An Board der MS 22GRAD
Gut am Arbeitgeber finde ich
Neben einer unterirdischen Vergütung ist es schwierig hier noch etwas positives zu finden. Denn es gibt ja nicht mal Kuchen zwischendurch. Geschweige denn einen kostenlosen Obstkorb. Überlebensstrategie? Galgenhumor.
Außer vielleicht um die Erfahrung reicher zu sein, zu wissen „Das möchte ich nicht. Und das 100% Home-Office nicht gleich maximale Work-Life-Balance bedeutet.“, tue ich mich schwer, positive Worte zu finde.
Parley? Aussichtslos.
Rückzug ist hier der einzigst richtige Schachzug. Anker lichten, Segel setzen – Auf zu neuen Ufern.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
- unterirdische Gehälter - auch wenn es immer heißt „alles Verhandlungssache“. Ein faires Gehalt ist hier meilenweit nicht in Sicht
- unprofessionelle Kommunikation
- mangelnde Transparenz
- trotz 100% Remote, wenig Work-Life Balance
- sehr hohe Fluktuation (wundert einen allerdings nicht)
Verbesserungsvorschläge
Weiterbildungen dazu wie man sich als Führungskraft sich und sein Unternehmen nicht nur nach außen in Szene setzt, sondern auch nachhaltig für seine Mitarbeiter einen Mehrwert schafft. Die Bereitschaft zu zeigen, einen Arbeitsplatz schaffen zu wollen an dem sich jung, alt, schwarz, weiß, Männer und Frauen gleichermaßen wohl und sicher fühlen. Tatsächlich ein offenes Ohr haben und Vorschläge annehmen.
Arbeitsatmosphäre
Alle Mann (und Frauen) an Deck!
Schichten bis zu 10 Stunden sind hier keine Seltenheit und selbst nach solchen Tagen, absolut nicht machbaren Deadlines und einem Workload, der in einem so kleinen Team einfach nicht realisierbar ist, kommen gerne Fragen in einzelnen unvollständigen Aufgaben auf, wie „Warum ist hier nichts passiert?“ – weil es nicht geht! Das Deck steht schon unter Wasser. Wir können schöpfen, aber wenn das Leck nicht gestopft wird, gehen wir unter.
Image
Der Umgangston ist nach außen offen, locker, lustig. Wer hier neu anheuert bekommt im ersten Moment eine Crew, die zusammenhält und an einem Strang zieht, zu sehen. Natürlich hat man hier auch Spaß untereinander. Eine richtige Crew muss sich auf hoher See aufeinander verlassen können!
Aber Obacht! Ein lockerer Umgang ist nicht gleich ein respektvoller.
Eine reine digitale Kommunikation bürgt so ihre Tücken und muss definitiv von allen Seiten beherrscht und mit Sicherheit auch geschult werden.
Apropos „Kommunikation“ – oder wie nennt man es, wenn man durch den Austritt aus einer WhatsApp-Gruppe erfährt, dass ein Kollege das Schiff verlässt? Sind das die kurzen Kommunikationswege von denen alle sprechen? Oder ist das nicht schon das i-Tüpfelchen der maximalen Unprofessionalität? Frage für einen Freund.
Doch irgendwann bröckelt auch die beste Fassade.
Denn selbst ein Hilfeschrei am Rande der Verzweiflung wird mit Aussagen wie „Wir sind halt Dienstleister.“ abgetan – geht gar unter in der stürmischen See eines Agenturalltags dessen Team nach Unterstützung lechzt.
Work-Life-Balance
Der Begriff „Work-Life-Balance“ taumelt hier genauso, wie ein Seemann nach ein paar Bullen Rum.
„Home-Office“ – ja!
Freizeit – bedingt.
Wenn die MS 22GRAD Land erreicht.
Home-Office at it’s worst: Im Urlaub und/oder Krankheit erreichbar sein? Kein Problem - man ist ja schließlich auch zuhause wenn man krank ist und das Handy haben wir doch sowieso alle ständig in der Hand. Erreichbarkeit 24/7 – „Hey, Sorry für die Störung. Nur eine kurze Frage…“, Anrufe am frühen Morgen, Nachrichtenflut… Kein 9-to-5 sondern Get-the-Job-Done-Mentalität in schwierigster Form.
Wertgeschätzt wird diese Bereitschaft auf dem Papier jedoch nicht.
