Widersprüche, Kontrollverlust und Kulturverfall: Ein enttäuschender Wandel
Gut am Arbeitgeber finde ich
Flexible Home-Office-Regelung (vor den Entlassungen: nur 1 Tag pro Woche im Büro).
Gute technische Unterstützung (Smartphone, Computer, andere Geräte). Auch die Software ist im Allgemeinen gut.
Interne Webinare und Lernformate.
Möglichkeit zur Teilnahme an externen Kursen auf Firmenkosten – sofern im Team zeitlich möglich (in meinem Fall leider nicht).
Transparente finanzielle Berichte über Projekte.
Ein engagierter Betriebsrat, der die Interessen der Mitarbeitenden tatsächlich vertreten hat.
Einige Kolleg:innen waren hochkompetent, motiviert und professionell – Zusammenarbeit mit ihnen war eine der wenigen positiven Erfahrungen.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Entlassungen
Es gab eine Welle von Entlassungen. Die Gründe (fehlende Projekte) waren klar, aber die Auswahlkriterien wurden nicht kommuniziert. Es entstand der Eindruck, dass die Entscheidungen nach subjektiven oder oberflächlichen Kriterien und nicht auf der Grundlage der Leistung getroffen wurden.
Besonders besorgniserregend war der Eindruck, dass selbst neu eingestellte Mitarbeiter (weniger als 3 Monate) mit Visumspflicht gefährdet waren. Möglicherweise sogar Personen in besonders schutzwürdigen Lebenssituatione. Ob dies zutrifft, bleibt unklar, aber die völlige Intransparenz der Auswahlkriterien in Verbindung mit dem Schweigen des Unternehmens lässt Raum für derartige Bedenken. Es ist bezeichnend, wenn Arbeitnehmer gezwungen sind, sich zu fragen, ob die sozialen Schutzmechanismen überhaupt eingehalten werden
Es handelte sich nicht um strategische Kürzungen, sondern um reaktive Kostensenkungsmaßnahmen. Formal gab es interne Einstellungen, aber in der Praxis wurden externe Einstellungen bevorzugt. Mit vielen fähigen Mitarbeitern wurden keine ernsthaften Gespräche geführt.
Besonders zynisch: Monate später wurden identische Positionen günstiger neu ausgeschrieben – ein Recycling ohne Rücksicht auf Loyalität oder Leistung.
Ressourcenplanung und Personalversagen
In mehreren abhängigen Teams fielen Schlüsselpersonen gleichzeitig aus – etwa durch private Auszeiten oder Kündigungen. Es gab keine Vertretungen, keine Umstrukturierung, keine Kommunikation. Die verbleibenden Mitarbeitenden arbeiteten unter erheblicher Überlastung und Unsicherheit. Besonders zynisch: Gerade jene, die einsprangen und Prozesse aufrechterhielten, wurden später selbst gekündigt. In manchen Fällen wurden Senior-Stellen gestrichen, ihre Arbeit auf Junioren verteilt.
Ungleichverteilung von Engagement und Leistung
Es herrschte eine starke Ungleichheit in der Arbeitsethik:
– Einige arbeiteten am Wochenende oder machten regelmäßig Überstunden,
– Andere täuschten Aktivität vor – etwa durch wiederholt auftretende Krankschreibungen genau vor Projektabgaben oder Reportings,
– Dritte hielten sich strikt an Minimalzeiten und ignorierten den Zustand des Teams.
Diese Muster waren bekannt, wurden aber vom Management ignoriert. Es entstand ein Klima der Frustration, in dem Einsatzbereitschaft nicht anerkannt, sondern ausgenutzt wurde.
Fehlendes Aufgaben-Controlling
Aufgaben, die in Tagen lösbar waren, zogen sich wochenlang – erst externe Führung fragte nach dem Grund. Die Antwort: kein Controlling, keine Verantwortung.
In meiner technischen Abteilung gab es überhaupt keine strukturierte Dokumentation. Selbst die einfache Aufgabenverfolgung über Jira wurde normalerweise nicht genutzt. Die gesamte Kommunikation fand über private Teams-Chats statt - keine Nachverfolgung, keine Standardprozesse. Ich habe dieses Problem regelmäßig angesprochen, aber es blieb über ein Jahr lang ungelöst. Selbst Studentenprojekte arbeiten professioneller. Dies wäre ein Skandal für jedes Startup in der Anfangsphase.
Fragwürdige Rekrutierung
Äußerst frustrierend und zutiefst demütigend.
Es wurden Personen eingestellt, die nicht einmal über die grundlegendsten Qualifikationen verfügten, sich aber selbst als Spitzenkräfte inszenierten – nur weil sie eine auffällige Zeile im Lebenslauf hatten, sich durch eine Präsentation durchmogeln konnten oder die Ja-Sager-Haltung perfekt beherrschten. Niemand hat sie wirklich überprüft.
Dieses wahnhafte Selbstbewusstsein ging einher mit bizarr anmutendem Verhalten. Sie gaben anderen Anweisungen, während sie ihre eigenen Aufgaben nicht bewältigten, blähten triviale Tätigkeiten künstlich auf, logen in Berichten und erfanden angebliche Abstimmungen mit Stakeholdern, die nie stattgefunden hatten.
Diese Muster waren bekannt, wurden mehrfach angesprochen – und trotzdem systematisch geduldet. Wer ehrlich arbeitete, wurde doppelt bestraft: durch zusätzliche Last und die tägliche Konfrontation mit organisierter Inkompetenz. Das war kein Arbeitsplatz mehr – das war eine Parodie beruflicher Standards.
