Ein Arbeitsplatz wie ein Survival‑Camp
Gut am Arbeitgeber finde ich
Im Winter war es warm, im Sommer kühl – zumindest, wenn die Klimaanlage Lust hatte zu funktionieren.
Stand Juni regnete es nicht ins Gebäude.
Insgesamt: Die Gebäudetechnik war gelegentlich zuverlässig. Man nimmt, was man kriegen kann.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Das Unternehmen besitzt enormes Potenzial, lässt es aber konsequent auf der Straße verhungern.
Statt Chancen zu nutzen, setzt man die Scheuklappen auf und versucht Probleme zu überfahren.
Ein deutlicher Mitarbeiterschwund löste in der Geschäftsführung keinerlei Nachdenken aus.
Insgesamt: Probleme werden ignoriert, Potenzial liegen gelassen – und die Mitarbeitenden dürfen zusehen, wie die Situation eskaliert.
Verbesserungsvorschläge
Ein kompromissloser Austausch der gesamten Führungsetage wäre der einfachste und wirksamste Schritt.
Danach sollten Menschen ans Ruder gelassen werden, die Ahnung von Menschenführung haben und soziale Kompetenz nicht nur buchstabieren können.
Insgesamt: Mit einer neuen Führung könnte man viele Probleme auf einen Schlag beseitigen.
Arbeitsatmosphäre
Die Atmosphäre war ein All‑Inclusive‑Erlebnis für alle, die Spannung mögen: Angst, Unsicherheit und die tägliche Frage, welche spontane Eingebung aus der Führungsetage heute wieder den Tag prägt.
Zwischen den normalen Kolleginnen und Kollegen war die Stimmung dagegen meist angenehm. Man hielt zusammen, weil man wusste, dass man sonst allein mit dem Chaos dastünde.
Die Führung wirkte oft wie ein Improvisationstheater ohne Probe: planlos, überfordert und mit einer Sozialkompetenz, die dringend ein Update gebraucht hätte.
Insgesamt: Kollegialität im Team ja – aber darüber schwebte permanent eine Wolke aus Unsicherheit.
Kommunikation
Kommunikation fand hier ungefähr so statt wie ein seltenes Naturphänomen: Man wusste, dass es existiert, aber gesehen hat man es kaum.
Offizielle Informationen? Fehlanzeige. Stattdessen gab es Meetings, die mehr an Gruppentherapie erinnerten – nur ohne Therapie und ohne Information.
Der eigentliche Informationsfluss lief über den Flurfunk, der erstaunlich zuverlässig alles aus der Führungsebene nach unten transportierte.
Wenn dann doch einmal echte Kommunikation stattfand, dann meist nach 23 Uhr und selten ohne alkoholische Mutverstärker.
Insgesamt: Kommunikation war ein Glücksspiel. Wer Klarheit wollte, brauchte gute Kontakte oder Geduld bis zur After‑Hour.
Kollegenzusammenhalt
Der Zusammenhalt unter den normalen Kolleginnen und Kollegen war oft das Einzige, was den Laden überhaupt am Laufen hielt.
Man unterstützte sich gegenseitig, teilte Wissen und baute damit ein Fundament, das stabiler war als alles, was jemals aus der Führungsetage kam.
Natürlich gab es auch die berühmte „Schreibtisch‑Untergruppe“: jene Personen, die so nah an der Chefetage klebten, dass man sich fragte, ob sie dort mietfrei wohnen.
Insgesamt: Die Kolleginnen und Kollegen waren das Licht im Tunnel – auch wenn der Tunnel selbst von oben gebaut wurde.
Work-Life-Balance
Der Arbeitstag war meist planbar – allerdings weniger wegen guter Organisation, sondern weil die Aufgaben so eintönig waren, dass man sie im Autopilot erledigen konnte.
Die flexible Kernarbeitszeit war ein Lichtblick: Private Termine ließen sich gut unterbringen.
Homeoffice gab es angeblich auch. In der Praxis hing es jedoch davon ab, welchen Status man im Unternehmen hatte. Manche durften, andere nicht einmal darüber sprechen.
In meinem Bereich war Homeoffice schlicht nicht möglich, da die Arbeit zwingend vor Ort stattfand.
Psychisch war das Ganze ein Abenteuer der unangenehmen Sorte: Das toxische Führungsgefüge sorgte zuverlässig dafür, dass selbst einfache Aufgaben schwerer wirkten, als sie waren.
Insgesamt: Eine Mischung aus Flexibilität, Langeweile und psychischer Belastung.
Vorgesetztenverhalten
Die Führungskräfte wirkten wie ein schlecht besetztes Improvisationstheater: viel Aktion, wenig Plan und keinerlei Skript.
Entscheidungen entstanden spontan, ohne erkennbare Strategie, und wurden anschließend so kommuniziert, als wären sie streng geheim – vermutlich, weil niemand erklären konnte, wie sie zustande kamen.
Sozialkompetenz war ein optionales Add‑on, das niemand gebucht hatte.
Besonders bemerkenswert war die Fähigkeit der Führung, psychische Belastung zuverlässig zu erzeugen – selbst dann, wenn die fachliche Arbeit eigentlich leicht war.
Insgesamt: Vorgesetztenverhalten war kein Führungsstil, sondern ein Experiment. Leider ohne Erfolgskontrolle.
