Mikromanagement statt Wertschätzung
Gut am Arbeitgeber finde ich
Am besten: ganz klar die Discokugel! Für mich war sie das Leuchtfeuer der Wertschätzung – ein ultimativer Ausdruck moderner Unternehmenskultur. Wer braucht schon ein faires Gehaltsgefüge oder respektvolle Führung, wenn man stattdessen von glitzernden Reflexionen geblendet wird, die die Produktionshalle in eine Illusion von Party tauchen? Für mich blieb sie der wahre „Benefit der Superlative“ – vielleicht hat sich auch EY davon ein wenig blenden lassen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Wer viel leistet und lange dabei ist, wird hier eher daran erinnert, dass Bescheidenheit eine Tugend sei. Wahre Wertschätzung zeigt sich nicht im Gehalt – sondern, nun ja… worin eigentlich? Ach ja, in der allgegenwärtigen Discokugel, die für mich symbolisch über die Missstände hinwegblendet.
Verbesserungsvorschläge
Ein ehrlicher Blick in die alten Strategiedokumente könnte dem Unternehmen vielleicht helfen, wieder Kurs aufzunehmen – falls zwischen Kunstinstallationen und Preisverleihungen noch Zeit dafür bleibt. Meiner Wahrnehmung nach wäre Eile geboten, denn der angerichtete Schaden wirkt bereits erheblich. Wenn das so weitergeht, taugen die Strategiepapiere bald höchstens noch als Wanddekoration.
Arbeitsatmosphäre
„Mitarbeiter kommen wegen der Firma, bleiben wegen der Aufgabe und gehen wegen des Chefs“ – dieser Satz bekam für mich unter der aktuellen Führung neue Aktualität. Mikromanagement wurde mit missionarischem Eifer betrieben, Fachkompetenz wirkte eher wie ein verzichtbares Detail. Besonders prägend fand ich die Darstellung nach außen: Die Abwicklung der MARTIN GmbH wurde als „Erfolgsstory“ verkauft – für mich grotesk, denn zuerst verschwanden die Fachkräfte, danach wurden die Türen geschlossen. Verantwortungsübernahme durch die Führung? Für mich gleich null. Und bei Finetech wirkt es, als sei die Kopie dieses Drehbuchs längst in Arbeit.
Image
Aus Kundensicht dürfte das Image weiterhin solide wirken – 30 Jahre Aufbauarbeit verschwinden nicht über Nacht. Für mich fühlte es sich jedoch an, als würde Stück für Stück daran gesägt, und irgendwann wird auch dieser Glanz verblassen. Die Frage wie reden Mitarbeiter über die Firma, hängt stark vom Standpunkt ab: Die alten Hasen fanden kaum noch gute Worte, und bei den Neuen hatte ich eher den Eindruck, dass sie sich bald die eigenen Haare raufen werden.
Work-Life-Balance
Unter der neuen Führung hatte ich das Gefühl, dass der Leistungsgedanke tatsächlich etwas nachgelassen hat – was durchaus seine angenehmen Seiten hatte. Es gab neue Standards: 30 Tage Urlaub für fast alle. Wer vorher mehr hatte, wurde „der Fairness wegen“ nach unten angepasst. Auch die Überstundenregelung wirkte großzügig – allerdings nicht für alle, vermutlich aus denselben Fairnessgründen. Im Mitarbeitendenhandbuch hätte man Details nachlesen können, wenn es denn mal aktualisiert worden wäre. Beim mobilen Arbeiten zeigte sich die moderne Führung erstaunlich konservativ: zwei Tage pro Woche – vielleicht ist das ja innovativ, jetzt wo viele ohnehin zurückrudern.
Karriere/Weiterbildung
Die Weiterbildungsmöglichkeiten wirkten auf den ersten Blick tatsächlich erweitert – in der Praxis aber mit erstaunlichen Haken: Pflichtschulungen sollten teilweise in der Freizeit stattfinden, und selbst Mini-Kurse waren mit übertrieben langen Bindungsfristen versehen. Natürlich nicht für alle gleich – Transparenz schien für mich kein Anliegen der Führung. Die groß angekündigte Fachkarriere blieb zudem Stückwerk: viel PowerPoint-Reife, aber kaum gelebte Realität. Für mich ein Paradebeispiel von „gut gedacht, schlecht gemacht“.
Gehalt/Benefits
Die Gehaltslogik wirkte auf mich simpel: Wer sich gut verkaufen und als unersetzlich inszenieren konnte, bekam großzügig Gehalt. Langjährige Kollegen mit Erfahrung wurden dagegen eher auf das Mediangehalt der Arbeitsagentur verwiesen – Qualifikation und Loyalität hatten für mich sichtbar weniger Gewicht. Die gesetzliche Mindestvorsorge wurde zudem als „Benefit“ vermarktet – für mich so überzeugend wie der Hinweis auf „handgepflückte Äpfel“ im Supermarkt.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Für das Umweltgewissen war gesorgt: Eine Solaranlage auf dem Dach, ein paar steuerbegünstigte E-Autos im Fuhrpark – die richtige Kulisse fürs Image. Gleichzeitig brannte im sonnendurchfluteten Foyer dauerhaft das Licht - als Kunstinstallation. Ich habe erlebt, dass Mitarbeiter, die Strom sparen wollten, ermahnt wurden das Licht anzulassen. Für mich war das ein Sinnbild: Glanz vor Substanz, Kunst vor Klimaschutz. Immerhin – der Müll wurde ordentlich getrennt, das gibt zwei Sterne.
