Fassade top, Realität eher improvisiert
Gut am Arbeitgeber finde ich
Die Kollegen im Lager, ganz klar, ohne die würde hier vermutlich schon lange nix mehr laufen. Das Gehalt is für die Region wirklich in Ordnung, Weihnachtsgeld und Prämien inklusive, auch wenn's bei Letzterem an Transparenz fehlt. Die interne Ausbildung und die firmeneigene Fahrschule funktionieren richtig gut. Es werden auch Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt, find ich wirklich lobenswert. Und nicht zu vergessen, alle zwei Jahre gibt's ein großes Familienfest mit Essen, Trinken und Programm für die ganze Familie, das wird auch wirklich ordentlich aufgezogen und is für ein paar Stunden echt schön, so als würde man kurz vergessen, warum man den Rest des Jahres so erschöpft is.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Die Arbeitszeitkultur, bei der die Dauer der Arbeitszeit mehr zählt als tatsächliche Leistung. Die fehlende klare Linie von oben, weil mehrere Geschäftsführer selten an einem Strang ziehen. Der teils richtig raue, respektlose Umgangston, der von manchen Führungskräften eher gefördert als unterbunden wird. Dazu die veraltete Technik, die ständigen Platzprobleme und dass wirklich vieles nur mit Improvisation und gutem Willen der Kollegen zusammengehalten wird. Und dass Aufstieg oder Weiterbildung so gut wie nie von der Firma selbst kommt, sondern man dafür meistens komplett auf eigene Faust und eigene Kosten aktiv werden muss.
Verbesserungsvorschläge
Mehr Personal einstellen, bevor der Rest der Belegschaft vor lauter Dauereinsatz komplett durchdreht, wäre schon mal ein Anfang. Klare, einheitliche Ansagen von den Geschäftsführern wären auch nicht verkehrt, am besten alle mal an einen Tisch setzen und sich auf irgendwas einigen, egal auf was, Hauptsache alle wissen danach dasselbe. Technik und Stapler könnten auch mal ne Frischzellenkur vertragen, die Rechner starten inzwischen langsamer als so mancher Behördengang. Kommunikation nach unten dürfte ruhig öfter stattfinden, und zwar nicht nur, wenn's was zu meckern gibt. Und vielleicht könnte man das Zettelchaos in den Hallen mal aufräumen, bevor der Brandschutz vor lauter Papier gar nicht mehr durchkommt.
Arbeitsatmosphäre
Unter den normalen Kollegen ist es meistens erträglich bis richtig gut, hängt aber stark davon ab in welche Abteilung man grad einsortiert wird, is fast wie beim Adventskalender, manche Türchen sind top, andere eher enttäuschend. Man hält sich gegenseitig über Wasser, sonst würde man hier vermutlich schon nach der Probezeit die Faxen dicke haben. Es gibt viele die wirklich für einen einstehen und mit anpacken, wenn's eng wird. Aber genauso gibt's Leute, für die scheint das Fertigmachen von anderen sowas wie ne Challenge zu sein. Und statt dass da mal jemand bremst, machen manche Führungskräfte munter mit. Der Umgangston kann schon richtig derb ausfallen, da fühlt man sich streckenweise eher wie in ner Kneipenschlägerei ohne Fäuste, nur mit Worten. In der Verwaltung und Führungsetage is außerdem auffällig, wie viele da irgendwie familiär miteinander verbandelt sind, is fast wie bei ner großen Hochzeitsgesellschaft, nur ohne Einladung für den Rest der Belegschaft.Wer nicht zu diesem inneren Kreis gehört, hat's entsprechend schwerer, mitzureden oder überhaupt ernst genommen zu werden.Man lernt ziemlich fix, wem man was erzählen darf, sonst hängt's schon nächsten Tag am schwarzen Brett
Image
Nach außen präsentiert sich die Firma blitzsauber, mit Auszeichnungen, glänzenden Fotos und einer top gepflegten Internetpräsenz. Ähnlich wie bei so mancher politischen Führung existieren hier quasi zwei parallele Welten. Steht man dann tatsächlich morgens auf dem Betriebsgelände oder redet privat mit Kollegen, reibt man sich manchmal verwundert die Augen, so groß is der Unterschied zwischen Fassade und Wirklichkeit. Trotzdem bleiben viele, weil das Gehalt zuverlässig pünktlich kommt und die Alternativen in der Umgebung auch nicht gerade zahlreich sind, einen Obstkorb gibt's dafür allerdings nicht. Auffällig is auch, dass gerade langjährige, eingesessene Kollegen zunehmend das Weite suchen, weil sie hier für sich einfach keine Zukunft mehr erkennen können.