Karriere/Weiterbildung
(Interne) Weiterbildung? Heißt übersetzt: hier und da gerne ein YouTube Tutorial. Für wirkliche Schulungen und Weiterbildungen fehlt es an "Zeit" (und vielleicht auch an Bereitschaft finanziell tätig zu werden?). Denn wie gesagt: eigentlich ist jedes Team an Board der MS 22GRAD maßlos unterbesetzt.
Gehalt/Benefits
Als Wertschätzung gibt es ab und an ein „Danke, für deinen Einsatz“. Ob sich damit auch meine Rechnungen zahlen lassen? Diese Floskel gilt hier nämlich anscheinend als offizielles Zahlungsmittel.
Die faire und leistungsgerechte Bezahlung gleicht hier einem sagenumwobenem Mythos. Angeblich alles nur Verhandlungssache. Möchte man allerdings in eine Verhandlung gehen, wird auf die „aktuelle wirtschaftliche Lage hingewiesen“ und auf unbestimmte Zeit vertröstet.
Was allerdings keinerlei Verhandlungen benötigt sind Überstunden.
Überstunden werden hier nämlich nicht nur gerne gesehen, sondern auch aktiv eingefordert. Anders ist es letztendlich, wie gesagt, auch nicht machbar.
Der Ausgleich dieser Überstunden erfolgt jedoch unter erschwerten Bedingungen. Hier und da ggf. einen Tag oder stundenweise oder es ist gar nicht machbar, weil einfach zu viel zutun ist. Tage am Stück oder ein verlängertes Wochenende? Undenkbar. Warum? Maximale Unterbesetzung der einzelnen Abteilungen.
„Danke, für deinen Einsatz“ – das trocknet jedoch nicht die Tränen, die leider im Kollegium buchstäblich regelmäßig fließen.
Für Emotionen gibt es wohl keinen Platz an Deck eines Schiffes.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
In Sachen „Umwelt- und Sozialbewusstsein“ schmückt sich die MS 22GRAD auf den ersten Blick mit grünen Segeln – schließlich arbeitet die gesamte Crew zu 100 % im Home-Office. Kein tägliches Pendeln, keine Spritkosten, kein CO₂-Ausstoß durch den morgendlichen Berufsverkehr – das klingt erst mal wie ein ökologischer Kurs in die richtige Richtung. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich auch hier wieder eine andere Wahrheit: Das Einsparen von Ressourcen – auf Seiten des Unternehmens – geht einher mit einer stillschweigenden Verlagerung der Kosten auf die Crew. Strom, Heizung, Internet, Arbeitsplatz – all das wird klammheimlich ausgelagert und in die Hände der Mitarbeitenden gelegt, ohne auch nur eine goldene Dublone als Ausgleich. Umweltfreundlich, ja – aber nur, weil’s günstiger ist. Sozialbewusstsein? Eher Zweckoptimierung. Jeder einzelne trägt allein für sich die Belastung – finanziell, räumlich und emotional. Denn wann ist Feierabend, wenn die Arbeit eigentlich immer vor der Nase steht?
Kollegenzusammenhalt
Um unter dieser Last und einer gewissen Zeit auf hoher See nicht völlig den Verstand zu verlieren, gehen die Crewmitglieder untereinander ins Gespräch. Das ist der Zusammenhalt, den man in solcher ungewissen Gewässern benötigt. Das eigene Leid teilen. In der Hoffnung es wird weniger. Vergebens.
Sitzen wir alle noch im selben Boot oder ist es nicht eher das sinkende Schiff, welches auf Rettung hofft?
Aber wir sind füreinander da. Komme was wolle. Gehe, wer gehen möchte.
Umgang mit älteren Kollegen
Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass der raue Seegang nur die jüngere Besatzung trifft – nein, auch erfahrenen Matrosen, mit einigen Seemeilen auf dem Buckel, viel Erfahrung und der Einsatzbereitschaft das Unmögliche möglich zu machen, begegnet man hier nicht auf Augenhöhe. Alter, Berufserfahrung, Unternehmensloyalität? Alles nichtig.
Wer nicht immer 110% gibt und nicht tagtäglich in Höchstgeschwindigkeit mit rudert, wird schnell zum Treibgut erklärt. Wird nur mitgezogen und wird unter kryptischen Andeutungen als Belastung bezeichnet.
