Kündigung. Oder: das beste Geschenk, das ich mir machen konnte.
Gut am Arbeitgeber finde ich
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und mich ausdrücklich dafür bedanken, dass ihr mir deutlich gemacht habt, dass es andere Arbeitgeber gibt, bei denen ich mich wohlfühle und gerne arbeite.
Schlecht am Arbeitgeber finde ich
Nichts mehr. Wirklich nicht. Ich arbeite jetzt schliesslich woanders.
Arbeitsatmosphäre
Die allgemeine Stimmung war eine gelungene Mischung aus Galgenhumor und kollektiver Resignation. Man hat sich weniger über Projekte unterhalten sondern mehr darüber, wer als nächstes fahnenflüchtig werden wird. Es war wirklich faszinierend zu beobachten, wie die erfahrensten Kollegen einer nach dem anderen das Handtuch warfen. Die Fluktuation war teilweise so hoch, dass das Onboarding neuer Mitarbeiter schon fast ein Fulltime-Job für die verbliebenen Kollegen war. Die ständigen Umstrukturierungen trugen ebenfalls nicht dazu bei, die Motivation aufrechtzuerhalten. "Permanentes Schleudertrauma" trifft es wohl am besten.
Work-Life-Balance
War ganz gut. 32 Tage Urlaub, ein Tag pro Monat vor Ort, der Rest im HO, flexible Arbeitszeiten und eine grosszügige Workation-Regelung suchten(!) auf dem Arbeitsmarkt ihresgleichen. Schade, dass jetzt daran gerüttelt wird.
Kollegenzusammenhalt
Auf der operativen Ebene tatsächlich ok. Man teilte sich nicht nur den Frust, sondern auch die letzten Überlebensstrategien. Es herrschte ein rührender Zusammenhalt – ähnlich wie bei Passagieren auf der Titanic, die sich gegenseitig noch einmal die Rettungswesten richten. Sobald man sich jedoch ausserhalb des eigenen Teams bewegte, betrat man vermintes Gelände. "Konstruktive Zusammenarbeit“ war hier ein Codewort für passiv-aggressive Teams-Nachrichten. Synergieeffekte wurden hier meistens durch Blame-Games ersetzt.
Vorgesetztenverhalten
Vielleicht die "aussterbende Spezies" der fähigen Führungskräfte mal klonen, statt sie nachhaltig zu vergraulen. Und für den Rest: ein Führungskräfte-Training, das über "Wie bediene ich Excel?" hinausgeht, könnte Wunder wirken.
Kommunikation
Kommuniziert wurde nach dem bewährten Prinzip "No News is Good News". Wobei "No News" hier weniger für Stabilität stand als für ein konsequent gepflegtes Informationsvakuum. Schlechte Nachrichten wurden nicht verschwiegen, nein – sie wurden kuratiert. Mit Hingabe. Und wenn selbst das nicht mehr half, wartete man einfach ab, bis das Kind nicht nur im Brunnen saß, sondern dort bereits einen unbefristeten Mietvertrag unterschrieben hatte. Relevante Informationen verbreiteten sich primär über den Flurfunk – das einzige Medium mit belastbarer Trefferquote. Offizielle Mitteilungen folgten dann mit der gewohnten Agilität eines Behördenbriefs. Man fühlte sich dabei weniger wie ein Mitarbeiter sondern mehr wie ein Statist in einem Improvisationstheaterstück ohne Skript. Die eigentliche Meisterleistung aber waren die "Austauschformate" mit der Führungsebene. Dort wurde in einem Englisch kommuniziert, das man respektvoll als "experimentell" bezeichnen muss. Wenn komplexe Sachverhalte in einem kreativen Crossover aus Schulenglisch, deutscher Satzlogik und spontaner Wortneuschöpfung "aligned" werden, entsteht ein ganz besonderer Zauber: internationale Verwirrung auf lokaler Ebene.
Gleichberechtigung
Es ist bewundernswert, wie konsequent jegliche individuelle Exzellenz auf ein einheitliches Niveau der allgemeinen Resignation heruntergebrochen werden kann.
Interessante Aufgaben
Wer nicht aktiv gräbt und sich Aufgaben quasi "klaut" oder unter dem Radar der Micromanager eigene Akzente setzt, wird schnell im Treibsand der Bedeutungslosigkeit versinken.


