Erst nach dem Abschied wurde mir klar, was ich alles für normal gehalten hatte
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Mission hat mich überzeugt, die Aufgaben waren anspruchsvoll und ich bin mit viel Motivation gestartet. Es gibt interessante Themen und die Möglichkeit, früh Verantwortung zu übernehmen.
Mit Abstand betrachtet reicht eine gute Mission jedoch nicht aus, wenn die interne Kultur nicht dazu passt.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Mein Blick auf das Unternehmen hat sich erst nach meinem Ausscheiden grundlegend verändert.
Während ich dort war, hatte ich mich an Druck, Kontrolle und die Vorsicht im Umgang mit Kritik gewöhnt. Vieles erschien irgendwann einfach normal.
Mit Abstand bin ich heute eher erstaunt darüber, wie ich mich behandeln ließ und wie lange ich bestimmte Situationen akzeptiert habe.
Für mich lässt sich die Kultur deshalb auf einen einfachen Punkt reduzieren: Wer mitmacht, hat es leichter. Wer mitdenkt und widerspricht, braucht ein dickes Fell.
Und genau daran sollte man meiner Meinung nach eine Unternehmenskultur messen: nicht daran, wie sie mit Zustimmung umgeht, sondern mit Widerspruch.
Verbesserungsvorschläge
Ich hätte mir gewünscht, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitenden mehr Vertrauen entgegenbringt und sie weniger als Belastung oder Risiko betrachtet.
Menschen möchten sich einbringen, Verantwortung übernehmen und sich gemeinsam mit dem Unternehmen weiterentwickeln. Dafür braucht es Vertrauen, Wertschätzung und echten Gestaltungsspielraum. Wer Mitarbeitende dagegen vor allem kontrolliert und auf reine Umsetzung reduziert, darf sich nicht wundern, wenn Motivation und Eigeninitiative irgendwann verloren gehen.
Gute Führung sollte Potenzial fördern, nicht Menschen gefügig machen.
Arbeitsatmosphäre
Gegen Ende meiner Zeit dort war die Stimmung deutlich gekippt. Regelmäßig gingen Menschen oder mussten das Unternehmen verlassen – nach meiner Wahrnehmung zeitweise ein bis drei pro Monat.
Irgendwann verändert das ein Team. Gespräche werden vorsichtiger, Kritik seltener und die Frage „Wer ist als Nächstes dran?“ steht unausgesprochen im Raum.
Das Bemerkenswerte: Während ich noch dort war, habe ich gar nicht vollständig wahrgenommen, wie belastend das geworden war. Erst danach merkte ich, wie viel Anspannung ich als normalen Arbeitsalltag akzeptiert hatte.
Image
Nach außen modern, sozial und menschenorientiert. Mein Erleben hinter den Kulissen passte dazu nur bedingt.
Unternehmenskultur zeigt sich für mich nicht in LinkedIn-Posts oder Unternehmenswerten auf einer Website, sondern darin, wie mit Menschen umgegangen wird, wenn es unbequem wird.
Work-Life-Balance
Hoher Einsatz wird schnell zum Standard. Wer viel schafft, bekommt häufig noch mehr.
Ich habe lange gedacht, das sei eben der Preis eines dynamischen Unternehmens. Heute sehe ich das anders: Dauerhafte Überlastung ist keine besondere Form von Leistungsorientierung.
Karriere/Weiterbildung
Entwicklungsmöglichkeiten waren für mich schwer planbar. Gute Arbeit und fachliche Kompetenz allein schienen nicht immer entscheidend zu sein.
Wer vorankommen möchte, sollte nicht nur Leistung bringen, sondern offenbar auch gut in die gewünschte Richtung passen.
Gehalt/Benefits
Das Gesamtpaket konnte für mich die Belastung und fehlende Planungssicherheit nicht ausgleichen.
Auch bei Benefits fehlte mir manchmal der Blick dafür, dass Mitarbeitende unterschiedliche Bedürfnisse haben. Das Kaffee-/Milch-Beispiel ist klein, aber für mich rückblickend erstaunlich symptomatisch.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Soziale Verantwortung wird sichtbar nach außen getragen. Ich hätte mir gewünscht, dass dieselbe Aufmerksamkeit stärker nach innen gerichtet wird.
Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch, Menschen nicht dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze arbeiten zu lassen.
Kollegenzusammenhalt
Früher einer der stärksten Punkte, am Ende leider nicht mehr.
Zu viele gute Kolleginnen und Kollegen gingen innerhalb kurzer Zeit oder mussten gehen. Dadurch verschwanden Wissen, Stabilität und irgendwann auch ein Teil des Vertrauens.
Unter den verbliebenen Mitarbeitenden gab es weiterhin gegenseitige Unterstützung. Gleichzeitig sank die Moral spürbar. Wenn Menschen erleben, dass Widerspruch riskant sein kann, wird aus offenem Austausch irgendwann vorsichtiges Schweigen.
Umgang mit älteren Kollegen
Berufserfahrung hatte aus meiner Sicht nur begrenztes Gewicht, wenn die daraus resultierende Einschätzung nicht zur gewünschten Richtung passte.
Gerade erfahrene Mitarbeitende sollten aber nicht dafür eingestellt werden, bereits bestehende Meinungen lediglich zu bestätigen.
Vorgesetztenverhalten
Für mich der entscheidende Schwachpunkt.
Führung habe ich zunehmend als Kontrolle statt Vertrauen erlebt. Besonders schwierig wurde es, sobald man Entscheidungen ernsthaft hinterfragte oder zu einem anderen fachlichen Ergebnis kam.
Mein Eindruck war: Ist das Vertrauen einmal beschädigt, gibt es kaum einen Weg zurück. Das führt zu einem vorhersehbaren Verhalten. Menschen sagen irgendwann nicht mehr, was sie denken, sondern was möglichst wenig Probleme verursacht.
Erst nach meinem Ausscheiden wurde mir bewusst, wie ungesund ich diese Dynamik inzwischen fand.
Arbeitsbedingungen
Hoher Druck, wechselnde Prioritäten und große Erwartungen gehörten zum Alltag.
Engagement wurde gerne angenommen, persönliche Grenzen dagegen aus meiner Sicht weniger selbstverständlich respektiert. Ich habe selbst zu lange mitgemacht, bevor ich verstanden habe, dass permanente Belastung kein Normalzustand sein sollte.
Kommunikation
Informationen flossen überwiegend von oben nach unten. Was mir fehlte, war echter Dialog.
Wenn man vor einer kritischen Frage zunächst überlegen muss, ob sie einem später schaden könnte, hat die Kommunikation bereits ein grundlegendes Problem.
Gleichberechtigung
Nach außen wird eine offene und moderne Kultur vertreten. Intern habe ich unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse nicht immer als gleichwertig behandelt erlebt.
Gleichbehandlung bedeutet für mich nicht, davon auszugehen, dass alle Menschen dasselbe brauchen.
Interessante Aufgaben
Die Aufgaben können wirklich spannend sein. Das macht die Situation paradoxerweise schwieriger, weil viele Menschen gerade deshalb hochmotiviert starten.
Wer gerne umsetzt, schnell liefert und mit klaren Hierarchien zurechtkommt, kann hier durchaus seinen Platz finden.
Wer dagegen mitdenken, widersprechen und aufgrund seiner Expertise Einfluss nehmen möchte, sollte genauer hinschauen.