Kommunikation und Strategie
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren mindestens ein Jahr vorher in internen Reports erkennbar – doch es gab keine offene Diskussion über Pläne oder mögliche Folgen. Führungskräfte verschwanden still, neue gaben nur Allgemeinplätze wie „Wir überarbeiten die Strategie“ von sich. Teams wussten nicht, ob ihre Projekte zum Kern gehören, ob sie gefährdet sind. Selbst einfache Fragen zu Überstunden oder Projektstatus mussten über den Betriebsrat eskaliert werden – das Management verweigerte Verantwortung.
Besonders irritierend war der interne Widerspruch im Selbstbild: Die Firma wollte gleichzeitig „traditionelles Familienunternehmen“ und „internes Startup“ sein. Alle Mitarbeitenden sollten proaktiv Ideen entwickeln und Verantwortung übernehmen – aber ohne Entscheidungsbefugnis, Ressourcen oder Zeit. In der Realität war es eine klassische Hierarchie mit Überstunden, Intransparenz und fehlender Planbarkeit.
Verbesserungsvorschläge
Hören Sie auf, PR zu machen, ohne wirklich etwas zu tun („soziale Verantwortung“, „Innovation und KI“, „Klimaschutz“, politische Spielchen) und fangen sie wenigstens an, ihre direkten Aufgaben ordentlich zu erledigen. Fangen sie an, Verantwortung und Führung zu übernehmen. Und hören sie endlich auf zu lügen. Sie können nicht Monate später für dieselben Stellen rekrutieren, von denen sie gefeuert haben.
Es wäre auch eine gute Idee, die Leute auf der Grundlage ihrer Arbeit zu bewerten und jeden regelmäßig zu befragen, anstatt jeden im entscheidenden Moment zu entlassen.
Arbeitsatmosphäre
Die Kultur und Professionalität der Kollegen ist sehr unterschiedlich. Von motiviert bis toxisch alles erlebt. Motivation zerbricht an Frust.
Image
Außen kommunikativ stark – innen inkonsistent. Image als „soziales Familienunternehmen“ widerspricht gelebter Realität. Intern überwiegen Kontrollkultur, Unsicherheit und kurzfristige Denkweise.
Work-Life-Balance
Überwiegend Home-Office, klare Arbeitszeiten. In bestimmten Phasen kam es zu erheblicher Mehrbelastung
Karriere/Weiterbildung
Viele Vorschläge, aber nur wenige wirklich gute und praktische (und nicht nur zum Ankreuzen von Kästchen). Ein weiteres Problem ist, dass aufgrund der Arbeitsbelastung nicht jeder die Zeit dazu hat. Die Auswirkungen auf die Karriereentwicklung in der Praxis sind höchst fraglich.
Gehalt/Sozialleistungen
Die Vergütung lag unter dem Branchenschnitt – keine Anpassung, keine Perspektive. Sozialleistungen waren kaum der Rede wert. Home-Office war früher mit vier Tagen pro Woche ein zentraler Ausgleich – dann auf zwei reduziert. Mitarbeitende wurden bewusst in niedrigeren Gehaltsbändern gehalten, in Rollen unterqualifiziert eingesetzt, bis sie von selbst das Unternehmen verließen. Das war kein Zufall, sondern Kalkül.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
viel PR, aber die Kollegen sprachen über die Probleme.
Kollegenzusammenhalt
Hohe Spreizung zwischen Einsatzwilligen und Gleichgültigen. Viele Kollegen engagierten sich nur selektiv, solange es ihrem persönlichen Image oder Karrierepfaddiente. Echte Kooperation fand kaum statt – Probleme wurden ignoriert, solange sie nicht direkt dem eigenen Ruf schadeten. Dieses Verhalten blieb weitgehend folgenlos, da keine Kultur der Verantwortung etabliert war.
Vorgesetztenverhalten
Probleme und Konflikte werden ignoriert, häufige Abwesenheit oder Nichtverfügbarkeit. Führungspersonen waren oft physisch oder inhaltlich abwesend, reagierten mit Ausflüchten oder Schweigen. Verantwortung wurde abgeschoben, klare Entscheidungen vermieden. Statt Führung: Symbolhandlungen, wohlklingende Phrasen und ein Klima der Verantwortungslosigkeit.
Arbeitsbedingungen
neues und gutes Smartphone und Computer mit Optionen. Die Software ist gut. Nur einige Projekte hatten alte Lösungen und Architektur.
Kommunikation
Kommunikation war oft oberflächlich, verzögert oder schlicht unbrauchbar. Wesentliche Informationen wurden zu spät oder gar nicht geteilt, auch bei kritischen Fragen zur eigenen Rolle oder zur Zukunft des Teams. Viele direkte Nachfragen liefen ins Leere. Die HR-Abteilung war noch der professionellste Teil – der Rest wirkte überfordert, unkoordiniert oder gleichgültig.
Gleichberechtigung
Auf dem Papier ja – in Entscheidungen und Verhalten nicht immer sichtbar.
Aufgrund unklarer Entlassungskriterien, der Kontrolle von Überlastung oder umgekehrt geringer Produktivität sowie offener Daten - und erst recht der Diskussion über Entlassungen - ist dieser Punkt höchst fragwürdig.
Interessante Aufgaben
Manchmal interessant, aber zu viel Chaos, Probleme und unklare Prioritäten.
Ich wurde für eine Rolle eingestellt, deren tatsächlicher Zuschnitt weder klar definiert noch teamintern kommuniziert war. Das führte zu widersprüchlichen Erwartungen, chaotischen Abstimmungen und einem Verantwortungsvakuum – bekannt, aber ignoriert vom Management. Die strukturelle Konzeptlosigkeit und das Ausweichen vor Entscheidungen machten die Arbeit zunehmend entwürdigend.


