Run. Just run. - Unterirdisches Management auf Hochglanz poliert.
Gut am Arbeitgeber finde ich
Das Gehalt ist sehr gut. Die Aufgaben können durchaus interessant sein und die Marke ist zweifellos stark. Wer sich mit interner Politik arrangieren kann, findet hier zudem gute Möglichkeiten, ein sehr ansehnliches Gehalt auf das Konto zu bekommen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Wo soll man anfangen?
Micromanagement, Machtspielchen und eine Unternehmenskultur, in der eine eigene Meinung ungefähr so willkommen ist wie ein Kündigungsschreiben auf dem Vorstandstisch.
Führungskräfte haben teilweise erschreckend wenig Ahnung von der Materie, dafür umso mehr Selbstbewusstsein. Fachkompetenz ist offenbar optional – politische Überlebensfähigkeit Pflicht. Wer unangenehme Fragen stellt oder Dinge kritisch hinterfragt, lernt schnell: Konformität wird belohnt, Widerspruch wird verwaltet.
Und das eigentlich Erstaunliche: Schlechte Führung scheint erstaunlich selten Konsequenzen zu haben. Wer Mitarbeiter verheizt, darf offenbar trotzdem weiterführen – Hauptsache, die eigene Position ist stabil. Verantwortung wird gerne nach unten delegiert, während man nach oben möglichst geräuschlos funktioniert.
Der eigene Vorgesetzte steht im Ernstfall nicht hinter dir, sondern vor allem dafür, dass sein eigener Kopf auf dem nächsten Hackklotz nicht landet. Wenn es brennt, wird nicht zuerst der Mitarbeiter geschützt, sondern die eigene Karriere. Rückgrat? Fehlanzeige. Offenbar wird es bei der Einstellung nicht mitgeliefert.
Reorganisationen gefühlt im Halbjahrestakt. Wer danach welche Position hat? Überraschungsei. Einfluss darauf? Fehlanzeige. Planungssicherheit? Ein Fremdwort.
Die Jahresendbewertung ist dann das nächste Highlight: Leistung zählt – zumindest theoretisch. Praktisch geht es offenbar vor allem darum, wer nächstes Jahr befördert werden soll und wer nicht. Du kannst dein bestes Jahr abliefern und trotzdem mittelmäßig bewertet werden, wenn du nicht zum richtigen inneren Kreis gehörst.
Denn bei Beförderungen entsteht teilweise der Eindruck, dass nicht zwingend derjenige vorne landet, der am meisten leistet, sondern gerne derjenige, der am besten ins politische Beziehungsgeflecht passt, sichtbar genug ist und die richtigen Menschen auf seiner Seite hat. Leistung ist wichtig – solange sie politisch ins gewünschte Narrativ passt.
Ziele werden teilweise so absurd hoch gesteckt, dass man sich fragt, ob sie tatsächlich erreicht werden sollen oder lediglich dazu dienen, im nächsten Jahr erklären zu können, warum man „noch besser werden muss“. Unerreichbare Ziele sind schließlich eine hervorragende Grundlage für mittelmäßige Bewertungen.
Und dann das Thema Führungskultur: Wenn Führungskräfte selbst am Limit sind, ihren Mitarbeitern erzählen, sie wüssten nicht mehr weiter, hätten in diesem Unternehmen bereits unzählige Male geweint und würden in nahezu jedem 1:1 mit dem eigenen Chef weinen – und das alles als „normal“ gilt, sollte man sich über den Zustand der Führungskultur vielleicht nicht mehr wundern. Nein. Das ist nicht normal. Das ist ein Alarmsignal mit Firmenlogo.
Trainees werden behandelt wie unternehmensinterne Laborzüchtungen: schön formen, schön normieren und bloß nicht zu viel Eigenständigkeit entwickeln. Kritisches Denken ist willkommen – sofern es in die richtige Richtung denkt.
Die interessanteste Leistung des Unternehmens ist allerdings, wie viele Menschen trotz allem bleiben. Das Gehalt ist eben gut. Sehr gut sogar. Offenbar gut genug, um politische Spielchen und inneren Überlebensmodus finanziell zu versüßen.