Vorgesetztenverhalten
„… schon bald selbst die Segel setzen, im On-Boarding schon Verantwortung übertragen bekommen, in Höchstgeschwindigkeit auf Kurs bleiben“, so liest es sich auf der Karriereseite. „Höchstgeschwindigkeit“ ist hier das Stichwort – alles nur eine andere Art und Weise zu sagen „keine Zeit für eine gründliche Einarbeitung, keine Zeit, Fehler machen zu dürfen und aus ihnen lernen zu können, keine Zeit für Kommunikation auf Augenhöhe, keine Zeit für lückenlose und eindeutige Briefings, keine Zeit, keine Zeit"
Und wenn diese Höchstgeschwindigkeit nicht dauerhaft gehalten werden kann, wird man hier ganz schnell Kiel geholt.
Cholerische Ausfälle, pampige, nutzlose Antworten und haltlose Vorwürfe gehören an Deck zum täglichen Umgangston.
Ein Drahtseilakt, ein Eiertanz – aufgebaut auf Angst und Schrecken.
Arbeitsbedingungen
"Mit uns kannst du 100% remote arbeiten und deinen Job theoretisch von überall aus erledigen. Ob vom heimischen Büro, auf der Terrasse oder an einem anderen Ort – du entscheidest, wo dein Büro ist!"
Ein ortsunabhängiges Arbeiten klingt natürlich nur dann nach Freiheit, wenn einem auch das nötige Arbeitsmaterial in Form eines mobilen Rechners zur Verfügung gestellt wird.
Wer sich an einen festen Arbeitsplatz binden muss, stellt schnell fest: von ergonomischen Standards fehlt jede Spur. Ein rückfreundlicher Stuhl, ein höhenverstellbarer Schreibtisch? Fehlanzeige.
Wer Rückenschmerzen vorbeugen möchte, muss tief in die eigene Schatzkiste greifen und selbst investieren.
Kommunikation
Feedback erfolgt zwar oberflächlich in beide Richtungen. Von unten nach oben jedoch nur auf mehrfacher Nachfrage und – so fühlt es sich an – zähneknirschend.
Diese offene Kommunikation und ein ehrliches Feedback aus der Crew, wird jedoch gern als persönlicher Angriff und/oder Erpressungsversuch gewertet. Ein vermeintlich kollektiver Gegenwind der hier in die gesetzten Segel bläst? Meuterei? Oder ist es nicht eher die Verzweiflung der Besatzung, die das Mutterschiff mit Ach und Krach auf Kurs halten will? Ein offenes Ohr und tatsächliche Handlungsbereitschaft sind leider nur leere Worte, die ein Gefühl von Offenheit vermitteln sollen – jedoch verlaufen auch diese immer wieder Sande.
Gleichberechtigung
Während man sich in den Logbüchern der Unternehmenswerte mit Diversität und Gleichberechtigung schmück: "Ob jung ob alt, ob schwarz ob weiß. Ob Mann oder Frauen. Wir machen keine Unterschiede[…]" ,
ist seit je her die Führungsebene fest männlicher Hand. Daher werden auch wichtige Entscheidungen in kleiner, vertrauter Männerrunde getroffen.
Selbst auf die sonst so gern genutzte "Quotenfrau" wird in der Führungsebene hier offensichtlich verzichtet.
Nicht umsonst stellt man beim zweiten Blick ins Logbuch mit Schrecken fest, dass in den vergangenen drei Jahren 13 Frauen (von 18 Ehemaligen insgesamt) die MS 22Grad verlassen haben. So viel zu der Diversity – wenn Frauen also nicht mal mehr an Board bleiben, geschweige denn die Kommandobrücke erreichen, stellt sich doch berechtigter Weise die Frage "Warum?"
Ist es der raue Umgangston, der in mancher Ohren nichts mehr als "Männerhumor" ist? Oder sind Frauen einfach nicht gemacht für die Seefahrt? Zu emotional? Zu instabil? Es wird lieber aussortiert, als Wunden zu vorsorgen. Lieber wird sich still und heimlich verabschiedet als wirkliches Interesse zu zeigen.
Interessante Aufgaben
Wie sollte es anders sein:
ein großes Thema der MS 22Grad sind natürlich Fische und Angeln in jeglicher Form. Wer das liebt, ist hier goldrichtig (im übertragenen Sinne).
Quasi der täglich Fisch. Ach ne. Das täglich Brot.