Ungesunde Arbeitsumgebung durch hohen Wachstumsdruck, fehlende Strukturen und toleriertes Chaos
Gut am Arbeitgeber finde ich
chargecloud bietet aus meiner Sicht einige gute Rahmenbedingungen: 100% Remote Work, eine gute Ausstattung, ein gutes Gehalt, attraktive Benefits und grundsätzlich flexible Arbeitszeiten. Auch die E-Mobility-Branche und das komplexe Produkt fand ich fachlich interessant. Die Kolleg:innen waren für mich eindeutig eine der größten Stärken des Unternehmens. Ich habe viele herzliche, engagierte und fachlich starke Menschen kennengelernt. Umso bedauerlicher fand ich, wie stark die Arbeitsbedingungen und der Führungsstil der C-Suite dieses Potenzial beeinträchtigt haben.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Neue Mitarbeitende erhalten aus meiner Sicht sehr schnell ein hohes Maß an Verantwortung, ohne dass ihnen dafür die notwendige Einarbeitung, das Wissen oder ausreichende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Von neuen Mitarbeitenden wird erwartet, Probleme zu lösen, die teilweise seit Jahren bestehen.
In meinen ersten Wochen habe ich das Wort „Eskalation“ häufiger gehört als das Wort „Einarbeitung“. Eine strukturierte Einarbeitung habe ich letztlich nie erhalten. Besonders problematisch empfand ich den hohen operativen Druck von C-Level-Seite. Prioritäten und Deadlines wurden top-down vorgegeben, obwohl die ausführenden Teams den tatsächlichen Aufwand und die Abhängigkeiten am besten hätten einschätzen können. Im Fokus standen aus meiner Wahrnehmung vor allem kurzfristig sichtbare Deliverables. Zeit in interne Strukturen, Prozesse oder andere Grundlagen zu investieren, wurde aus meiner Wahrnehmung als nachrangig betrachtet und eher als etwas gesehen, das vom eigentlichen Outcome abhält.
Das Thema Ownership wurde bei chargecloud als wichtiger Bestandteil der Arbeitsweise vermittelt. Gleichzeitig erlebte ich häufig eine Diskrepanz zwischen Verantwortung und tatsächlichem Einfluss, ganz im Sinne von „Accountability without Authority“. Man war für das Ergebnis verantwortlich, konnte aber die Rahmenbedingungen dafür nicht selbst gestalten.
Die Kombination aus hohem Druck und enger operativer Steuerung habe ich als belastend erlebt. Es entstand für mich der Eindruck, dass Verantwortung nach unten gegeben, Entscheidungen und Kontrolle aber gleichzeitig stark auf C-Level-Ebene gehalten wurden. Dadurch entstand bei mir zunehmend das Gefühl, ständig rechtfertigen zu müssen, warum bestimmte Dinge nicht wie erwartet umgesetzt werden konnten, obwohl mir für die Umsetzung teilweise Informationen, Ressourcen oder Entscheidungsspielraum fehlten.
Verbesserungsvorschläge
chargecloud befindet sich in einer dynamischen Wachstumsphase. Aus meiner Sicht ist das allerdings keine ausreichende Erklärung für das Ausmaß an Chaos, wechselnden Prioritäten und fehlender Klarheit, die ich während meiner Zeit dort erlebt habe. Mein Eindruck war, dass zugunsten von Geschwindigkeit und sehr ambitionierten Wachstumszielen ein hohes Maß an organisatorischer Unklarheit und operativem Druck über längere Zeit in Kauf genommen wurde. Für mich waren die Mitarbeitenden diejenigen, die die Folgen dieser Strategie im Arbeitsalltag tragen mussten.
Arbeitsatmosphäre
Während meiner Zeit bei chargecloud habe ich die Arbeitsatmosphäre als zunehmend angespannt und belastend erlebt. Es gab aus meiner Wahrnehmung eine hohe Unzufriedenheit und Erschöpfung bei Mitarbeitenden. Gleichzeitig wurde nach außen und auch intern sehr stark positiv kommuniziert. Ich habe viel „Toxic Positivity“ seitens des Managements wahrgenommen: Druck wurde durch positives Reframing emotional abgefedert, aber nicht strukturell gelöst. Die Fluktuation habe ich während meiner Zeit bei chargecloud als auffällig hoch wahrgenommen.