Corporate Stockholm-Syndrom mit Bonuszahlung.
Nach außen: Innovation, Transformation, Leadership.
Nach innen: „Rette dich selbst.“
Also Augen auf. Ohren auf. Und vor allem: Vertraue nicht automatisch jedem, der neben dir sitzt. In diesem Laden kann aus dem Kollegen von heute erstaunlich schnell der politische Gegner von morgen werden.
Kein Rückgrat. Keine echte psychologische Sicherheit. Viel Politik. Viel Fassade. Sehr gutes Geld.
Wer hier Karriere machen will, braucht weniger Rückgrat als Radar: Man muss vor allem wissen, aus welcher Richtung der nächste politische Wind weht.
Wer sich davon angesprochen fühlt: Bewerben.
Wer einen gesunden Menschenverstand hat: Run. Just run.
Verbesserungsvorschläge
Führung nicht nur nach oben, sondern auch nach unten verantworten. Weniger Micromanagement, weniger interne Politik und deutlich mehr echte Meinungsfreiheit.
Führungskräfte sollten an ihrer tatsächlichen Führungsleistung gemessen werden und nicht daran, wie gut sie sich selbst im Unternehmen positionieren.
Beförderungen müssen nachvollziehbar nach Leistung erfolgen – nicht nach Netzwerk, Sichtbarkeit oder persönlicher Nähe.
Und vielleicht nicht alle sechs Monate die Organisation neu würfeln.
Arbeitsatmosphäre
Nach außen Hochglanz, Transformation und Innovation. Intern politische Grabenkämpfe, Unsicherheit und ein ausgeprägtes „Rette dich selbst“-Gefühl.
Image
Nach außen starkes Image, intern entsteht teilweise eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und tatsächlicher Unternehmenskultur.
Work-Life-Balance
Hoher Druck, ambitionierte Ziele und permanente Veränderungen machen eine gesunde Balance nicht unbedingt einfacher. Wer hier arbeitet, sollte eine gewisse Stressresistenz mitbringen.
Karriere/Weiterbildung
Wer glaubt, dass gute Leistung automatisch zu Karriere führt, könnte eine unangenehme Überraschung erleben. Sichtbarkeit, Netzwerk und politische Anschlussfähigkeit scheinen teilweise mindestens genauso wichtig zu sein wie tatsächliche Performance. Dazu kommen regelmäßige Reorganisationen, bei denen die eigene berufliche Zukunft gerne mal zum Überraschungsei wird.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt ist sehr gut. Wirklich. Einer der wenigen Punkte, bei denen es wenig zu diskutieren gibt. Das Geld schmeckt – und vermutlich erklärt das einiges.
Kollegenzusammenhalt
Zusammenarbeit funktioniert, solange die Interessen übereinstimmen. In einem stark politisierten Umfeld sollte man durchaus darauf achten, wem man vertraut. Corporate Knives Out – nur eben mit PowerPoint statt Messern.
Vorgesetztenverhalten
Führung bedeutet hier teilweise zuerst Selbstschutz. Wenn es schwierig wird, steht der Vorgesetzte nicht unbedingt hinter seinem Mitarbeiter, sondern vor allem dafür, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Rückgrat scheint keine Einstellungsvoraussetzung zu sein.
Kommunikation
Eigene Meinung ist willkommen – solange sie die richtige ist. Kritische Fragen werden nicht unbedingt als Beitrag verstanden. Speak up – aber bitte innerhalb der vorgesehenen Leitplanken.
Gleichberechtigung
In der tatsächlichen Karriereentwicklung entsteht teilweise der Eindruck, dass nicht ausschließlich Leistung entscheidet, sondern auch, wer im richtigen Netzwerk sitzt.
Interessante Aufgaben
Inhaltlich können die Aufgaben durchaus interessant sein. Schade nur, wenn gute Aufgaben durch politische Prozesse und ständige organisatorische Veränderungen unnötig erschwert werden.