Work-Life-Balance
Also die Work-Life-Balance, dazu könnte man locker nen abendfüllenden Vortrag halten. Wenn viel los ist, wird eben 10, 12 Stunden geschuftet, ganz normal in manchen Abteilungen. Samstagsarbeit wird auch gern mal spontan angekündigt, so nach dem Motto, Überraschung!!, du arbeitest morgen doch. Über die Jahre ist das eher schlimmer geworden, ständig neue Kunden und Aufträge, aber mehr Personal, Fehlanzeige. offenbar rechnet man fest mit Selbstvermehrung der Belegschaft. Überstunden abzubauen is ungefähr so wahrscheinlich wie ne leere Lagerhalle, theoretisch denkbar, praktisch unwahrscheinlich... Man wird ständig kreuz und quer durch die Abteilungen verschoben, mal kommissionieren, mal verladen, mal irgendwo aushelfen, egal ob man davon Ahnung hat, Hauptsache ein Körper is grad greifbar. Am amüsantesten find ich wirklich die Kultur rund um die Arbeitszeit: wer zwölf Stunden im Betrieb rumsteht, gilt automatisch als der große Malocher, völlig egal was davon tatsächlich Arbeit war. Ob acht Stunden geschuftet oder eher 12 Stunden gemütlich zwischen Pausenraum und Flur gependelt wurde, spielt scheinbar keine Rolle, solange die Uhrzeit spät ist.
Karriere/Weiterbildung
Neben den üblichen Pflichtscheinen wie Ersthelfer, Brandschutzhelfer oder Staplerführerschein gibt's hier kaum Möglichkeiten, sich fachlich weiterzuentwickeln. Wer beruflich vorankommen will, etwa mit einer Meisterausbildung, muss das oft komplett selbst in die Hand nehmen, zeitlich wie finanziell, Unterstützung von der Firma sucht man da meistens vergeblich. In den gewachsenen Strukturen bleibt man weitgehend das, wofür man ursprünglich eingestellt wurde, Aufstiegschancen sind eher rar gesät. Grundlegend gibt's aber immerhin ein funktionierendes internes Ausbildungssystem, in dem quasi laufend neuer Nachwuchs für den Betrieb herangezogen wird, und dazu noch eine firmeneigene Fahrschule, die tatsächlich beide ganz gut funktionieren und ein echter Lichtblick in diesem Bereich sind.
Gehalt/Benefits
Beim Gehalt kann man hier ehrlich gesagt nicht meckern, für die Region liegt das im oberen Mittelfeld. Weihnachtsgeld gibt's dazu, ebenso Prämien. Wonach genau sich die Höhe der Prämien richtet, bleibt allerdings eines der bestgehüteten Firmengeheimnisse, vermutlich existiert dazu irgendwo eine geheime Formel, die außer der Führungsetage niemand kennt. Man wirft also einen Blick auf den Lohnzettel, wundert sich plötzlich über ne Prämie, freut sich kurz über die Zahl, und lässt es dabei, weil Nachfragen erfahrungsgemäß sowieso ins Leere läuft. Leider geht es auch umgedreht, wenn das Glücksrad der Prämienvergabe trotz hohem Einsatz sagt: "nö, diesen Monat gibt's weniger Prämie"
Umwelt-/Sozialbewusstsein
Beim Umweltschutz hat sich in den letzten Jahren einiges getan, Mülltrennung is inzwischen fest angekommen und überall entsprechend beschildert. Ob das nun aus eigenem Antrieb passiert oder eher weil der Gesetzgeber ordentlich nachgeholfen hat, sei mal dahingestellt, wichtig is, dass es läuft. Auch sozial zeigt sich die Firma engagiert, über eine Werkstatt werden Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt, das is definitiv positiv zu erwähnen. Im hektischen Tagesgeschäft rückt dieser Gedanke aber häufiger in den Hintergrund, wegen der Mentalität und dem generellen Charakter des Betriebs, weil am Ende doch meistens die Zahlen den Ton angeben und der Mensch etwas später auf der Liste steht.