Kollegenzusammenhalt
Dieser Punkt bekam in der Vergangenheit immer viele Sterne, selbst wenn der Schreiber richtig frustriert war. Ich kann nur noch 2 Sterne geben, denn durch die unfaire Gehaltsstruktur baut sich ein ordentlicher Frust unter den Kollegen auf, wenn der Senior Teamleiter weniger verdient, als der Junior Manager auch kein Wunder. Trotzdem - innerhalb des eigenen Bereichs ist der Zusammenhalt in der Regel stimmig. An den Abteilungsgrenzen offenbart sich jedoch das Chaos einer zweifelhaften Struktur: fehlende Prozesse oder unklare Zuständigkeiten führen regelmäßig zu Reibungsverlusten in den Abläufen.
Umgang mit älteren Kollegen
In meiner Zeit im Unternehmen hatte ich den Eindruck, dass Treue nicht unbedingt belohnt wurde. Während neue Kollegen mit attraktiven Gehältern einsteigen konnten, wirkte die Bezahlung langjähriger oder älterer Mitarbeiter im Vergleich eher wie ein Treue-Rabatt – allerdings nicht zu ihren Gunsten. Für mich fühlte es sich so an, als ob Erfahrung hier weniger wert war als ein frischer Arbeitsvertrag.
Vorgesetztenverhalten
Die Personalentscheidungen wirkten auf mich manchmal nach eigener Logik – neue Kollegen tauchten plötzlich auf, ohne dass der direkte Vorgesetzte eingebunden schien, und mussten dann irgendwie beschäftigt werden. Besonders „kreativ“ fand ich die Praxis der Zielvereinbarung: Ziele, die kaum im eigenen Einfluss lagen, machten die Prämienzahlung zur reinen Glückssache – sofern sie nicht ohnehin kurzerhand gestrichen wurde.
Arbeitsbedingungen
Für mich wirkte das Ganze eher wie „Meine kleine Puppenstube“. Plötzlich stand eine Ski-Gondel im Eingang – warum auch immer, Wintersport hat mit Marzahn wenig zu tun. Danach wurden die Räume in Kunstgalerien verwandelt, und in der Fertigung thronte eine Discokugel über den Arbeitsplätzen – für mich ein glitzernder Ersatz für gestrichene Prämien. Auch die Besprechungsräume wurden so gestylt, dass ich mich fragte, ob konzentriertes Arbeiten noch gewünscht war oder ob es nur um „Vibe“ und „Interior Goals“ ging. Positiv empfand ich immerhin die halbwegs aktuellen Arbeitsgeräte und den modernen Eindruck des Gebäudes – das reicht für meine drei Sterne.
Kommunikation
Gerede gab es reichlich, nur Relevantes war selten dabei. Endlose Meetings ersetzten oft fehlende Sachkompetenz – nach dem Motto: „Wenn du mal nicht weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis.“ Ergebnis: Zu Bürozeiten waren Besprechungsräume rar, woraufhin man einfach noch mehr gebaut hat. Legendär waren die Mitarbeiterversammlungen, die meist mehr Fragezeichen in den Köpfen erzeugten als beseitigten – wohl auch, weil harte Wahrheiten so lange weichgespült wurden, bis sie zum Erfolg wurden. Wirklich funktioniert hat nur der Flurfunk – dafür gibt’s den einen verdienten Stern.
Gleichberechtigung
Die Förderung von Frauen in Führungspositionen funktioniert spürbar. Schade nur, dass bei Meinungen offenbar ein anderes Gleichgewicht gilt: Wer zu sehr abweicht, darf sich bei einem „Austauschspaziergang“ die passende Haltung erlaufen. Diese Spaziergänge werden gern so lange wiederholt, bis die Meinung erfolgreich "ausgetauscht" wurde.
Interessante Aufgaben
Bei aller Kritik – die Projekte waren für mich fast immer spannend, abwechslungsreich und herausfordernd. Vier Sterne dafür sind verdient. Gleichzeitig erlebte ich, dass ständig neue Projekte mit externen Beratern gestartet wurden – oft scheiterten diese genau an den Problemen, auf die Mitarbeiter schon vorher hingewiesen hatten. Für mich ein charmantes Detail am Rande. Geschmückt wurde sich dann mit einem Innovationspreis von EY – eine bemerkenswerte Auszeichnung, wenn man bedenkt, dass ich unter der neuen Führung seit Jahren keine echten Innovationen wahrgenommen habe. Dass ausgerechnet EY, die bei Wirecard nicht glänzten, diesen Preis vergibt, passte für mich ins Bild.