Interessante Aufgaben
Wer hier auf spannende oder abwechslungsreiche Aufgaben gehofft hat, durfte diese Hoffnung direkt an der Eingangstür abgeben.
Die Tätigkeiten waren so eintönig, dass man sie problemlos im Autopilot erledigen konnte – und manchmal hatte man das Gefühl, genau das sei sogar erwünscht.
Kreative Aufgaben? Fehlanzeige. Anspruchsvolle Projekte? Nur in der Gerüchteküche.
Die Führung schaffte es zuverlässig, jede potenziell interessante Aufgabe so zu strukturieren, dass sie entweder überflüssig, banal oder komplett sinnfrei wurde.
Insgesamt: Interessante Aufgaben waren ein Mythos.
Gleichberechtigung
Gleichberechtigung war ein theoretisches Konzept, das irgendwo im Unternehmensleitbild stand, aber in der Praxis so konsequent umgesetzt wurde wie ein Neujahrsvorsatz im Februar.
Offiziell waren alle gleich – inoffiziell waren manche eben gleicher.
Umgang mit älteren Kollegen
Zum Umgang mit älteren Kolleginnen und Kollegen kann ich nichts Verlässliches sagen, da es in meinem Bereich keine entsprechenden Teammitglieder gab.
Insgesamt: Gleichberechtigung war mehr Anspruch als Realität.
Arbeitsbedingungen
Die Arbeitsbedingungen waren solide, wenn man nur die physische Umgebung betrachtet.
Die Arbeitsumgebung bot typische technische Arbeitsmittel und eine Geräuschkulisse, die manchmal mehr Persönlichkeit hatte als manche Führungskraft.
Die Aufgaben selbst waren oft eintönig und boten wenig Raum für Entwicklung.
Kombiniert mit einer toxischen Führungskultur fühlten sich die Arbeitsbedingungen manchmal weniger wie ein Arbeitsplatz und mehr wie ein Trainingslager für mentale Widerstandsfähigkeit an.
Insgesamt: Technisch okay, organisatorisch und psychisch herausfordernd.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Versprechungen wurden gerne gemacht – aber genauso zuverlässig nicht eingehalten.
Sobald man nachhakte, wurde man nicht ernst genommen, sondern kurzerhand zum Problem erklärt.
HR glänzte durch konsequentes Nicht‑Antworten: E‑Mails verschwanden, Nachrichten wurden ignoriert, und persönliche Begegnungen wirkten wie Ausweichmanöver.
Wer lange genug versuchte, berechtigte Anliegen zu klären, bekam als „Belohnung“ eine Einladung zur Weiterentwicklung: Konfliktmanagement, Feedback‑Training, das volle Programm.
Ironisch daran: Man selbst besuchte die Seminare, während die eigentlichen Verursacher weiterhin neue Konflikte erzeugten.
Besonders bezeichnend war, dass selbst einfache administrative Vorgänge – wie die korrekte Versteuerung des Dienstwagens – sich über Monate hinzogen. Und das war leider kein trauriger Einzelfall, sondern gelebter Standard. Prozesse, die anderswo Routine sind, wurden hier zu Geduldsproben, die jede Form von Professionalität vermissen ließen.
Insgesamt: Sozialbewusstsein war ein Marketingbegriff, kein gelebter Wert.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt war unterdurchschnittlich und spiegelte die tatsächliche Leistung nicht wider.
Lohnerhöhungen gab es zwar, aber oft nur im variablen Teil – also dort, wo man sie kaum merkt und wo sie jederzeit wieder verschwinden können.
Die seltenen festen Erhöhungen lagen meist bei unter 70 € netto.
Die Benefits waren eine kleine Reise durch die Unternehmenslogik:
Der Wasserspender war das zuverlässigste Benefit im ganzen Haus.
Der Firmenwagen war theoretisch ein Vorteil – praktisch aber nur, wenn man nicht mehr als 10 km Fahrtweg hatte.
Das JobRad war das einzige Angebot, das wirklich funktionierte.
Insgesamt: Unterdurchschnittlich, variabel statt real – und JobRad rettet den Tag.
Image
In der Hauptzentrale wirkte alles fantastisch: moderne Räume, professionelle Atmosphäre und ein Selbstbewusstsein, wie man es von einem börsenorientierten Unternehmen erwartet.
Man fühlte sich fast wie in einer Hochglanzbroschüre für Investoren.
Kommt man dann ins Systemhaus zurück, könnte man kaum glauben, dass es derselbe Laden ist.
Insgesamt: Stark inszeniert – im Alltag deutlich weniger glamourös.
Karriere/Weiterbildung
Wer am Existenzminimum leben möchte, keine Wertschätzung erwartet und sein Leben geradewegs an die Wand fahren will, ist hier karrieretechnisch richtig.
Entwicklungsmöglichkeiten gab es zwar auf dem Papier, aber in der Realität wirkten sie eher wie Warnhinweise.
Fachliche Weiterbildung? Nur, wenn man zufällig in die richtige Kategorie fiel oder lange genug Druck machte.
Besonders absurd wurde es, wenn man durch berechtigte Anliegen „unangenehm“ auffiel: Dann durfte man Seminare besuchen, die eigentlich für andere gedacht gewesen wären.
Insgesamt: Karriere war ein Hindernisparcours, der einen zuverlässig dort hielt, wo man war.