Kollegenzusammenhalt
Ohne die Kollegen im Lager würde der Laden hier vermutlich schon längst den Bach runtergehen, das muss man einfach mal klar so sagen. Wenn irgendwo grad die Hölle los ist, wird angepackt, völlig egal ob's der eigene Bereich ist, da fragt keiner lang, da wird einfach zugegriffen. Ab und zu geht's dabei auch etwas ruppiger zu, Konflikte werden hier gern mal ganz direkt nach dem Prinzip Auge um Auge geklärt, ohne großen Umweg. Zwischen den Abteilungen bildet sich auch gerne mal so ne Art Rudel, da werden Grenzen gezogen und genüsslich über die vermeintliche Dummheit der anderen Abteilung hergezogen, is quasi ein interner Kleinkrieg. Manch einer im Lager scheint dabei evolutionär noch nicht ganz über das Stadium Höhle und Keule hinausgekommen zu sein, um's mal freundlich auszudrücken. Weil auch ständig zwischen Abteilungen gewechselt wird und die Fluktuation entsprechend hoch is, muss man sich zudem laufend an neue Gesichter gewöhnen, kaum hat man sich an jemanden gewöhnt, is der schon wieder woanders eingeteilt. Die Kollegen und ne Portion Humor sind schlicht der Hauptgrund, warum man morgens überhaupt noch gut gelaunt durchs Tor schreitet.
Umgang mit älteren Kollegen
Richtig alte Hasen trifft man hier seltener, als man denken würde, die ständige Fluktuation sorgt dafür, dass langjährige Kollegen eher die Ausnahme sind. Wer trotzdem lange durchhält, hat sich den Respekt der ganzen Truppe echt verdient, diese Kollegen haben nämlich schon jede Umstrukturierung, jeden neuen Geschäftsführer und jede verrückte Idee von oben live miterlebt und stehen trotzdem noch am nächsten Morgen wieder an ihrem Platz.
Vorgesetztenverhalten
Es gibt schon ein paar richtig anständige Vorgesetzte hier, die sich wirklich Mühe geben für ihr Team, das will ich klar erwähnen, tun einem fast leid bei dem was die täglich abkriegen. Erkennt man sie eigentlich immer daran, dass sie genauso überlastet wirken wie der Rest der Truppe, quasi gemeinsames Erkennungsmerkmal der ganzen Belegschaft. Das eigentliche Problem sitzt aber eher ne Etage höher, da wo die großen Entscheidungen fallen. Weil mehrere Geschäftsführer hier ihr eigenes Ding durchziehen, statt sich mal untereinander abzustimmen, weiß man unten oft schlicht nicht mehr, was heute überhaupt gilt. Montags gilt Ansage eins, mittwochs schon wieder Ansage zwei, und freitags hat's eh keiner mehr auf dem Schirm wer das Ganze überhaupt entschieden hat. Entscheidungen wechseln schneller als das Wetter im April. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, dass manche Vorgesetzte den Anforderungen ihrer eigenen Geschäfte gar nicht so richtig gewachsen sind, und Verantwortung wird dann ganz elegant und stilvoll nach unten weitergereicht. Am Ende macht dann doch wieder jeder das, was er persönlich für sinnvoll hält, und hält den Laden irgendwie am laufen.