Kommunikation
Die Kommunikation habe ich als stark top-down geprägt erlebt. Gerade bei Veränderungen und neuen Prioritäten fehlte mir oft die Transparenz darüber, welche Entscheidungen zu welchen Erwartungen führten und wie diese in der operativen Arbeit umgesetzt werden sollten.
Kollegenzusammenhalt
Einer der größten Pluspunkte des Unternehmens sind aus meiner Sicht die Mitarbeitenden. Ich habe viele sehr kompetente und engagierte Menschen kennengelernt. Der hohe Druck und die unklaren Zuständigkeiten haben die Zusammenarbeit zwischen den Teams allerdings aus meiner Sicht deutlich erschwert. Durch unklare Rollen und Verantwortlichkeiten wurden Aufgaben teilweise zwischen Teams hin- und hergeschoben oder weitergereicht. Nicht selten landeten diese Themen dann bei Personen oder Teams, die noch nicht lange im Unternehmen waren und entsprechend noch wenig Kontext, Produktwissen oder Standing hatten.
Work-Life-Balance
Auf dem Papier ist die Work-Life-Balance gut: Remote First und eine hohe zeitliche Flexibilität. In der Praxis wird diese Flexibilität allerdings relativiert, wenn deutlich mehr Arbeit anfällt, als innerhalb einer 40-Stunden-Woche realistisch zu bewältigen ist, und gleichzeitig Deadlines top-down vorgegeben werden. Zusätzliche Arbeitszeit wurde aus meiner Wahrnehmung nur dann als offizielle Überstunden behandelt, wenn sie vorher entsprechend genehmigt worden war.
Vorgesetztenverhalten
Meine direkte Führungskraft habe ich als kompetent und grundsätzlich sehr unterstützend erlebt. Das eigentliche Problem lag für mich weniger auf dieser Ebene als in der Kombination aus Druck und Micromanagement seitens der C-Suite, fehlenden Strukturen und unklaren Verantwortlichkeiten.
Eine einzelne Führungskraft kann diese Rahmenbedingungen nur begrenzt kompensieren. Auch eine gute Führungskraft kann Mitarbeitende nicht dauerhaft vor einem System schützen, in dem Verantwortung, Entscheidungsmacht und Ressourcen nicht zusammenpassen.
Arbeitsbedingungen
Die technischen Rahmenbedingungen wie Remote Work und Ausstattung sind gut. Die organisatorischen Arbeitsbedingungen habe ich dagegen als schwierig erlebt.
Besonders problematisch waren für mich die fehlende Einarbeitung, viele Abhängigkeiten, häufig wechselnden Prioritäten und der hohe Erwartungs- und Umsetzungsdruck. Nach meinem Eindruck hat sich das C-Level sehr viel mit operativen Themen beschäftigt und in deren Ausführung eingegriffen.
Aus meiner Wahrnehmung gab es auf C-Level-Ebene teilweise unterschiedliche Erwartungshaltungen und Interessenskonflikte. Die daraus entstehenden Unklarheiten mussten letztlich von den Mitarbeitenden in der täglichen Arbeit aufgefangen werden.
Image
Das externe Image von chargecloud unterscheidet sich aus meiner Sicht deutlich von meiner internen Wahrnehmung. Die Außendarstellung vermittelt ein sehr positives, nahbares und menschliches Bild des Unternehmens. Auf LinkedIn wird viel über Teamgeist, Wachstum, Wertschätzung und eine positive Unternehmenskultur kommuniziert. Für mich wirkte diese Außendarstellung teilweise stark inszeniert, weil sie sich nicht mit der internen Stimmung deckte, die ich während meiner Zeit bei chargecloud erlebt habe.

