäht.