Gute Ansätze, aber Management überschätzt Skalierbarkeit
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Grundkultur ist fair und meist kollegial. Viele Mitarbeitende sind sehr engagiert und tragen das Unternehmen trotz der ständigen Veränderungen. Innovation und neue Ideen finden grundsätzlich Gehör.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Die größte Schwäche liegt im Missverhältnis zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität. Entscheidungen werden häufig top-down getroffen, ohne die Tragfähigkeit im Alltag mitzudenken. Geschwindigkeit steht über Reifegrad. Man erwartet, dass Teams jede Richtungsänderung sofort schultern unabhängig von Kapazitäten, Workload oder vorhandenen Strukturen.
Verbesserungsvorschläge
Die eigentliche Lücke liegt nicht in den Ideen, sondern in der Umsetzung. Statt ständig neue Initiativen oder Änderungen anzustoßen, müsste zuerst das stabilisiert werden, was bereits läuft. Führung sollte weniger ankündigen und mehr zu Ende bringen – mit Entscheidungen, die im Alltag auch tragfähig sind.
Arbeitsatmosphäre
Diese Bewertung ist eine Aktualisierung. Das Bild hat sich Ende 2024 spürbar verändert. Ich bin nun im Zuge der strategischen Neuausrichtung ausgeschieden – eine Folge der sehr ambitionierten, aber operativ nicht ausreichend abgesicherten Wachstumsentscheidungen.
Image
Nach außen wirkt das Unternehmen moderner und stabiler, als es intern tatsächlich ist. Viele der öffentlichen Botschaften spiegeln eher die Zielvorstellung als den aktuellen Zustand wider. Das zeigt sich zunehmend auch daran, dass Studierende mit der Service- und Betreuungssituation deutlich andere Erfahrungen machen als es das Marketing verspricht. Die Außendarstellung ist professionell und gut strukturiert, die Umsetzung kommt jedoch nicht im gleichen Tempo hinterher. Dadurch entsteht ein wachsender Abstand zwischen dem Bild, das kommuniziert wird, und der Realität im täglichen Kontakt mit den Nutzern.
Work-Life-Balance
Formal wird Flexibilität angeboten, faktisch herrscht eine sehr hohe Erwartung an Verfügbarkeit. Arbeitszeiten von deutlich über 10 Stunden pro Tag sind in vielen Phasen eher Regel als Ausnahme, oft auch am Wochenende, wenn „wichtige Termine“ angesetzt sind. Eine echte Zeiterfassung fehlt bis heute – nicht zufällig. Mit der Personalausstattung ist das Tempo schlicht nicht in einer normalen 9-to-5-Struktur zu schaffen. Die Erwartung ist dauerhaft deutlich über dem, was ein regulärer Arbeitstag hergeben kann.
Karriere/Weiterbildung
Weiterbildungsmöglichkeiten sind formal breit vorhanden (LMS, interne Trainings, einzelne Module). In der Praxis bleibt dafür jedoch oft kaum Zeit, weil operative Themen immer Vorrang haben. Durch die Umstrukturierungen wurden zudem viele Führungsrollen gestrichen oder zusammengelegt, wodurch der Pool an Entwicklungsmöglichkeiten deutlich kleiner geworden ist. Aufstiegschancen orientieren sich zunehmend am Lebenslauf statt an nachweisbarer Umsetzungskompetenz – mit klarer Tendenz zu Profilen aus großen Beratungen (insbesondere TOP-5). Entwicklung findet dadurch weniger über Leistung im Alltag statt, sondern stärker über formale Signalwirkung des CVs und das „richtige Profilbild“.
Gehalt/Benefits
Fixgehälter im Vertrieb sind nicht marktgerecht. Die Diskrepanz zwischen Anspruch, Arbeitsumfang und Bezahlung ist deutlich spürbar.
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Nach außen gibt es viele Signale in Richtung Nachhaltigkeit und „Purpose“, intern wirkt das jedoch häufig unausgereift oder nur teilweise gelebt. Einige Initiativen sind gut gemeint, bleiben aber eher symbolisch, weil sie nicht in die täglichen Abläufe übersetzt werden. Gleichzeitig funktioniert der soziale Aspekt im Miteinander deutlich besser als der ökologische Teil – die Kollegialität ist hoch, aber echte strukturelle Nachhaltigkeit ist noch nicht angekommen.
Kollegenzusammenhalt
Sehr gut. Die Teams halten einander den Rücken frei – oft mehr als die Organisation selbst.
Umgang mit älteren Kollegen
Auch auf Grund der Gehaltsstrukturen gibt es nicht sehr viele ältere Kollegen (abseits der vermutlich besserbezahlten Führungsrollen). Wenn es sie gibt, dann ist der Umgang tadellos.
Vorgesetztenverhalten
Die mittlere Ebene versucht vieles abzufedern, steht aber regelmäßig zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Auf höherer Ebene fehlt häufig operative Erfahrung. Strategie wird häufig vor Umsetzung priorisiert, wodurch Belastung dauerhaft bei den Teams landet.
Arbeitsbedingungen
Technische Grundlage solide, organisatorische Basis instabil. Prozesse werden schneller umgebaut, als sie greifen können.
Kommunikation
Häufig viel, aber selten belastbar. Es wird eher „früh“ als „fertig“ kommuniziert.
Gleichberechtigung
Im mittleren Bereich stark, weiter oben zunehmend Einheitsprofil aus Beratungshintergründen. Vielfalt an Perspektiven nimmt ab.
Interessante Aufgaben
Die Aufgaben an sich sind vielseitig und inhaltlich spannend, vor allem durch die Nähe zum Bildungssektor. Allerdings fehlt häufig die Kontinuität: Prioritäten ändern sich so schnell, dass man selten langfristig an einem Thema dranbleiben kann. Vieles wird begonnen, aber nicht zu Ende geführt. Dadurch entsteht Abwechslung eher aus ständigen Richtungswechseln als aus echter Weiterentwicklung. Am Ende bleibt oft wenig von der eigentlichen Aufgabe übrig, weil man mehr mit Nachsteuern als mit inhaltlicher Gestaltung beschäftigt ist.