Ich habe dem falschen CEO vertraut
Gut am Arbeitgeber finde ich
Der Recruiting-Prozess war einer der stärkeren Teile meiner Erfahrung. Das HR-Team habe ich als freundlich, professionell und entgegenkommend erlebt.
Auch viele Kolleginnen und Kollegen waren menschlich sehr angenehm und hilfsbereit.
Positiv fand ich außerdem die Offenheit gegenüber AI, Automatisierung und neuen Technologien. Das Unternehmen erlaubt grundsätzlich moderne Arbeitsweisen und bietet Flexibilität beim mobilen Arbeiten.
Genau deshalb ist es schade, dass die organisatorische und führungsseitige Erfahrung für mich so deutlich hinter diesen positiven Punkten zurückblieb.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Am negativsten fand ich die Kombination aus hohen Erwartungen, fehlender Führung und fehlender Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren.
Während meiner Probezeit erhielt ich kein konkretes negatives Feedbackgespräch, keine Warnung und keine klare Aussage, welche Punkte ich verbessern muss.
Trotzdem wurde die Beendigung meines Arbeitsverhältnisses später mit nicht erfüllten „Erwartungen“ begründet.
Für mich ist genau das der Kern des Problems: Erwartungen kann man nur erfüllen, wenn sie vorher klar formuliert wurden.
Hinzu kommt, dass mir vor meinem Einstieg vermittelt wurde, der CEO werde den Growth-Bereich selbst führen. In rund 50 Tagen hatte ich mit ihm jedoch kein einziges reguläres 1:1.
Dadurch entstand für mich eine Situation, in der ich zwar an den Erwartungen einer Führung gemessen wurde, diese Führung im täglichen Arbeitsalltag aber kaum erlebt habe.
Auch bei operativen Themen hatte ich teilweise den Eindruck, dass bestehende Fehler oder problematische Kampagnen nachträglich korrigiert werden durften, während bei mir innerhalb sehr kurzer Zeit ein endgültiges Urteil gefällt wurde.
Ich habe kein Problem damit, für eigene Fehler Verantwortung zu übernehmen. Problematisch finde ich, wenn Verantwortung eingefordert wird, ohne vorher Klarheit, Feedback und eine faire Gelegenheit zur Verbesserung zu geben.
Verbesserungsvorschläge
Vor allem sollte das Unternehmen bei Restrukturierungen nicht nur Organigramme verändern, sondern auch Führung tatsächlich neu aufsetzen.
Wenn eine Person einen Bereich offiziell übernimmt, braucht es regelmäßige 1:1s, klare Prioritäten und nachvollziehbare Verantwortlichkeiten. Eine Führungsrolle, die im Alltag kaum sichtbar ist, hilft weder dem Team noch dem Unternehmen.
Für neue Mitarbeiter sollten vor Arbeitsbeginn konkrete Probezeitziele definiert werden: Welche Ergebnisse werden nach 30, 60 und 90 Tagen erwartet? Welche KPIs gelten? Wer bewertet diese? Was passiert, wenn Ziele nicht erreicht werden?
Ebenso wichtig ist eine echte Feedbackkultur. Wenn Leistung nicht ausreicht, sollte das offen und frühzeitig kommuniziert werden. Erst am Ende zu sagen, dass „Erwartungen“ nicht erfüllt wurden, ohne diese vorher klar gemacht zu haben, schafft aus meiner Sicht unnötige Willkür.
Auch bei Growth-Maßnahmen würde ich empfehlen, weniger nach dem Prinzip „erst schnell umsetzen, später korrigieren“ zu arbeiten. Geschwindigkeit ist wichtig, aber sie ersetzt keine saubere Planung.
Und bei internationalen Neueinstellungen sollte stärker berücksichtigt werden, dass ein Jobwechsel oft mit Umzug, Wohnung und aufenthaltsrechtlicher Abhängigkeit verbunden ist.
Arbeitsatmosphäre
Mein Eindruck war, dass die Unternehmenskultur im Growth-Bereich stark von Unsicherheit und fehlender Klarheit geprägt war.
Kurz vor meinem Einstieg wurde die ursprüngliche Struktur verändert, das bisherige Marketing-Setup aufgelöst und Sales und Marketing unter „Growth“ zusammengeführt. Mir wurde im letzten Gespräch ausdrücklich vermittelt, dass der CEO diesen Bereich künftig selbst führen würde.
Während meiner rund 50 Tage im Unternehmen hatte ich jedoch kein einziges reguläres 1:1 mit ihm.
Für mich war genau das symptomatisch: Auf dem Papier gab es Verantwortung, in der täglichen Arbeit fehlte jedoch die entsprechende Führung.
Gerade nach einer größeren Restrukturierung hätte ich erwartet, dass Rollen, Erwartungen und Zuständigkeiten besonders klar geführt werden. Stattdessen musste ich vieles selbst herausfinden, während gleichzeitig sehr hohe Erwartungen an Ergebnisse bestanden.
Viele Kolleginnen und Kollegen waren persönlich sehr angenehm. Mein Problem war nicht das zwischenmenschliche Miteinander, sondern die fehlende Verlässlichkeit der Struktur darüber.
Gehalt/Benefits
Das Gehalt war grundsätzlich in Ordnung, und im Recruiting konnte ich ein für mich akzeptables Gesamtpaket inklusive Unterstützung beim Umzug verhandeln.
Was mir jedoch vollständig gefehlt hat, war eine nachvollziehbare Entwicklungsperspektive innerhalb der Rolle.
Es gab keine klaren Probezeitziele, keine definierten KPIs und keine strukturierte Rückmeldung dazu, wie meine Leistung beurteilt wird.
Wenn ein Mitarbeiter am Ende mit der Begründung entlassen wird, „Erwartungen“ nicht erfüllt zu haben, obwohl diese Erwartungen vorher nicht konkret und messbar formuliert wurden, ist das für mich kein sauberer Entwicklungsprozess.
Besonders schwer wiegt das, wenn man für die Stelle sein Leben in eine andere Stadt verlagert hat. Das unternehmerische Risiko einer Probezeit ist selbstverständlich – aber die Konsequenzen trägt am Ende vor allem der Mitarbeiter.
Arbeitsbedingungen
Die technischen Arbeitsbedingungen und die Flexibilität beim mobilen Arbeiten waren gut. Auch die Offenheit gegenüber AI und modernen Tools empfand ich als positiv.
Organisatorisch sah es für mich allerdings deutlich anders aus.
Ein großer Teil meines eigentlichen Onboardings fand erst ungefähr einen Monat nach meinem Einstieg statt. Gespräche darüber, wie andere Bereiche arbeiten und wer für welche Themen zuständig ist, kamen zu einem Zeitpunkt, an dem ich diese Informationen bereits seit Wochen für meine tägliche Arbeit gebraucht hätte.
Gerade in einer bereichsübergreifenden Rolle ist es problematisch, wenn man erst nach mehreren Wochen erfährt, wie die relevanten Schnittstellen im Unternehmen überhaupt funktionieren.
Gute Arbeitsmittel können ein fehlendes organisatorisches Fundament aus meiner Sicht nicht ersetzen.
Gleichberechtigung
In diesem Bereich habe ich persönlich keine negativen Erfahrungen gemacht. Der Umgang mit unterschiedlichen Hintergründen war aus meiner Sicht offen und respektvoll.
Meine Kritik am Unternehmen betrifft klar andere Bereiche.