Ernüchternde Erfahrung nach langjähriger Tätigkeit.
Gut am Arbeitgeber finde ich
Es ist schön, dass man viele verschiedene Menschen kennenlernt, das hat allerdings nichts mit dem Arbeitgeber zu tun, sondern an der Art des Jobs.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Nach mehreren Jahren der Mitarbeit in verschiedenen Destinationen mit unterschiedlichen Langzeit- und Kurzzeitteams sehe ich mich nun in der Lage, ein ehrliches und fundiertes Resümee zu ziehen. Die Außendarstellung des Unternehmens – geprägt von Sommer, Sonne und Teamgeist – steht leider in eklatantem Widerspruch zur Realität hinter den Kulissen.
Bereits der Kontakt mit den Mitarbeiterinnen im Büro war von Beginn an äußerst schwierig: unkoordiniert, unhöflich und in vielen Fällen schlichtweg respektlos. Eine offene Kommunikation oder gar wertschätzender Austausch war kaum möglich – Anliegen wurden ignoriert oder abschätzig kommentiert. Dieser Umgang zieht sich leider wie ein roter Faden auch durch das Verhältnis zur Außendienst-Belegschaft mit anderen Mitarbeitenden.
Die Arbeitsbedingungen vor Ort in der Saison sind – ohne Übertreibung – eine Zumutung. Die tägliche Einsatzzeit beläuft sich regelmäßig auf 16 bis 20 Stunden, ohne geregelte Pausen, ohne Ruhetage. Eine echte Entlastung gibt es nicht – und selbst eine einfache Bitte um einen freien Tag wird abgelehnt oder als mangelnde Belastbarkeit gewertet. Auf gesundheitliche Belange wird in keiner Weise Rücksicht genommen: Wer krank wird, wird dazu gedrängt, “sich nicht so anzustellen” und weiterzuarbeiten – unabhängig vom Zustand. Es wird damit gedroht, dass der Laden nicht läuft, wenn man ausfällt. Die Aufwandsentschädigung steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Einsatz.
Die Ausbildung für den jeweiligen Einsatzbereich ist ebenfalls höchst fragwürdig. Inhalte werden in überlangen Einheiten bis spät in die Nacht vermittelt, Schlafphasen von 2–5 Stunden sind die Norm. Eine individuelle Anreiseplanung wird nicht akzeptiert – Flexibilität ist einseitig erwartet, jedoch niemals gegeben. Auch hier dominieren Druck, Überforderung und eine ungesunde Arbeitsatmosphäre.
Das Leitungsteam agiert weitgehend von oben herab, Kritik wird abgewiegelt oder gar als Illoyalität gewertet. Besonders enttäuschend: Das psychologisch gut durchdachte System, mit dem neue Mitarbeitende durch Versprechungen von Teamgefühl, Spaß und Abenteuer gelockt werden – nur um sie während der Saison unter hohem Druck und ohne Unterstützung schlichtweg auszunutzen. Ein vorzeitiges Ausscheiden wird moralisch sanktioniert mit der Aussage, man habe sich schließlich “bewusst für den Job entschieden”.
Fazit: Trotz jahrelanger Loyalität und hohem persönlichen Einsatz muss ich feststellen, dass dieses Unternehmen seine Mitarbeitenden systematisch überfordert, nicht wertschätzt und gesundheitliche wie persönliche Grenzen ignoriert, beziehungsweise folglich damit droht, dass man die nächste Saison eventuell nicht eingesetzt wird. Wer sich für eine Tätigkeit im Ausland interessiert, sollte sich gut überlegen, ob er seine Kräfte und sein Engagement in ein Unternehmen investieren möchte, das langfristig mehr nimmt als gibt. Also: Überlegt euch gut, ob ihr wirklich für ruf Jugendreisen arbeiten wollt.
Übrigens: Mein erster Einsatz war 2016 und ich habe mehrere Jahre bis 2021 bei Ruf Jugendreisen gearbeitet. So viele Jahre bis heute sind auch nicht dazwischen, sodass ein ganzes Unternehmen und die Strukturen verändert werden.
Verbesserungsvorschläge
1. Kommunikationskultur verbessern
• Aufbau einer respektvollen, lösungsorientierten Kommunikation zwischen Büro und Außendienst
• Schulungen für das Büropersonal im Bereich wertschätzende Kommunikation und Konfliktmanagement
• Etablierung fester Ansprechpartner:innen mit klaren Zuständigkeiten für Außendienstmitarbeitende
2. Arbeitszeiten realistisch gestalten
• Einführung eines Arbeitszeitmodells mit klaren Obergrenzen und verpflichtenden Pausenzeiten
• Mindestens ein freier Tag pro Woche, um physische und psychische Erholung zu ermöglichen
• Faire und transparente Aufwandsentschädigung im Verhältnis zum tatsächlichen Arbeitseinsatz
3. Gesundheit ernst nehmen
• Klare Richtlinien zum Umgang mit Krankheit und gesundheitlichen Beschwerden
• Schulung des Leitungspersonals im Bereich Fürsorgepflicht und Gesundheitsschutz
• Aufbau eines vertrauensvollen Meldesystems für gesundheitliche Probleme ohne Angst vor Sanktionen
4. Ausbildung reformieren
• Realistische Zeitplanung der Ausbildungsinhalte mit ausreichenden Ruhephasen
• Verzicht auf Nachteinheiten zugunsten nachhaltiger Wissensvermittlung
• Flexible Regelungen für individuelle An- und Abreisen (z. B. bei Bahnstreiks oder persönlichen Gründen)
5. Führungskultur modernisieren
• Führung auf Augenhöhe statt von oben herab
• Konstruktiver Umgang mit Kritik und Feedback als Chance zur Weiterentwicklung
6. Rekrutierung und Erwartungsmanagement ehrlich gestalten
• Transparente Kommunikation der tatsächlichen Arbeitsbedingungen bereits im Bewerbungsprozess
• Aufrichtigkeit bei Versprechungen in Bezug auf Teamgefühl, Freizeit und Belastung
• Freiwilligkeit und Mitgestaltung auch während der Saison statt moralischem Druck
Psychische Gesundheit stärken
• Aufbau eines unterstützenden Systems, das mentale Belastungen ernst nimmt
• Angebote für Supervision oder Gesprächsmöglichkeiten bei Überforderung
Diese Maßnahmen würden nicht nur die Zufriedenheit und Gesundheit der Mitarbeitenden steigern, sondern langfristig auch die Qualität der Arbeit und das Image des Unternehmens verbessern.