Arbeitsbedingungen
An der einen oder anderen Stelle merkt man deutlich, dass Neuanschaffungen hier eher die Ausnahme als die Regel sind. Manche Werkzeuge und Geräte sehen aus, als hätten sie die ganze Firmengeschichte miterlebt, funktionieren aber trotzdem irgendwie weiter, zäh wie ein alter Kaugummi. Die Stapler tun sich mit den heutigen, deutlich schwereren Lasten sichtlich schwer, die Gabeln sind einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand. Die Rechner im Lager starten so gemächlich, dass man locker Zeit für ein kurzes Nickerchen hätte, bevor das Programm überhaupt geladen ist. Improvisation gehört zum Standardprogramm, Paletten werden zu Möbeln umfunktioniert, private Handys springen ein, wo dienstliche Technik fehlt. Die Hallen selbst sind zum Teil dunkle Katakomben, im Winter zieht's an vielen Ecken gnadenlos, das selbst die Arbeit als wärmste Jacke nicht reicht. Und weil der Platz einfach nicht mitwächst, obwohl ständig neue Aufträge reinkommen, wird geschoben, gequetscht und irgendwie doch noch alles untergebracht. Man hat insgesamt oft das Gefühl, ständig im Ausnahmezustand zu arbeiten.Dazu kommt, dass wirklich noch enorm viel auf Papier läuft, für so gut wie alles gibt's irgendeinen Zettel.
Kommunikation
Kommunikation läuft hier ungefähr so zuverlässig wie ein altes Radio mit Wackelkontakt, mal geht's, meistens rauscht's nur. Man sitzt sich direkt gegenüber am Schreibtisch und tippt trotzdem lieber ne Mail, keine Ahnung, vielleicht will man sich schriftlich absichern für den Fall der Fälle. Manche Themen werden auch einfach bewusst ignoriert, bis sie irgendwann von selbst platzen wie ein zu voller Luftballon. Meetings gibt's hier gefühlt häufiger als Aufträge, und am Ende steht meistens nur fest, dass man sich nochmal zusammensetzen muss, um zu klären was beim letzten Mal nicht geklärt wurde, wie ne Endlosschleife mit Terminplaner. Im Lager erfährt man wichtige Sachen meist erst, wenn der Zug eigentlich schon abgefahren ist, im wörtlichen Sinne manchmal sogar. Dafür läuft der interne Buschfunk mit einer Präzision, um die einen jeder Nachrichtendienst beneiden würde, halt eben nur mit deutlich mehr Ausschmückung. Als einfacher Mitarbeiter wird man auch selten richtig mitgenommen, wie's um die Firma steht oder welche Projekte gerade so laufen, davon erfährt man bestenfalls Bruchstücke. Man hat oft den Eindruck, manche Vorgesetzte können mit direktem Kontakt nicht so gut umgehen.
Gleichberechtigung
Auf dem Papier und in der Firmenpräsentation liest sich das Thema top, alle gleich, alle willkommen, richtig vorbildlich formuliert. In der Praxis, vor allem im Lager, sieht die Realität dann deutlich naja... anders aus. Wer körperlich eingeschränkt is oder aus irgendeinem Grund nicht ins gewünschte Bild passt, bekommt das ziemlich unverblümt zu spüren, ganz ohne Umwege. Wenn's dann mal offizielle Gespräche dazu gibt, verlaufen die meistens im Sande, mehr Show als wirkliche Auseinandersetzung damit. Wer dagegen bei den richtigen Leuten gut Wetter gemacht hat, darf sich einiges rausnehmen, während bei allen anderen jede Kleinigkeit mit der Lupe betrachtet wird.
Interessante Aufgaben
Langeweile is hier so ziemlich das letzte Problem, das man haben könnte, dafür sorgt schon ganz allein der Dauerpersonalmangel und die ständigen Last-Minute-Umplanungen. Kaum hat man sich irgendwo eingelebt, wird man auch schon woanders gebraucht, meist weil grad wer krank oder im Urlaub is und keiner nachbesetzt wurde. Die Personalfluktuation erscheint generell ziemlich hoch, wird aber halbwegs durch ständige Neueinstellungen wieder aufgefangen, viele davon Hilfskräfte oder Leute mit noch recht wenig Erfahrung. Eingearbeitet wird dann meistens nach dem bewährten Motto, einfach mal reinschmeißen und schauen wer schwimmt, is quasi neFeuertaufe direkt am ersten Tag. Man lernt dadurch aber tatsächlich extrem viel durchs bloße Ausprobieren, is nur manchmal ein bisschen viel auf einmal. Dadurch schnappt man jede Menge Praxiswissen auf und kann irgendwann fast überall mit anpacken, tief in ein Thema einsteigen kann man dabei aber selten, dafür wechselt der Wind hier zu oft die Richtung.